Das Magazin des German Design Council
Künstliche Intelligenz als Designer: Die Stuhlformen, die bei Immanuel Kohs Forschungsexperiment „Neural Monobloc Black” entstanden, wurden von vortrainierten KI-Modellen entworfen. Die Designs wurden anschließend in Holz umgesetzt © Immanuel Koh
Immanuel Koh

Die KI lernt zu entwerfen

Interview: Fabian Peters
Künstliche IntelligenzArchitekturDesign
Mit gleich zwei Projekten hat Immanuel Koh die Jury des German Design Award überzeugt. Beide erforschen die Anwendungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz in Architektur und Design. Wir haben den Professor der Singapore University of Technology and Design (SUTD) gefragt, wie KI die Zukunft der Architektur beeinflussen wird.

Immanuel, du bewegst dich mit deiner KI-Forschung Jahren an der Schnittstelle von Informatik, Architektur und Design. Auf der letzten Architekturbiennale 2025 in Venedig hast du dein Projekt „Neural Monobloc Black“ ausgestellt, das auch beim German Design Award ausgezeichnet wurde. Was hatte es damit auf sich?

Immanuel Koh: Es handelt sich um eine Serie von acht Monoblock-Stühlen aus geupcyceltem, schwarz verkohltem Teakholz. Ihre Formen sind Stühle sind durch die Feinabstimmung eines bereits vortrainierten KI-Modells (Anm. d. Red.: wie Chat-GPT oder Claude) mit meinem eigenen, neu entwickelten KI-Modell entstanden. Vortrainierte KI-Modelle lassen sich sofort einsetzen, ohne dass sie trainiert werden müssen. Als ich zwischen 2023 und 2024 die Designforschung für Neural Monobloc Black“ durchführte, war diese Technik noch recht neu. Der Designprozess bestand aus zwei Teilen: Der erste bestand darin, ein bestehendes, vortrainiertes Text-zu-Bild-Diffusionsmodell so zu verbessern, dass es Bilder eines neuen Monoblock-Designs erzeugen konnte. Der zweite darin, ein neues KI-Modell zu entwickeln, um die im ersten Teil generierten zweidimensionalen Bilder in realisierbare digitale 3D-Modelle zu übersetzen. Die daraus resultierenden 3D-Entwürfe wurden anschließend im Maßstab 1:1 aus Holz gefertigt und im Biennale-Pavillon von Singapur ausgestellt.

Was wird der nächste Forschungsschritt sein, den du in Angriff nimmst?

Ich arbeite derzeit an einem Projekt, das ich hoffentlich Ende dieses Jahres vorstellen kann. Es handelt sich um einen zweistöckigen öffentlichen Pavillon, den man auch betreten kann. Er wird mit einem maßgeschneiderten KI-Workflow entworfen, der jedes einzelne Teil des Pavillons wie ein 3D-Puzzle generiert. Anschließend werden diese Teile im 3D-Druckverfahren aus Beton hergestellt. Ich versuche dabei unter anderem herauszufinden, inwieweit das KI-Modell generativ eine Verbindung zwischen dem, was es als äußere Formen wahrnimmt, und dem, was es sich als Innenräume vorstellt, herstellen kann. Zwar werden in der Spieledesign-Branche derzeit mehrere KI-Systeme zur Generierung von 3D-Szenen eingesetzt, doch folgen die erzeugten virtuellen Formen und Räume nicht unbedingt einer realen architektonischen Logik und wären für echte Menschen nicht nutzbar, wenn sie physisch gebaut würden.
 

Wie wird KI die Art wie wir entwerfen zukünftig verändern?

Bislang sehen viele Architektinnen und Architekten KI in erster Linie als Werkzeug zur Erstellung von Renderings und Visualisierungen. Die neuesten Entwicklungen gehen jedoch in die Richtung, dass KI tatsächlich in der Lage sein wird, dreidimensionale und baubare parametrische Entwürfe zu erstellen. Somit sind für die digitale Erstellung von Architekturentwürfen in 3D möglicherweise bald keine umfangreichen Kenntnisse in Softwareprogrammierung oder computergestütztem Entwerfen mehr erforderlich. Man kann dann einfach Anweisungen in einfachem Englisch (oder einer anderen Sprache wie Deutsch) geben, um 3D-Entwürfe zu erstellen. Diese Entwürfe werden dann von der KI in Zeichnungen und Pläne umgewandelt. Die Kernkompetenz von Architektinnen und Architekten wird somit zukünftig nicht mehr in der Entwurfsmodellierung von Gebäuden und der Erstellung von Bauplänen liegen, sondern in anderen Qualifikationen. Eines meiner aktuellen Forschungsprojekte befasst sich damit, inwieweit verschiedene innovative KI-Modelle in der Lage sind, architektonisch zu denken – sei es beim Verständnis von Bauplänen oder von Konzeptdiagrammen.
 

Die eigenwilligen Formen der Stühle des „Neural Monobloc Black” sind Ergebnis eines zweistufigen KI-Prozesses© Immanuel Koh
Im ersten Schritt entwarf ein „Text-zu-Bild”-KI-Modell verschiedene Designs. Im zweiten Schritt übersetzte ein weiteres Modell diese Bilder in 3D-Zeichnungen © Immanuel Koh

„KI wird bald in der Lage sein, dreidimensionale und baubare parametrische Entwürfe zu erstellen.”
 Immanuel Koh

Was denkst du: Werden kleine oder große Architekturbüros die Gewinner dieser KI-Revolution sein?

Kleine Büros haben den Vorteil, dass sie über einen dezentraleren oder flacheren Technologie-Stack verfügen – oder über gar keinen. Sie können daher agiler auf neue technologische Entwicklungen reagieren. Diese neuen Technologien könnten es ihnen ermöglichen, den Nachteil auszugleichen, den sie im Wettbewerb aufgrund fehlender Ressourcen haben. Das beschränkt sich jedoch naturgemäß auf die Entwurfsphase. Letztendlich geht es um den Bau eines Gebäudes – und das ist natürlich ein weitaus komplexerer Prozess. Der Vorteil großer Büros liegt in ihrer Fähigkeit, systematisch auf jahrelangem Wissen und Knowhow aufzubauen. Wenn große Architekturbüros in der Lage sind, schnell auf KI umzusteigen, können sie davon weitaus stärker profitieren als kleinere Büros.

Kannst du an neuen Gebäuden bereits Spuren von KI-Nutzung entdecken?

In den Neunzigern gab es Gebäude, bei denen man deutlich erkennen konnte, dass sie mit Programmen wie Rhino Grasshopper oder Autodesk Maya entworfen wurden. Das ist jedoch nicht mit dem Einsatz von KI vergleichbar. KI nutzt verschiedene Programme als Werkzeuge – und diese bieten heute weitaus vielfältigere Möglichkeiten als damals. Genauer gesagt ermöglicht die heutige sogenannte agentische KI dem Designer, je nach Bedarf zwischen mehreren Software-Anwendungen zu wechseln (oder diese sogar parallel laufen zu lassen). Ich könnte zum Beispiel mit Blender einen Entwurf beginnen und dann parallel mit Rhino oder Revit fortfahren. Dabei müsste ich nicht in drei 3D-Umgebungen direkt manuell interagieren oder modellieren, sondern könnte das einfach mithilfe von Eingabeaufforderungen über MCPs (Model Context Protocol) tun. Theoretisch ermöglicht mir das, alle klar erkennbaren visuellen Spuren eines bestimmten Produkts zu verwischen. Darüber hinaus werden KI-Anwendungen von Architekten zunehmend für pragmatische Aufgaben – etwa zur Erhöhung der Produktivität – eingesetzt, bei denen stilistische Fragen keine große Rolle spielen.
 

Wird es perspektivisch so etwas wie einen KI-Stil geben?

KI kann theoretisch jeden denkbaren Stil simulieren. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit, sich auf eine bestimmte Richtung festzulegen oder eine neue Architektursprache zu entwickeln. Das kann man als Problem begreifen. Man kann es meiner Meinung aber auch als Chance sehen, darüber zu reflektieren, dass letztendlich jeder Architekturstil „künstlich“ ist.  

Warum reagieren viele Architektinnen und Architekten so ablehnend beim Thema KI?

Ich glaube, das hängt mit dem „Alternativlos“-Narrativ der großen Tech-Firmen zusammen. Viele Beschäftigte werden derzeit von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt, KI zu verwenden. Eine Gegenreaktion erscheint mir da völlig normal. Ich halte diese sogar für wichtig und gesund! Ein bisschen ist es wie im späten 19. Jahrhundert mit der Arts and Crafts-Bewegung als Reaktion auf die Industrialisierung. Auch wenn die Bewegung die industrielle Produktion nicht aufhalten konnte, hat sie doch einen unschätzbaren Impuls zur kritischen Reflektion erzeugt. Architektur ist keine rein ingenieurwissenschaftliche Disziplin und sollte solche Entwicklungen immer kritisch hinterfragen.

In Deutschland belegen Bewegungen wie „Einfach bauen“ den Wunsch nach Komplexitäts- und Technikreduktion bei vielen Architektinnen und Architekten. Wie ist die Situation in Singapur?

In Singapur sind derartige Tendenzen nicht sehr ausgeprägt. Im Gegenteil: Hier hat der Premierminister persönlich die „Smart Nation“-Initiative ins Leben gerufen, bei der ein Programm namens „AI Singapore“ (AISG)eine Schlüsselstellung einnimmt. Die Grundstimmung in der Architektur ist in Singapur sehr optimistisch, insbesondere unter jungen Architekturschaffenden. Viele KI-Unternehmen haben hier Niederlassungen gegründet, weil die Regierung die Technologie fördert. Meiner Meinung nach hat sie Singapur sehr geschickt im internationalen Wettbewerb platziert. 

Wie drückt sich die KI-Begeisterung in Singapurs Architekturszene aus? 

Diverse große Architekturbüros in Singapur haben angefangen in KI zu investieren. Sie haben teilweise eigene Forschungsabteilungen gegründet, die maßgeschneiderte KI-Tools entwickeln. Viele meiner Studentinnen und Studenten haben nach ihrem Abschluss in solchen Abteilungen angefangen, um ihre KI-Kenntnisse zu vertiefen. Die Regierung fördert tatkräftig den Einsatz von KI in der Architektur beziehungsweise in der gesamten Bauwirtschaft. Ein Beispiel dafür sind die jährlichen Archifest AI-Hackathons der Young Architects League (YAL) des Singapore Institute of Architects, bei denen ich in den letzten drei Durchgängen in der Jury saß: Sie wurden nicht nur von kommerziellen Unternehmen wie Autodesk, sondern auch von singapurischen Regierungsbehörden wie der Building & Construction Authority (BCA) großzügig unterstützt.
 

Über den German Design Award

Design verändert die Welt, der German Design Award macht es sichtbar. Mit der international renommierten Auszeichnung werden Projekte prämiert, die durch Gestaltung Innovation vorantreiben, Verantwortung übernehmen und neue Perspektiven schaffen. Ausgerichtet vom German Design Council, steht der German Design Award für Designqualität mit Haltung – interdisziplinär gedacht, global vernetzt, strategisch relevant.

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