Das Magazin des German Design Council
Zumtobel auf der Light + Building 2026 © Zumtobel Lighting
Light + Building 2026

Vom Lichtobjekt zur Systemarchitektur

DesignMesse
Was bedeutet es heute, Licht zu entwerfen? Auf der Light + Building 2026 zeigte sich: Diese Frage lässt sich nicht mehr isoliert beantworten. Licht ist kein eigenständiges Element mehr, das sich nachträglich in die Architektur einfügt. Es ist Teil eines Systems, das Energieflüsse steuert, Daten generiert und den Betrieb von Gebäuden mit organisiert.

Leuchten registrieren Präsenz, werten Tageslicht aus und führen Informationen in übergeordnete Plattformen zurück. Systeme koppeln Beleuchtung an Energieflüsse, reagieren auf Nutzung und integrieren sich in Plattformen für Steuerung und Analyse. Licht wird damit auch Teil energetischer Infrastrukturen, etwa im Zusammenspiel mit Ladeinfrastruktur oder intelligenten Energieverteilern wie „M.ONE“ von Mennekes oder Leistungsschaltern wie „ABB SACE Emax 3”.  Was früher als Ausstattung galt, ist heute Infrastruktur. Licht wirkt nicht mehr nur im Raum, sondern im System.

Infrastruktur statt Ausstattung

Diese Verschiebung beginnt auf technischer Ebene. Protokolle wie „DALI” und Initiativen wie „Zhaga” definieren, wie Komponenten miteinander kommunizieren und welche Systeme anschlussfähig bleiben. Leuchten werden dadurch zu Schnittstellen. Systeme wie das „Wago Building Ecosystem” oder cloudbasierte Plattformen wie „Siedle IQ” zeigen, wie Beleuchtung, Kommunikation und Gebäudesteuerung zusammengeführt werden. Sensorlösungen wie „airASPECT“ von Thorn oder Steuerungssysteme von Tridonic erweitern die Lichtinfrastruktur um kontinuierliche Datenerfassung zu Raumklima, Nutzung und Qualität. Damit verschiebt sich Gestaltung. Sie liegt nicht mehr nur in der Form einer Leuchte, sondern in der Organisation von Verbindungen. Gleichzeitig zeigt sich ein gegenläufiger Trend zur Vereinfachung. Systeme wie „MIXIT” von Grundfos bündeln komplexe technische Funktionen in Plug-and-Play-Einheiten und reduzieren Planungs- und Installationsaufwand.

Standards als Systemlogik

Mit der zunehmenden Vernetzung gewinnen Standards eine neue Rolle. Sie strukturieren nicht nur Datenflüsse, sondern auch die physischen Möglichkeiten eines Systems. Initiativen wie Zhaga zeigen, dass Austauschbarkeit und Reparaturfähigkeit nicht erst im Nachhinein entstehen. Sie müssen von Anfang an mitgedacht werden, etwa durch standardisierte Schnittstellen und kompatible Komponenten. Ob ein System später erweitert, repariert oder angepasst werden kann, wird damit bereits im Entwurf entschieden.

Entwerfen im Betrieb

Mit der Integration von Sensorik verändert sich auch der Entwurf selbst. Licht ist kein stabiler Zustand mehr, sondern ein System, das sich fortlaufend anpasst. In der Konzeptstudie „Matrix“ von Zumtobel wird das unmittelbar erfahrbar. Sensoren erfassen, was im Raum geschieht, erkennen Tätigkeiten und Bewegungen. Algorithmen werten diese Informationen aus und übersetzen sie in veränderte Lichtverhältnisse. Die Beleuchtung reagiert, passt sich an, verschiebt ihre Wirkung im Moment der Nutzung. Ähnliche Ansätze zeigen sich auch in datenbasierten Plattformen, bei denen Beleuchtungsinfrastruktur zur Grundlage für Analyse und Optimierung wird, etwa im Zusammenspiel mit Smart-Office-Systemen wie denen von „LIZ”, die Nutzungsmuster sichtbar machen und Räume entsprechend organisieren. Der Entwurf beschreibt damit keinen festgelegten Zustand mehr. Er definiert einen Rahmen, innerhalb dessen sich Situationen erst im Gebrauch ausbilden. Daten fließen zurück in Steuerung und Optimierung. Systeme reagieren dabei nicht nur, sondern beginnen, Muster zu erkennen und Abläufe vorausschauend anzupassen. Planung und Betrieb greifen ineinander.
 

Weiterbauen statt ersetzen

Besonders deutlich wird diese Logik im Umgang mit dem Bestand. Viele der gezeigten Lösungen zielen nicht auf Neubau, sondern auf Transformation. Anstatt bestehende Installationen vollständig zu ersetzen, setzen sie auf Weiterverwendung. Systeme wie der 2-Draht-Umsetzer von Gira nutzen vorhandene Leitungen, um analoge Türkommunikation in digitale Netzwerke zu überführen. Bestehende Infrastruktur bleibt erhalten, wird aber funktional erweitert. Ähnlich arbeiten hybride Steuerungen wie bei Trilux, die kabelgebundene DALI-Netzwerke mit funkbasierten Systemen verbinden. Auch Erweiterungen wie Bluetooth-Gateways zeigen, wie bestehende Systeme schrittweise in vernetzte Strukturen überführt werden können.
So lassen sich bestehende Anlagen an neue Anforderungen anpassen, ohne tief in die Bausubstanz einzugreifen und auch im laufenden Betrieb umzusetzen. Gebäude werden nicht neu gedacht, sondern weitergeschrieben.

Dauer als Entwurfsproblem

Mit dieser Entwicklung verschiebt sich auch das Verständnis von Nachhaltigkeit. Entscheidend ist nicht nur Effizienz, sondern die Fähigkeit zur Veränderung.
Die Leuchte „Enviva“ von XAL steht exemplarisch für diesen Ansatz. Sie ist zerlegbar konstruiert, kommt ohne Klebeverbindungen aus und lässt sich vollständig in ihre Bestandteile zurückführen. Auch der Remanufacturing-Service von Zumtobel zeigt, wie sich Produkte über mehrere Lebenszyklen hinweg weiterentwickeln lassen. Bestehende Leuchten werden dabei nicht entsorgt, sondern industriell aufbereitet, aktualisiert und erneut eingesetzt. Systeme wie „Solena“ machen darüber hinaus ihre technische Struktur sichtbar. Konstruktion und Befestigung werden nicht verborgen, sondern offengelegt. Hier entsteht eine Ästhetik, die sich aus der Konstruktion selbst ergibt.
 

„Licht wird nicht ausgestellt, sondern eingestellt. Seine Qualität zeigt sich im Gebrauch.“

Gestaltung im Systemzusammenhang

Unter diesen Bedingungen lässt sich Gestaltung nicht mehr allein über Form beschreiben. Sie bewegt sich zwischen technischer Infrastruktur und räumlicher Erfahrung. Licht strukturiert Nutzung, unterstützt Prozesse und reagiert auf Verhalten. Gleichzeitig entstehen neue Anwendungen, etwa in der datenbasierten Flächensteuerung von Arbeitsumgebungen oder in der Integration von Licht in urbane Infrastrukturen wie adaptive Straßenbeleuchtungssysteme. Auffällig ist eine Zurücknahme zugunsten von Präzision. Licht wird nicht ausgestellt, sondern eingestellt. Seine Qualität zeigt sich im Gebrauch.

Neuverortung der Branche

Auf der Light + Building 2026 wird deutlich, dass es sich nicht um eine abrupte Wende handelt, sondern um eine Verschiebung. Diese zeigt sich über unterschiedliche Maßstabsebenen hinweg, von einzelnen Leuchten bis hin zu vernetzten Gebäude-, Energie- und Stadtinfrastrukturen. Licht verliert in diesem Zusammenhang den Status eines Objekts und gewinnt an Reichweite. Es wird Teil eines Gefüges, das Architektur, Technik und Nutzung verbindet. Es organisiert nicht nur Wahrnehmung, sondern auch Betrieb, Energie und Wissen. Gerade darin liegt seine neue gestalterische Rolle.
 

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