Das Magazin des German Design Council
Der japanische Designer Naoto Fukasawa wurde beim German Design Award 2026 als „Personality of the Year" ausgezeichnet. © Naoto Fukasawa Design
Naoto Fukasawa

Wenn Design verschwindet

Personality of the YearDesign
Der japanische Designer Naoto Fukasawa wurde beim German Design Award 2026 als „Personality of the Year" ausgezeichnet. Seine Arbeit verkörpert ein leises, intuitives Verständnis von Design, das sich erst im alltäglichen Gebrauch entfaltet. Wir sprachen mit ihm über deutsches Design, Nachhaltigkeit sowie die Rolle von Beobachtung und Intuition in seiner Arbeit.

Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung als „Personality of the Year“ beim German Design Award 2026. Dieser renommierte Preis des German Design Council hat für Sie vermutlich eine besondere Bedeutung, da deutsches Design einen wichtigen Einfluss auf Ihre Arbeit hatte. Stimmt das? 

Naoto Fukasawa: Die deutsche Designphilosophie bildet ein Fundament für das Design insgesamt. Auf diesem Fundament bauen unterschiedliche Kulturen ebenso auf wie die Gedanken, Persönlichkeiten und der Sinn für Humor einzelner Designer. Dieses Zusammenspiel verleiht dem Design seine Bedeutung und seinen Reichtum. 

Gibt es bestimmte in Deutschland gestaltete Produkte, die Sie in jungen Jahren nachhaltig beeindruckt haben? 

ERCO-Leuchten und LAMY-Füller. Ich bin stolz darauf, dass ich für diese großartigen Marken gestalten durfte und mich dabei intensiv mit den Ursprüngen, Haltungen und Typologien des deutschen Designs auseinandersetzen konnte. 

Ihre Philosophie des „Designs ohne Nachdenken“ steht im Zentrum Ihrer Arbeit. Können Sie beschreiben, wie intuitives Verhalten Ihren Designprozess von Beginn eines Projekts an leitet? 

Ich beginne damit, mich zu fragen, wie ich selbst in einer bestimmten Situation oder Verfassung handeln oder reagieren würde. Anschließend prüfe ich, ob sich diese Reaktion für einen Menschen alltäglich und natürlich anfühlt. So gewinne ich die Sicherheit, dass eine in diesem Zusammenhang typische Reaktion tatsächlich universell ist. Das Bewusstsein, dass ich selbst einen ganz gewöhnlichen Menschentyp repräsentiere, wird dabei oft zu einer wichtigen Erkenntnisquelle.

Ich erinnere mich an das „Ideal House“, das Sie für die imm cologne 2007 entworfen haben – ein Projekt, das vom German Design Council konzipiert und über viele Jahre organisiert wurde. Damals war Zaha Hadid Ihre Gegenspielerin, da immer mindestens zwei Ideal-House-Konzepte auf der Messe präsentiert wurden. Welche Erinnerungen haben Sie an das Projekt? 

Zaha und ich blickten in sehr unterschiedliche Richtungen. Ich war der Ansicht, dass sich das Universelle im Design nicht wesentlich verändert, während Zaha – so denke ich – eine Universalität verfolgte, die sich in Richtung Zukunft weiterentwickelt und transformiert. Beide Ansätze waren meiner Meinung nach in starken und ausgewogenen Designphilosophien verankert. 

Über Jahrzehnte wurde deutsches Design als „kantig und zuverlässig“ beschrieben. Gilt dieses Bild Ihrer Meinung nach heute noch auf den globalen Märkten? 

Diese Wahrnehmung ist weiterhin relevant. Sie ist vergleichbar mit dem Empfinden einer bestimmten Ordnung innerhalb des Chaos.

„Wenn Menschen ein Objekt benutzen, ohne überhaupt zu bemerken, dass es gestaltet wurde, erfüllt es wirklich seine Funktion.“
Naoto Fukasawa

Gemeinsam mit Jasper Morrison haben Sie den Begriff „Super Normal“ geprägt, um sehr einfache, unprätentiöse Entwürfe von Werkzeugen und Alltagsgegenständen zu beschreiben. Begegnen Ihnen heute noch Produkte, die in Ihren Augen in diese Kategorie fallen?

Ich stoße oft auf Dinge, die sich super normal anfühlen. Es ist ein Akt der Wiederentdeckung des täglichen Lebens. Ich arbeite eng mit Muji zusammen. Unser Ziel dort ist es, Produkte zu entwickeln, die irgendwann super normal werden.

2023 erhielt Ihr Lounge Chair „Land“ für Plank den German Design Award. Für mich wirkt der Stuhl fast skulptural: sehr eigenständig, minimal, aber nicht unbedingt „super normal“. Wie sehen Sie das?

Der Entwurf war inspiriert von Bildern wie einer landenden Raumkapsel oder einem Boot mit Doppelrumpf. Die Sitzposition ist offen und frei, zugleich stand aber auch die Vorstellung eines Cockpits oder eines Pilotensitzes im Raum. Das hat wenig mit dem Gedanken des Super Normal zu tun. Ich sehe den Stuhl vielmehr in der Tradition jener radikalen und mutigen Entwürfe, die Konstantin Grcic und ich in unserer gemeinsamen Arbeit für Plank auf unterschiedliche Weise verfolgen. Ich schätze Konstantin sehr.

Viele Ihrer Produkte verkörpern die Idee, dass gutes Design im Alltag nahezu verschwinden sollte. Woran erkennen Sie, dass ein Entwurf diesen Zustand stiller, fast unsichtbarer Einfachheit erreicht hat?

Für Menschen, die sich mit Design beschäftigen, kann ein Objekt eine tiefe und inspirierende Erfahrung sein. Wird es jedoch genutzt, ohne dass man sich seiner Gestaltung bewusst ist – ganz selbstverständlich –, erfüllt es wirklich seine Funktion.

Wie schwierig ist es, ein schlichtes Design in eine wirklich elegante Lösung zu überführen? Gab es Projekte, die in dieser Hinsicht besonders anspruchsvoll waren? 

Beim Beobachten der Welt ist es wichtig, nicht nur zu schauen, sondern poetisch zu sehen. Eine gewöhnliche Szene kann allein durch die Anwesenheit oder Abwesenheit von Musik poetisch werden. Diese Sensibilität ist meiner Meinung nach entscheidend, um etwas, das lediglich schlicht gestaltet ist, in etwas wahrhaft Elegantes zu verwandeln.

„Design ist ein Akt, Dinge zu gestalten, die wirken, als seien sie ohne Absicht oder Zweck entstanden. Ich wünsche mir, dass junge Designer dies verstehen und erkennen, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist.“
Naoto Fukasawa

Wie stehen Sie zu KI im Design? Kann sie helfen, Ideen zu generieren und zu formen, oder sehen Sie sie als Bedrohung für den Beruf? Und haben Sie selbst schon KI in einem Designprojekt eingesetzt? 

Künstliche Intelligenz bringt keine Ideen hervor. Eine Idee entsteht wie ein zarter Keim. KI kann den Boden vorbereiten, ihn schnell umpflügen und fruchtbar machen – manchmal streut sie sogar selbst Samen aus. Doch zu entscheiden, was gesät werden soll, bleibt Aufgabe des Designers. Genau darin zeigt sich das Menschliche.

Beobachtung spielt also eine zentrale Rolle in Ihrem Ansatz. Gab es in letzter Zeit bestimmte Situationen oder Verhaltensweisen, die bei Ihnen zu einer neuen Design-Erkenntnis geführt haben?

Beobachtung bedeutet weniger, etwas Sichtbares anzuschauen, als vielmehr, die Umgebung mit den Augen zu berühren. Selbst wenn unsere Augen offen sind, sehen wir nur das wirklich, worauf wir uns bewusst konzentrieren. Gleichzeitig wird die gesamte umgebende Information in unserem Gedächtnis gespeichert. Manchmal taucht sie plötzlich wieder auf und wird zu einer Erkenntnis – etwa wenn man realisiert: „Ah, das wusste ich eigentlich schon. Deshalb sind Biergläser dick.“

Könnten Sie das bitte etwas erläutern?

Für mich ist das Auge eine Art taktiler Sensor, der die Textur der Welt ertastet. Denken Sie an den Unterschied zwischen einem dünnen Wein- und einem dicken Bierglas. Der Druck, den Ihre Finger ausüben, ist nicht derselbe. Ein dünnes Glas drückt stärker gegen die Finger zurück als ein dickes. Diese Anpassung geschieht visuell, bevor sie physisch wird. Diese Anpassung wird zur Geste – und letztlich verändert sie die Art, wie wir Wein oder Bier trinken.

„Abfall zu vermeiden, indem man nur das verwendet, was wirklich notwendig ist, ist meiner Ansicht nach ein grundlegendes Prinzip für alle.“

Naoto Fukasawa

Aspekte wie Langlebigkeit und ökologische Verantwortung werden häufig mit Ihrer Arbeit in Verbindung gebracht. Wie definieren Sie heute nachhaltiges Design, und wie stellen Sie sicher, dass Produkte über lange Zeit relevant bleiben, statt zu Wegwerfartikeln zu werden? 

Produziere nicht mehr als nötig. Kaufe nicht mehr als nötig. Nutze Dinge lange. Und verwende keine Materialien, die der Umwelt schaden. Abfall zu vermeiden, indem man nur das verwendet, was wirklich notwendig ist, ist meiner Ansicht nach ein grundlegendes Prinzip für alle. 

Ist es nach wie vor schwierig, Unternehmen davon zu überzeugen, ökologische Materialien und nachhaltige Produktionsmethoden einzusetzen? 

Viele Unternehmen haben noch immer zu wenig Vertrauen, wenn es um den Einsatz umweltverantwortlicher Materialien oder nachhaltiger Produktionsmethoden geht. Dennoch glaube ich, dass das Bewusstsein für dieses Thema wächst und dass diese zunehmende Sensibilisierung ihr Denken allmählich verändert.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der heute Design studiert?

Sowohl die Natur als auch das menschliche Leben existieren im Chaos. Es ist jene Art von Ordnung, die scheinbar natürlich aus diesem Chaos heraus entsteht – fast so, als wäre sie einfach da –, die Menschen tief bewegt. Auch Design ist ein Akt, Dinge zu gestalten, die wirken, als seien sie ohne Absicht oder Zweck entstanden. Ich wünsche mir, dass junge Designer dies verstehen und erkennen, dass der Mensch selbst Teil der Natur ist.

Über Naoto Fukasawa

Naoto Fukasawa wurde 1956 in der japanischen Präfektur Yamanashi geboren. Er studierte Design an der Tama Art University in Tokio und sammelte früh Berufserfahrung als Designer. Ende der 1980er-Jahre zog er in die USA, wo er in San Francisco Teil von ID Two wurde, dem Vorläufer von IDEO. Nach seiner Rückkehr nach Japan war er maßgeblich am Aufbau von IDEO Japan beteiligt, bevor er sich 2003 mit dem Studio Naoto Fukasawa Design in Tokio selbstständig machte. Neben seiner internationalen Designpraxis war er Mitglied des Beratungsgremiums von MUJI und gründete die Marke +/–0, die sich der Gestaltung funktionaler Alltagsprodukte widmet. Fukasawa lehrt Produktdesign an japanischen Kunsthochschulen und arbeitet für internationale Marken aus Europa und Asien. 2007 realisierte er im Auftrag des German Design Council das „Ideal House“ auf der imm cologne. Seine Arbeiten wurden weltweit ausgezeichnet; Zuletzt 2026 als Personality of the Year beim German Design Award

Über den German Design Award – „Personality of the Year"

Mit der Auszeichnung „Personality of the Year" ehrt der German Design Award herausragende Persönlichkeiten, die durch innovative Ideen einen transformativen Wandel anstoßen. Die Auszeichnung wird an Persönlichkeiten verliehen, die einen bedeutenden Einfluss auf das Design und seinen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und die Umwelt ausgeübt haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Visionäre wie Paula Scher, Jil Sander, David Chipperfield und Hartmut Esslinger.

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