Zirkuläre Ansätze in Kopenhagen
Was passiert mit einem Produkt am Ende seiner Nutzung? Diese Frage war auf den diesjährigen 3daysofdesignin Kopenhagen an vielen Stellen präsent. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Eher wie eine Stimmung, die sich durch Showrooms, Hinterhöfe und Fabrikhallen zog und sich in den Dingen selbst materialisierte: Zum Beispiel in einem Lounge Chair ohne Verklebungen, in Lampen aus Salzkristallen und Möbeln aus Ästen, die bei der Pflege von Straßenbäumen anfallen.
Das Motto der diesjährigen Ausgabe lautete „Make This Moment Matter": „Wir laden die Menschen dazu ein, über den sogenannten ‚Ripple Effect‘ nachzudenken – also darüber, welche Auswirkungen ihr Handeln auf die Umwelt und die Gesellschaft insgesamt hat“, erklärt Signe Byrdal Terenziani, Gründerin und Direktorin von 3daysofdesign. „Wer unser Motto ernst nimmt, trifft bewusste Entscheidungen über die Gestaltung seines Lebensumfelds. Mit Produkten, die der Umwelt nicht schaden, Räumen, die das Wohlbefinden fördern, und Orten, die ein Gefühl von Zugehörigkeit schaffen.“

Nachhaltigkeit als Rahmen
Bemerkenswert ist, dass Nachhaltigkeit bei den 3daysofdesign sogar strukturell verankert ist: „Um für die Teilnahme am Festival zugelassen zu werden, müssen Ausstellende ihr Engagement für nachhaltige Praktiken nachweisen“, sagt Terenziani. Nachhaltigkeit trat damit in Kopenhagen nicht als Randthema auf, sondern war in den gezeigten Projekten in unterschiedlichen Materialien, Prozessen und Produkten präsent. Das Spektrum reichte vom Einsatz natürlicher und biobasierter Materialien und Komponenten über innovative Prozesse bis hin zu Reduktion, Re-use und Urban Mining.
Trennbarkeit und Schaumstoff-Alternativen
„Ein Sessel mit Zukunft geht ehrlich mit seinen Materialien um. Gerade bei Polstermöbeln gilt es, Standards wie gängigen PU-Schaum und verklebte Komponenten zu hinterfragen – zugunsten nachhaltiger, recycelbarer Lösungen, deren Elemente sich einfach trennen und in einen Kreislauf führen lassen“, erklären Lisa ErtelundAnne-SophieOberkrome vom Berliner Studio Œ.
Für Vitra entwickelten sie einen neuen Lounge-Chair, der in Kopenhagen vorgestellt wurde. Inspiriert vom umhüllenden Komfort einer Jacke verbindet „Bascule" eine innovative Mechanik mit einer zirkulären Konstruktion. Der Stuhl kommt ohne Verklebungen aus, setzt auf trennbare, reparierbare und austauschbare Komponenten mit hohem Recyclinganteil. Der Bezug ist abnehmbar, die Kissen bestehen aus Recyclingfasern oder dem recycelbaren PU-Schaum V-Foam.
Auch die neue Sitzmöbelserie „Aom" von Jean-Marie Massaud für Arper folgt dieser Logik: reduziert, leicht, mechanisch trennbar und auf kreislauffähige Materialien wie Breathair oder V-Foam ausgerichtet.



Nomadisches Wissen
Der „10 Nodes Chair" des kasachischen Designers Daniyar Uderbekov übersetzt diesen Ansatz in eine reduzierte Konstruktion aus nur zehn Verbindungspunkten. Der Rahmen entsteht aus Holzresten von Gartengeräten, die Polsterung aus handgefilzter Schafwolle. Mit dem Material Filz verweist Uderbekov gezielt auf nomadische Bauweisen, in denen Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Klimaanpassung selbstverständlich sind.


Holz und Wiederverwendung
Die Marke Hem markierte das Debüt des „Min Chair" von Max Lamb, eines neuen Stuhls aus massivem Kiefernholz, der durch Reduktion, Funktionalität und Materialehrlichkeit definiert ist. Durch den Einsatz von Klebstoffen ist er zwar nicht für eine sortenreine Demontage ausgelegt, kann am Ende seines Lebenszyklus jedoch in Holzrecyclingprozesse überführt und etwa zu MDF oder anderen Holzwerkstoffen weiterverarbeitet werden. Dank des Massivholzes eignet er sich zudem für Wiederverwendung, Reparatur und Umnutzung. Elemente lassen sich nachbearbeiten, anpassen oder upcyceln, wodurch die Lebensdauer verlängert wird.
Ein anderes Beispiel für den bewussten Umgang mit Holz ist die Kollektion „Uneri” des japanischen Studios Sotanaka: Die Möbelfüße entstehen aus Ästen, die bei der Pflege von Tokios Straßenbäumen anfallen, sowie aus Totholz aus lokalen Parks. Die krummen, knorrigen Strukturen bilden einen Kontrast zu präzise gefertigten Sitzflächen und zeigen, wie sich ein Material einsetzen lässt, das bislang meist als Baumabfall betrachtet wurde.

Materialentwicklung und Anwendungen
Die Plattform Material Matters versammelte 19 internationale Ausstellende mit Fokus auf Materialkompetenz, Nachhaltigkeit, Handwerk und Innovation. Das Kopenhagener Bundle Studio war mit dem Lounge Chair „Jacana" dabei, entwickelt zusammen mit Stora Enso. Zentrales Element ist NeoLigno, ein biobasiertes, formaldehydfreies Bindemittel auf Ligninbasis, ein Nebenprodukt der Zellstoff- und Papierindustrie. Anders als herkömmliche Kleber ist es nicht transparent, sondern dunkelbraun. Ein vermeintlicher Nachteil, der hier zum Gestaltungsmittel wird. Klebefugen bleiben bewusst sichtbar und strukturieren die Konstruktion aus Holzschichten.
Ein weiteres Beispiel war die niederländische Marke Aifunghi, die die Möglichkeiten myzelbasierter Verbundwerkstoffe (MBC) erforscht. Gemeinsam mit den Designern Vito Boox und Elisa Uberti entstanden neue Möbel- und Leuchtenobjekte, prägnant wie skulptural.


Zirkuläre Platten
Die Ausstellung Materia x Mater 2026 – ein Projekt des dänischen Designunternehmens Mater, kuratiert von Edition Solenne und Tableau – stellte mit Matek ein neues zirkuläres Verbundmaterial vor, das aus Abfallstoffen wie Kaffeeschalen, Sägemehl und recyceltem Kunststoff hergestellt wird und für die industrielle Möbelherstellung ausgelegt ist. Das dichte Plattenmaterial wurde von neun internationalen Designer*innen interpretiert. Die daraus entstandenen Möbel, Skulpturen und Objekte loteten aus, wie das zirkuläre Material künftig einer großen Bandbreite gestalterischer Ausdrucksformen dienen kann.


Materialien aus Abfallströmen
Auch Smile Materials transformiert industrielle Abfallströme in architektur- und interiorfähige Oberflächen. Die Marke führte die weltweit erste Solid-Surface-Oberfläche aus 100 % recycelten Materialien ein, vollständig wiederverwertbar. Mit der Umfirmierung von Smile Plastics zu Smile Materials erweitert das Unternehmen nun seinen Fokus. „Wir öffnen uns einem breiteren Spektrum ausdrucksstarker, designorientierter Materialien, die auf den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft basieren. Designer*innen suchen heute nach Oberflächen, die nicht nur funktional überzeugen, sondern auch eine Geschichte erzählen – und genau das bietet Smile Materials“, so Rosalie McMillan, Mitgründerin und Creative Director von Smile Materials.

Studioeigenes Verfahren
Das dänische Natural Material Studio arbeitet mit Materialien aus seiner unmittelbaren Umgebung. Muscheln, Algen, Sand, Kreide, Kiefernnadeln und Moos aus Kopenhagen werden direkt in den Materialprozess integriert. So entstehen biobasierte Textilien mit dem eigens entwickelten Verfahren Procel, einer biologisch abbaubaren Mischung aus natürlichen Polymeren, Algen und Kreide. „Wir integrieren unsere Umgebung direkt in unsere Arbeiten“, sagt Gründerin Bonnie Hvillum, die bereits mit Marken wie Dinesen, Adidas, Calvin Klein oder Architekturbüros wie Snøhetta oder Gehl Architects kooperiert hat.


Salzkristallisation als Verfahren
Ein anderes eigens entwickeltes Verfahren nutzt die Kölner Designerin Elisabeth Seidel: Mit „Crystals, Baby!" stellte sie eine Leuchtenkollektion vor, die auf Salzkristallisation als ressourcenschonender Gestaltungsmethode basiert. Salz kristallisiert bei niedrigen Temperaturen – ideale Voraussetzungen für einen energie- und ressourceneffizienten Herstellungsprozess. Das Material bildet seine Form dabei gewissermaßen selbst, unter sorgfältig regulierten Bedingungen. Ihre Forschung zeigt bereits, wie natürlich entstehende Strukturen in skalierbare und funktionale Designobjekte übersetzt werden können.
Auf den 3daysofdesign zeigte sich die ganze Bandbreite zirkulärer Ansätze – von biobasierten Materialien über trennbare Konstruktionen bis hin zu Verfahren, die mit Abfallströmen arbeiten.





