„Das Museum ist eine Universität für alle“

Mit Ihrem Amtsantritt haben Sie eine große Baustelle übernommen – im wörtlichen Sinne. Wo packen Sie zuerst an?
Brigitte Franzen: Das Bauhaus-Archiv ist eine komplexe Institution, aber nicht alles ist eine Baustelle, glücklicherweise. Aber der Neubau und die Renovierung des Bestandsbaus sind eines der Hauptthemen, mit denen ich gerade befasst bin. Ich freue mich sehr, dass wir auf der Zielgeraden sind. Es geht um ganz konkrete Fragen: die Neueinrichtung der Ausstellung, die Weiterentwicklung der Sammlung, die Ausstellungsprojekte für die nächsten zwei bis drei Jahre. Solche Projekte haben einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf – da müssen Entscheidungen jetzt getroffen werden.
Wann sehen wir die erste Ausstellung im sanierten und erweiterten Bauhaus-Archiv?
Die Eröffnung wird Ende 2027 sein. Dann wird auch die Schausammlung eröffnet, also die große Dauerausstellung. Wobei der Begriff „Dauer“ heute relativer zu verstehen ist, als vielleicht noch vor zwanzig Jahren. Die Ausstellung ist als Dauerpräsentation angelegt, wird aber in Details immer wieder verändert werden – etwa aus konservatorischen Gründen, weil man bestimmte Objekte nicht so lange dem Licht aussetzen kann. Oder aus konzeptionellen Gründen: Wir wollen immer wieder einen Anlass schaffen, das Museum zu besuchen. Außerdem haben wir zukünftig Platz für Sonderausstellungen. Die erste wird eineinhalb bis zwei Jahre nach der Eröffnung gezeigt werden – der erste Szenenwechsel. Darüber hinaus gibt es mehrere kleinere Sonderausstellungsräume, die wir parallel zur Dauerausstellung ab der Eröffnung bespielen.
Welche Themen wollen Sie setzen?
Eine zentrale Frage ist: Was ist eigentlich eine Kunsthochschule – und was kann sie heute sein? Da werden wir ein Projekt anstoßen, um uns mit zehn bis 15 Thinktanks und Kunsthochschulen weltweit zu vernetzen. Daraus können natürlich auch Ausstellungsprojekte entstehen. Das Bauhaus war so prägnant, was Lehr- und Lernphilosophie angeht. Wie kann man das weiterdenken? Gleichzeitig finde ich die Orientierung auf Künstlerinnen wichtig – wie sie gerade mit der Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie zu den Bauhaus-Fotografinnen zum Ausdruck kommt. Und ebenso wichtig ist die Frage: Was kommt nach dem eigentlichen Bauhaus, nach 1933? Über die Fortsetzung der Tradition im Nationalsozialismus ist schon recht viel geforscht worden. In Westdeutschland lief die Rezeption über die Werkkunstschulen und die Ulmer Hochschule. Wie ist die Rezeption in der DDR, wie geht dort die Geschichte weiter?

Wenn der Neubau eröffnet ist, worauf freuen Sie sich am meisten?
Darauf, dass die Institution wieder präsent ist. Und ich freue mich über die architektonische Konzeption: Es ist räumlich und baulich wie ein Campus angelegt, keine Herrschaftsarchitektur. Das würde dem Bauhaus ja widersprechen. Es ist nicht ein großer baulicher Block. Wenn ich auf das Gebäude zugehe, sehe ich verschiedene Eingänge. Das finde ich schlüssig für ein Haus, das experimentelles, offenes Denken repräsentiert.
Mein Eindruck beim Tag der offenen Baustelle im vergangenen Jahr war, dass sich das Haus zum öffentlichen Raum hin öffnet.
Absolut – und das ist auch programmatisch. Wir richten uns nicht nur an Tourist*innen oder Berlin-Besuchende. Wir haben sehr breite Zielgruppen im Blick und versuchen, spezifische Angebote zu machen: für die Kleinsten über Jugendliche bis zu älteren Leuten. Die Nachbarschaft, die Stadtgesellschaft in ihrer ganzen Breite. Wir wollen auch die große Berliner Designszene einbeziehen.



Trotz des Interims in Charlottenburg, dem „Temporary Bauhaus-Archiv“, war das Haus in den vergangenen Jahren nicht sehr präsent. Wie wollen Sie es wieder sichtbar machen?
Wir waren schon präsent, aber eher für die Leute, die genau hingeschaut haben. In diesen sieben Jahren seit der Schließung waren wir an großen internationalen Ausstellungen beteiligt, etwa in Paris, aber auch in den USA. Vielleicht müssen wir noch stärker kommunizieren, wie international vernetzt wir sind und wie gefragt unsere Sammlung ist. Das Temporary Bauhaus-Archiv war trotz sehr engagierten Wirkens schlicht zu klein, um die gesamte Bandbreite der Institution darzustellen. Aber: Dort können verschiedene Formate entwickelt und eingeübt werden – darunter ein tolles Projekt in der Gropiusstadt mit der dortigen Gropius-Schule. In diese Richtung wollen wir weitermachen. Die Frage, wie man zu den Menschen kommt und wie die Menschen umgekehrt zu uns kommen, beschäftigt uns sehr. Ein Instrument dafür ist das Rausgehen.
„Das Museum ist so etwas wie eine Universität für alle. Man braucht kein Abitur – man kann einfach kommen und sich von der Kunst, von den Fragestellungen mitreißen lassen. Das ist das Besondere am Bauhaus...“
Brigitte Franzen
Rausgehen heißt: die Institution verlassen, in der Stadt auftauchen?
Genau. Woanders auftauchen, in der Stadt präsent sein. Aber gleichzeitig auch Inreach betreiben: Wie bringen wir die Menschen, die wir draußen erreichen, dazu, zu uns zu kommen? Das Museum ist so etwas wie eine Universität für alle. Man braucht kein Abitur – man kann einfach kommen und sich von der Kunst, von den Fragestellungen mitreißen lassen. Das ist das Besondere am Bauhaus: Die Kunst war immer mit Fragen verbunden, die eine öffentliche Wirksamkeit haben. Was ist Gesellschaft? Was ist gute Gestaltung? Was war der Neue Mensch in den 1920er-Jahren? Damit kann man sich bei uns beschäftigen.
Die Sammlung des Bauhaus-Archivs gilt als die weltweit größte Sammlung an Bauhaus-Objekten.
Ja, das stimmt,es sind rund eine Million Objekte. Diese Objekte sind sowohl Dokumente – ein Aquarell, aber auch ein Brief von Gropius – als auch reale dreidimensionale Objekte. Wir haben vierzigtausend Fotografien, also Abzüge, und außerdem die größte Sammlung in Europa zum New Bauhaus, der Nachfolgeinstitution in Chicago.



Welche Strategien gibt es, die Sammlung weiterzuentwickeln? Kaufen Sie weiterhin an?
Das diskutieren wir gerade intensiv. Wo sollen unsere Schwerpunkte in der Zukunft sein? Wir haben eine interessante Sammlungsgeschichte, weil die Institution aus einer Eigeninitiative des Kunsthistorikers Hans Maria Wingler entstand. Er erkannte schon in den 1950er-Jahren, dass das Bauhaus-Erbe bewahrt werden muss, er stand in Kontakt mit vielen Persönlichkeiten, die am Bauhaus waren. Wir haben enge Beziehungen zu vielen Familien von Bauhäuslerinnen und Bauhäuslern, und wir versuchen, die Sammlung zu erweitern. Für eine Museumsinstitution, die mit öffentlichen Geldern finanziert wird, ist es nicht einfach, mit den Preisen auf dem Kunstmarkt mitzuhalten. Und wir denken gerade intensiv darüber nach, wie weit wir in die Gegenwart sammeln. Was sind die Schwerpunkte eines Museums für Gestaltung?
Es kann also sein, dass Sie Objekte ankaufen, die nicht in unmittelbarer biografischer oder historischer Verbindung mit dem Bauhaus stehen?
Das könnte durchaus sein. Uns ist es wichtig, die Geschichte des Bauhauses auch anhand von persönlichen Geschichten weiterzuerzählen. Was haben etwa die Schülerinnen und Schüler des Bauhauses gemacht? Wen haben sie wiederum ausgebildet? Daraus entsteht eine Art Genealogie.


Welche Ideen des Bauhauses sind nach 100 Jahren noch aktuell?
Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst, Handwerk und Technik ist immer noch spannend – sie führt schnell zu modernen Materialien, zu Nachhaltigkeit und Ressourcen. Außerdem: Nicht vom Spezialistentum auszugehen: Das ist eine Orientierung, die heute sehr guttut. Das meine ich, wenn ich sage: interdisziplinär oder transdisziplinär. Man kommt aus einer Spezialisierung, nimmt sich aber die Freiheit, aus einer Generalistenperspektive auf eine Situation zu schauen. Und schließlich die Frage, was gute Form ist und was sie mit uns macht – im Wohlbefinden, im Zusammenleben. Wie wichtig es ist, dass Alltagsobjekte – eine Bushaltestelle, ein Auto oder eine Gabel – eine Form haben, die uns das Leben erleichtert.
Sie haben sich in Ihrer Karriere wiederholt mit der Vorkriegsmoderne beschäftigt. Was fasziniert Sie an dieser Zeit?
Ich glaube, es geht mir ähnlich wie vielen Menschen: Egal, ob man die Musik der Zeit hört oder die Stahlrohrmöbel sieht. Man ist fasziniert, wie offen diese kurze Phase der Demokratie der Weimarer Republik war für neue Ideen, für neue Ansätze des Zusammenlebens und der Identität. Zu sehen, wie exemplarisch da von Deutschland aus gedacht worden ist, hat mich immer fasziniert.




Über Brigitte Franzen
Die promovierte Kunsthistorikerin Brigitte Franzen, 1966 in Freiburg im Breisgau geboren, verantwortete seit 1993 mehr als 100 Ausstellungsprojekte, darunter die skulptur projekte münster 07, die Triennale Kleinplastik Fellbach 2019 sowie The Cool and the Cold (Martin-Gropius-Bau, 2021/22). Von Oktober 2024 bis März 2026 war Prof. Dr. Brigitte Franzen Präsidentin der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG Offenbach). Zuvor leitete sie das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen sowie die Peter und Irene Ludwig Stiftung mit ihren weltweit 28 Museen und Institutionen.


