Das Magazin des German Design Council
© Anne-Catherine Scoffoni
Hella Jongerius

„Ein völlig neuer Anfang”

AusstellungDesign
Was erzählen Objekte über uns, unsere Zeit und unsere Art zu leben? In „Whispering Things", der ersten Retrospektive von Hella Jongerius, wird Design als Archiv, Haltung und offener Denkprozess erfahrbar. Ein Interview mit der niederländischen Designerin.

Der Titel Ihrer Retrospektive im Vitra Design Museum lautet „Whispering Things”. Ich habe mich gefragt: Was flüstern diese Dinge?

Hella Jongerius: Oh, sie flüstern eine Menge. Manchmal sind sie auch sehr laut. Ich glaube, ein Objekt oder ein Möbelstück ist nicht nur das physische Ding, sondern es hat viele Stimmen und Ebenen. Es zeigt uns, wer wir sind, was wir sein wollen oder wie wir leben möchten. Es zeigt uns den Produktionsprozess, der oft in einer anderen Kultur stattfindet. Und es trägt viele Bezüge und Geschichten in sich – im Herstellungsprozess, im Umgang mit Materialien. Dinge haben also eine Geschichte. Sie sind Akteure. Dinge sind stille Zeugen des Lebens. Es gibt viele inhaltliche Schichten rund um ein Ding. Und genau das interessiert mich.

Und das verstehen Sie unter dem Flüstern der Dinge?

Ja.

Betrachten Sie alle gestalteten Objekte in gewisser Weise als kommunikativ?

Alles kommuniziert. Alle Dinge können sprechen.
 

Auch die hässlichen?

Auch die hässlichen. Schönheit kommuniziert ebenfalls. Sie öffnet unsere Herzen. Wenn man etwas ansieht und es einem gefällt, dann ist man offen für weitere Geschichten. Vielleicht ist man offen dafür, es zu kaufen, oder man ist offen dafür, sich vorzustellen, welche Botschaft im Objekt steckt. Ja, so betrachte ich die Dinge.
 

„Ein Objekt oder ein Möbelstück ist nicht nur das physische Ding. Es hat viele Stimmen und Ebenen. Es zeigt uns, wer wir sind, was wir sein wollen oder wie wir leben möchten.“
Hella Jongerius

Wenn man sich die Skulpturen der wütenden Tiere ansieht, die Sie kürzlich in der Galerie Kreo in Paris ausgestellt haben: Sie scheinen eher laut aufzuschreien. Warum?

Sie spiegeln die Zeit wider, in der wir leben. Zeit ist in meiner Arbeit meine gesamte Karriere hinweg immer ein relevantes Thema gewesen. Ich glaube, wir haben im Moment allen Grund, wütend zu sein. Es gibt viele Tyrannen, die derzeit die Welt zugrunde richten. Als ich während der COVID-Zeit die Ausstellung „Woven Cosmos” im Gropius Bau gemacht habe, lauteten meine Fragen: Was könnten heilende Objekte sein? Können Objekte uns heilen? Ich habe oft Tiere gestaltet – für Nymphenburg, für Ikea, Requisiten für Vitra, die Office Pets, den Frogtable. Und plötzlich dachte ich, dass ich in dieser Ära, in der heutigen Zeit, andere Tiere brauche. Und sie erwiesen sich als sehr wütend. Ich habe jedem von ihnen den Namen einer Frau gegeben. Plötzlich hat man sie ganz anders betrachtet – sie hatten die Stimme einer Frau. Diese neuen Tiere sind eigensinnig, sie sind auch humorvoll.

Meiner Meinung nach haben Sie sich in letzter Zeit immer stärker in künstlerischen Bereiche entwickelt. Würden Sie dem zustimmen? Wie denken Sie über das Verhältnis von Kunst und Design?

Nun, es ist eigentlich nicht in meinem Interesse, mich einer bestimmten Disziplin zuzuordnen – auch wenn andere das gerne tun. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, und ich glaube, mein Ansatz oder meine Arbeitsweise ist eine künstlerische. Aber meine Themen und meine Perspektiven bewegen sich immer innerhalb der Designwelt oder stehen in Beziehung zu ihr: Das ist die Welt, die ich kenne, die mich interessiert. Und warum interessiert sie mich? Weil Funktionalität als Ziel eine Richtung vorgibt und auch eine Möglichkeit ist, eine Lösung für ein größeres Thema zu finden, die vielleicht etwas für die Gesellschaft bewirken kann. Deshalb interessiert mich Design. Und innerhalb dieser Funktionalität gibt es verschiedene Aspekte der Produktion – handwerkliche Fertigung und Technologie, beides sehr spannend. 
In den vergangenen Jahren habe ich nicht mehr für die Industrie gearbeitet, weil es mir zu eng und zu kompromissbehaftet ist. Ich kann dort nicht mein gesamtes Forschungspotenzial entfalten. Deshalb bewege ich mich jetzt stärker frei und zeige meine Arbeiten in Museen und nicht mehr im industriellen Markt.

„Meine Arbeitsweise ist eine künstlerische. Aber meine Themen und meine Perspektiven bewegen sich immer innerhalb der Designwelt oder stehen in Beziehung zu ihr. Weil Funktionalität als Ziel eine Richtung vorgibt und auch eine Möglichkeit ist, eine Lösung für ein größeres Thema zu finden“
Hella Jongerius

Ist etwas Bestimmtes passiert, das Sie zu dieser Entscheidung gebracht hat? Gab es ein frustrierendes Projekt, bei dem Sie gesagt haben: „Sowas mache ich nicht mehr”?

Ehrlich gesagt, war mein Weckruf mein eigenes Manifest „Beyond the New”, das ich vor etwa elf Jahren geschrieben habe, als ich noch für die Industrie arbeitete. Das Manifest war ein Spiegel für mich. Ich dachte: Ja, ich stehe hier und spreche über meinen eigenen moralischen Kompass, beginne, in einem größeren Zusammenhang zu denken. Und wissen Sie, damals war auch meine erste Forschungsausstellung zu Farben, weil ich die Farb- und Materialbibliothek für Vitra entwickelt hatte, gemeinsam mit der Art Direction. Ich hatte also bereits ein größeres Forschungsthema, das nicht mehr auf ein einzelnes Produkt zielte. Es war eine Parallelwelt.

Mit der Ausstellung im Vitra Design Museum kehren Sie nun nach Weil am Rhein zurück. Ein großer Teil Ihres Arbeitsarchivs wurde in die Sammlung des Museums aufgenommen. Wie erleben Sie diesen Prozess des Sichtens, Editierens, Kuratierens und Kontextualisierens Ihrer Arbeit durch das Museum? Und was erhoffen Sie sich persönlich und beruflich von dieser rückblickenden Auseinandersetzung mit Ihrem bisherigen Werk?

Wissen Sie, es mag wie ein Abschluss wirken, aber für mich ist es ein völliger Neuanfang. So empfinde ich es. Es ist eine Erleichterung, dass ich all diese Dinge nicht mehr um mich herum habe. Ich muss mich nicht mehr darum kümmern. Sie haben ein perfektes Zuhause gefunden – an einem Ort, mit dem ich mich seit Jahrzehnten verbunden fühle. Dieser Teil meines Werks ist nun umgeben von anderen bedeutenden Designer-Archiven. Ich bin die erste zeitgenössische Person und die erste Frau, deren Archiv dort aufgenommen wurde.
Was mir besonders gefällt, ist, dass es zugänglich ist. Man kann es auf Anfrage besuchen und darin recherchieren. Man kann tief eintauchen. Andere Museen können Objekte daraus ausleihen. Es ist also ein lebendiges Archiv. Das ist viel besser, als wenn die Arbeiten irgendwo in meinem Lager liegen würden.

Für mich war es immer sehr spannend, Ihr Atelier zu betreten und Ihre früheren Arbeiten in den Regalen oder an den Wänden zu sehen, wie das Polder-Sofa aufrecht stehend in einer Ecke. Ist Ihr Studio jetzt ein leerer Ort?

Es füllt sich gerade wieder – mit einem großen Projekt, das derzeit läuft. Mein Atelier ist nach wie vor ein reicher Ort der Forschung, an dem es viel zu sehen gibt.

Der Katalog zur Ausstellung „Whispering Things” dokumentiert diesen Teil Ihres bisherigen Werks. Andere Arbeiten befinden sich in den Sammlungen renommierter Museen wie dem MoMA in New York, dem Victoria and Albert Museum in London, dem Centre Pompidou in Paris oder der Neuen Sammlung in München. Wie wirkt sich das auf Ihre tägliche Arbeit als Designerin aus? Stehen die Erfolge der Vergangenheit der Entwicklung neuer Arbeiten manchmal im Weg?

Es geht immer um Beziehungen. Die Kurator*innen dieser Museen begleiten meine Arbeit seit meinen Anfängen. Deshalb habe ich mich auf diese vier konzentriert. Als ich an meinem Archiv gearbeitet habe, habe ich sie gefragt, ob sie weitere Objekte aufnehmen möchten. Denn ich finde es wichtig, dass nicht nur ein einzelnes Objekt irgendwo vertreten ist. Es sollte jeweils ein Werkzusammenhang in diesen Museen vorhanden sein. Dennoch beeinflusst mich das nicht bei der Entwicklung neuer Arbeiten. In gewisser Weise ist mein Archiv in allem präsent, was ich tue, weil es einer durchgehenden Denkweise folgt. Das Konzept meiner Haltung ist im Grunde seit Beginn dasselbe.
 

Mit KI lassen sich Designideen heute schnell und einfach visualisieren. Oft wirken die Ergebnisse noch sehr kitschig – aber das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Betrachten Sie KI eher als Herausforderung oder als Chance?

Es ist eine Chance, aber ich nutze sie selbst nicht. Interessant finde ich, dass Konsument*innen sich über Objekte informieren können – über deren Herstellung oder darüber, wie man sie repariert. Neue Technologien haben mir immer gefallen, denn sie sind spannend.

„Wir brauchen neue Gesetze für den Einsatz bestimmter Materialien und für bestimmte Produktionsmethoden. Als Designerin oder Designer muss man über solche Themen nachdenken und nicht nur darüber, neue Dinge zu gestalten.”
Hella Jongerius

Sie sind bekannt dafür, Handwerk in industrielle Produktionsprozesse zu integrieren. Könnte dieser Ansatz auch zu Innovationen im Bereich zirkulärer Designmethoden führen? Zum Beispiel, indem man von vornherein mitdenkt, wie sich ein Objekt leicht von Hand reparieren lässt?

Ich finde es sehr gut, dass man heute seinen Stuhl zu Vitra zurückbringen und reparieren lassen kann. Das ist ein sehr gutes Konzept. Wenn wir ein Produkt kaufen, übernehmen wir als Konsument*innen auch eine Verantwortung dafür. Aber Recycling, Reparatur und der sachgemäße Umgang mit den Materialien am Ende des Lebenszyklus sollte bei den Unternehmen liegen, nicht bei uns. Diese Theorie stammt nicht von mir, sie steht im Buch „Material Matters” von Thomas Rau und Sabine Oberhuber. Das würde zu einer deutlich besseren Produktqualität führen, denn die Unternehmen hätten eine Last zu tragen, wenn alles zu ihnen zurückkäme. Wir brauchen neue Gesetze für den Einsatz bestimmter Materialien und für bestimmte Produktionsmethoden. Als Designer*in muss man über solche Themen nachdenken und nicht nur darüber, neue Dinge zu gestalten.

Welchen Rat würden Sie jungen Designer*innen heute geben?

Versucht, die richtige Frage zu finden. Ich glaube, das ist entscheidend. Vernetzt euch mit einer Gruppe, einem Museum oder einem Institut, oder gründet eigene Gemeinschaften. Allein ist die eigene Stimme zu schwach. Es passiert so viel, die Welt steht in Flammen. Ich fühle mich verantwortlich, und ich hoffe, dass junge Designer*innen ebenfalls Verantwortung empfinden, Lösungen für die Probleme zu finden, in denen wir stecken. Zeigt, was eure Handschrift ist, was eure Vision für die Welt ist. Irgendwann kommt die Anerkennung. Das Telefon wird klingeln. Aber es braucht Zeit, und es reicht nicht, hinter dem Computer zu sitzen und irgendeinen Insta-Kram zu produzieren. Wenn man von einer Akademie kommt, weiß man noch nichts von der realen Welt. Also: Lest Bücher. Philosophie, Politik, Ökonomie – was auch immer euch interessiert. Ihr müsst euch selbst herausfordern und weiterbilden, denn unser Beruf besteht nicht nur darin, Dinge zu machen. Es braucht Einsatz, echtes Machen, echtes Tun.

Ausstellung

Hella Jongerius: Whispering Things

14.03.2026 – 06.09.2026
Vitra Design Museum
Weil am Rhein

Zur Ausstellung

 
Katalog

Hella Jongerius. Whispering Things.

Hg. Mateo Kries. Katalog, Vitra Design Museum 2026
ISBN 9783945852712
59,00 €

Über Hella Jongerius

Hella Jongerius wurde 1963 in De Meern bei Utrecht in den Niederlanden geboren. Sie studierte von 1988 bis 1993 Industriedesign an der Design Academy Eindhoven und beschäftigte sich früh mit der Verbindung von Handwerk und industrieller Fertigung. 1993 gründete sie in Rotterdam das Studio Jongeriuslab. Sie entwarf unter anderem für Vitra, Maharam, KLM, IKEA und Royal Tichelaar Makkum und entwickelte einen Ansatz, der Materialforschung, Farbe und traditionelle Techniken in zeitgenössisches Produktdesign integriert. 2008 verlegte sie ihr Studio nach Berlin. Jongerius’ Arbeiten wurden in bedeutenden Museen wie dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York, dem Design Museum London, dem Vitra Design Museum und weiteren Institutionen weltweit ausgestellt und gehören zu wichtigen Sammlungsstücken zeitgenössischen Designs. 

Weiterlesen:

Design

Design
Perspectives
Newsletter

Gefällt Ihnen, was Sie lesen?
Erhalten Sie noch mehr Design-Insights, Interviews und Reportagen direkt in Ihr Postfach – mit dem Design Perspectives Newsletter.
Werden Sie Teil unserer Community.