
Gemeinsam für die Bauwende
Kaum zu übersehen, ragt das preisgekrönte Gebäudeensemble Rockywood am Offenbacher Hafenbecken empor. Schon von Weitem signalisiert es über seine moderne Holz-Hybrid-Bauweise die neue Ära des zirkulären Bauens. Harmonisch setzt sich der L-förmige Komplex „Wood” an der Uferpromenade mit Kubus „Rocky” zusammen. Dass der Aufbruch in ein nächstes Kapitel des Bauwesens begonnen hat, beweist ein Besuch im dort ansässigen Circle. Sowohl die Architektur als auch das Interior Design des Gebäudes spiegeln eindrucksvoll das Credo, das von den Akteur*innen im Inneren radikal gelebt wird. Schnell ist klar: Hier widmet man sich furcht- und kompromisslos der Aufgabe, dem drängendsten Problem unserer gebauten Umwelt, den gigantischen Abfallströmen, etwas entgegenzusetzen. „Etwas“ meint Kreislaufwirtschaft.
Materialien müssen im Kreislauf bleiben und Bauvorhaben wirtschaftlich, aber auch nachhaltig sein. Dafür organisieren sich mehr als 90 Unternehmen der bundesweiten Bau- und Kreislaufwirtschaft – von Großkonzernen und Verbänden bis Architekturbüros und Tech-Start-ups – im Circle. Als kollaboratives Netzwerk will man die Recyclingquoten für Bauabfälle erhöhen, LKW-Transportwege von Bauabfällen verkürzen und die Nutzung alternativer Verkehrsträger wie Binnenschiffe steigern. Unterm Dach verbinden sich nicht nur Menschen miteinander, sondern auch Wissen und Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Circle Hub & Circle Cube
Als Herz der Organisation wird im Rockywood sichtbar, was heute schon möglich ist – und woran gerade gearbeitet wird. Hinter der großzügigen Fensterfront wird über mehrere Etagen hinweg gezeigt, wie Recyclingprodukte und neue Technologien des zirkulären Bauens nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam konzipiert und weitergedacht werden.
So befindet sich im dritten Stock des Gebäudeteils „Wood” der Circle Hub. Der offen gestaltete Coworking-Space des Netzwerks bietet den Partnerunternehmen bis zu 80 Arbeitsplätze sowie Raum für innovative Ideen und neue Lösungsansätze. Schon beim Betreten der Räumlichkeiten wird deutlich: Hier pocht das Herz für Design for Disassembly. Offene Decken, freiliegende Konstruktionen und minimalistische Glaswände im Loft-Stil prägen den ehrlichen Industriecharakter. Neben festen Desks und dynamischen Co-Creation-Spaces gibt es auf der Fläche auch „Think Tanks“ und „Phone Boxes“ – Rückzugsorte für ungestörtes Arbeiten.
Vom Erdgeschoss bis ins erste Obergeschoss des Gebäudeteils „Rocky” erstreckt sich der Circle Cube, der den Partnerunternehmen als Showroom und Eventlocation dient. In der umfangreichen, sorgfältig kuratierten Ausstellung des Netzwerks finden sich marktreife Recyclingprodukte, Technologien und Wertstoffströme. Hier wird Zirkularität für Besucher*innen greif- und erlebbar. Den Eventbereich nutzen Unternehmen für Workshops, Netzwerktreffen, Präsentationen oder auch Strategietage.


Becoming Brückenbauer
Mehr als 200 Millionen Tonnen Abfälle verursacht allein der Bausektor jährlich in Deutschland. Laut Umweltbundesamt machen dies 61 % des Gesamtabfallaufkommens aus, was die Branche auf den Sockel der ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren katapultiert. Ein Spannungsfeld innerhalb der Bauwende, dem sich Circle-Initiator Daniel Imhäuser nicht länger entziehen wollte. Als Entsorgungs- und Recyclingspezialist hatte der CEO der Urban Mining Group den starken Impuls mehr zu tun: „Die eigentliche Herausforderung der Kreislaufwirtschaft liegt nicht im Material, sondern in der Zusammenarbeit. Technisch könnten wir heute bereits deutlich mehr Baustoffe wiederverwenden und hochwertig recyceln, als tatsächlich im Markt ankommen. Was häufig fehlt, ist die Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“ Wenn Planer*innen, Rückbauer*innen, Baustoffproduzent*innen, Bauunternehmen, Forschung und Politik allerdings nur in den eigenen Silos tätig sind, können auch keine geschlossenen Kreisläufe entstehen. Und so initiierte Imhäuser – in der Rolle des Brückenbauers – im Jahr 2024 mit dem Circle einen besonderen Ort. „Meine Aufgabe besteht darin, Akteur*innen zusammenzubringen, die normalerweise nicht täglich miteinander arbeiten, neue Kooperationen anzustoßen und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit aus guten Ideen konkrete Projekte werden.“ Zwar habe er einst den Grundstein gesetzt, die Idee wurde allerdings schon früh von engagierten Partnern wie CDM Smith, Glöckle, Optocycle oder Holcim mitgetragen.

„Die eigentliche Herausforderung der Kreislaufwirtschaft liegt nicht im Material, sondern in der Zusammenarbeit.“
Daniel Imhäuser
Aber wie gelang es ihm, gestandene Baukonzerne, Tech-Start-ups, Architekt*innen und sogar die Politik an einen Tisch zu bekommen? „Überraschenderweise war die Bereitschaft größer als viele vermutet hätten. Die Herausforderungen der Branche sind inzwischen so offensichtlich geworden, dass viele Unternehmen erkannt haben: Allein wird niemand die Transformation schaffen.“ So sieht es auch Mitglied Helena Fischer, Geschäftsführerin der Regionalgruppe Nordhessen, Bauindustrieverband Hessen-Thüringen: „Der Beitritt zum Circle ist kein Engagement ‚neben‘ der Verbandsarbeit. Er ist eine Möglichkeit, unsere eigentliche Verbandsaufgabe zukunftsorientiert wahrzunehmen: Wir wollen nicht nur die Interessen der Bauunternehmen innerhalb bestehender Rahmenbedingungen vertreten, sondern daran mitwirken, diese Rahmenbedingungen so zu verändern, dass unsere Unternehmen auch in Zukunft wettbewerbsfähig und kreislaufgerecht bauen können.“ Nachdem das Vertrauen wuchs und nicht nur über Probleme gesprochen, sondern konkret an Lösungen gearbeitet wurde, entstand eine enorme Dynamik. Heute ist der Circle die Heimat vieler in Größe und Fachrichtung verschiedener Unternehmen. Alle eint der Konsens: Kreislaufwirtschaft ist Gemeinschaftsarbeit.


Gegenseitige Wertschätzung
„Hier sind Unternehmen, die mehr unternehmen“, beschreibt Imhäuser den Circle. Sie alle docken entlang der gesamten Wertschöpfungskette an, was den Ort zum eigenen Ökosystem macht – mit Menschen aus verschiedenen Bereichen und unterschiedlicher Berufserfahrung. Wenn erfahrene Bauriesen auf agile Gründer*innen treffen, kommt es da nicht zum Gerangel um Expertise? Imhäuser findet das nicht: „Start-ups bringen oft Geschwindigkeit, Experimentierfreude und neue Denkansätze mit. Sie hinterfragen bestehende Prozesse und entwickeln Lösungen aus einer anderen Perspektive.“ Etablierte Unternehmen dagegen würden über mehr Marktkenntnis, Produktionskapazitäten, Erfahrung und Zugang zu realen Projekten verfügen. Im besten Fall ergibt sich eine Symbiose. Gerade das Start-up ReWorth, das mit dem ReBlock den ersten vollständig kreislauffähigen Leichtbaustein entwickelt hat, fasziniert ihn im Moment sehr. Eine Begeisterung, die erwidert wird, wie CEO Esther Heyse verrät. „Das Netzwerk, die Atmosphäre und der Raum an Möglichkeiten, der vom Team aufgebaut wurde, ist wirklich einzigartig und ausgesprochen schnell erfolgt. Das zeigt, aus meiner Sicht, auch die Dringlichkeit hinter dem Thema zirkuläres Bauen.“
„Unsere größte Stärke ist die Fähigkeit, Wissen, Entscheidungen pro Kreislaufwirtschaft und Umsetzungsgeschwindigkeit zusammenzubringen“, lautet die Antwort Imhäusers auf die Frage nach der wahren Superpower des Circle. Allerdings könne man sich nicht nur auf den Austausch innerhalb der Branche beschränken. „Wenn wir bei der Umsetzung auf regulatorische oder gesetzliche Hürden stoßen, holen wir gezielt die Politik an den Tisch. Der Circle versteht sich als Brücke zwischen Praxis, Wirtschaft und Politik.“ Ganz bewusst werde der Dialog mit entsprechenden Schnittstellen gesucht. Erst im Frühjahr dieses Jahres waren der vormalige Verkehrsminister Patrick Schnieder als auch Bundesumweltminister Carsten Schneider Gäste im Haus. Letztlich verstehe sich der Circle auch als eine Art Wissensplattform, regelmäßig begrüße man Vertreter*innen von Kommunen, Bau- und Planungsämtern sowie öffentliche Auftraggeber.

Endstation: Normalität
Wo Gutes auf solidem Weg fußt, sollte es nicht lang allein bleiben: Der Circle ist hierzulande nicht das einzige Projekt seiner Art. Auch der Construction Hub im Circular Valley bei Krefeld sowie das CRCLR House in Berlin haben vergleichbare Ambitionen und Visionen auf ihren Fahnen stehen. „Wenn wir die Transformation der Bauwirtschaft ernst meinen, brauchen wir deutlich mehr solcher Orte. Die Herausforderungen sind zu groß, um sie von einem einzigen Standort aus zu lösen“, so Imhäuser und betont auch hier das Miteinander als Kompass zu nehmen. Jedes Netzwerk könne seine eigenen Schwerpunkte setzen, lokale Stoffströme adressieren und relevante Akteur*innen zusammenbringen. Alle Hubs sollten bloß nicht gegeneinander, sondern vernetzt arbeiten, appelliert er. Je mehr Reallabore, desto früher werde Kreislaufwirtschaft zur Normalität.


