
Main-Light: Die Energiewende gestalten

An der Weseler Werft in Frankfurt am Main wird Licht zur Haltung. Tobias Trübenbacher und Andreas Lang zeigen hier im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 ihre Installation Main-Light. Trübenbacher gehört zu einer neuen Generation von Designer*innen, die Gestaltung als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel begreifen.
Nach seinem Designstudium in München und Berlin und einem Architektur-Master an der TUM arbeitete er unter anderem bei Konstantin Grcic und aktuell bei Kofink Schels Architekten. 2023 wurde er beim German Design Award vom German Design Council als „Newcomer of the Year“ ausgezeichnet. Jetzt regt er zusammen mit seinem ollegen, dem Designer Andreas Lang, mit Main-Light die Debatte um Design, Energie und öffentlichen Raum an.
Eure Leuchten werden das Mainufer erhellen. Warum ist gerade diese Strecke der perfekte Ort für die Premiere von Main-Light?
Tobias Trübenbacher: Ursprünglich wollten wir Main-Light zwischen Offenbach und Frankfurt installieren, aber es gab einige Schwierigkeiten, weshalb wir nun an der Weseler Werft sind. Wir werden dort von Mai bis November eine große und drei kleine Main-Lights direkt hinter dem Restaurant Oosten installieren. Dann wollen wir darüber diskutieren, an welchen anderen Orten es noch passt und wie wir es skalieren können. Wir haben jetzt schon Anfragen von verschiedenen Städten.
Eure Licht-Installation setzt auf bunte Solarfolien statt auf klobige Paneele. Warum sollte grüne Technik nicht nur funktionieren, sondern auch gut aussehen?
Wir sind an einem Punkt in der Energiewende, an dem es gar nicht so sehr um den Mangel an Technologie geht, sondern um Ängste in der Gesellschaft, die uns ausbremsen. Und da ist Gestaltung ein großer Hebel, um zu zeigen: ,Hey, das ist nichts, wovor man Angst haben muss. Im Gegenteil: Das kann etwas Schönes und Bereicherndes sein.’ Weil man Dinge – im Fall von Main-Light – in den öffentlichen Raum stellen kann, wo die Menschen es sehen, anfassen und erleben können. Das ist der große Mehrwert von Gestaltung, dass es einen so unmittelbar mit allen Sinnen erreicht.



Bei deinem Projekt Papilio ging es um Windkraft, bei Main-Light jetzt um Sonne. Warum war Solarenergie für die World Design Capital hier die bessere Wahl?
Die Geschichte dahinter ist ähnlich. Es geht darum, regenerative Energieerzeugung für die Versorgung öffentlicher Infrastruktur erfahrbar und erlebbar zu machen und den Prozess nicht zu verstecken, sondern Technologie zu feiern. Das Konzept von Papilio ist zugeschnitten auf Skandinavien, wo es super windig ist. In Frankfurt am Main sind die Rahmenbedingungen anders. Wir haben uns deswegen für OPV-Folien entschieden. Mit diesen neuartigen, transluzenten und dünnschichtigen Solarfolien kann man viel machen, was weit über diese kristallinen festen Solarzellen hinausgeht. Wir wollten die Technologie in den Vordergrund stellen und erlebbar machen. Deswegen haben wir uns für dieses bunte Muster und diese sehr auffallende, markante Form entschieden.


Wie wartungsarm ist so eine autarke Solar-Leuchte im Vergleich zur klassischen Straßenlaterne?
Sie hat verschiedene Vorteile, auch wenn sie insgesamt ein bisschen weniger effizient ist als kristalline Solarzellen. Sie funktioniert sehr gut bei diffuser Lichteinstrahlung, was im städtischen Raum oft der Fall ist, wenn Bereiche durch Bäume oder Häuser verschattet sind. Für die sehr geringen Energiemengen, die man bei LED-Technologie heute braucht, sind sie perfekt. Die extrem dünnen Folien sind gestalterisch und ästhetisch interessant. Zum Beispiel werden diese Folien für Fassadengestaltung verwendet, indem sie in Glasscheiben integriert werden. Beim Thema Straßenlaternen muss man wissen, dass klassische On-Grid-Systeme, die mit dem Stromnetz verbunden sind, sehr aufwendig in der Wartung sind. Off-Grid-Systeme, die autark mit Akkus und Solarenergie arbeiten, kommen jetzt erst auf den Markt.
Du arbeitest mit deinem Designerkollegen Andreas Lang zusammen sowie mit den Firmen ASCA und Ewo. Wieviel „Tüftler“ und wieviel „Designer“ steckt in so einer Kooperation mit der Hightech-Forschung?
Tatsächlich ist es immer ein Riesennetzwerk aus ganz unterschiedlichen Partnern. Im Fall von Main-Light arbeiten wir mit Ewo als Partner für Lichttechnik und Lichtsteuerung, mit ASCA als Partner für die Energietechnik, Energiespeicherung und die OPV-Folien. Dann gibt es noch andere wie Schake, die das Ganze produzieren. Merz Kley Partner berechnen die Statik. Aber auch zum Grünflächenamt in Frankfurt haben wir Kontakt, und natürlich zum Team der World Design Capital. Andreas und ich sind die Projektmanager und bündeln verschiedene Expertisen. Dass OPV-Folien und Lichttechnik auf diese Weise zusammengebracht werden, hat es so noch nicht gegeben.

Das Motto der WDC lautet „Design for Democracy“. Wie schafft es eine smarte Straßenleuchte am Stadtrand, ein demokratisches Statement zu setzen?
Uns beschäftigen der aufwändige Genehmigungsprozess und die vielen Normen. Damit verbunden die Frage, inwieweit wir als Demokratie mit diesen Entscheidungsstrukturen überhaupt noch entscheidungsfähig sind, wenn es um Transformationsprojekte geht. Wir wollen daher verschiedene Debatten rund um die Installation organisieren, auch mit verschiedenen Entscheidungsträger*innen aus der Stadt. Wie könnten diese Prozesse dahinter verändert werden? Im Idealfall kommen Leute zusammen aus der Industrie, der Stadtverwaltung, von der WDC und eben auch aus der Stadtgesellschaft.

Design wirkt oft exklusiv oder teuer. Wie hilft Main-Light dabei, dass die Leute im Alltag merken: „Hey, Design löst meine echten Probleme“?
Im Idealfall funktioniert das bei unserer Installation ganz von selbst – ohne dass man viel erklären muss. Es entstehen dort dritte, konsumfreie Orte mit Aufenthaltsqualität. Die Solarfolien beschatten die Sitzbereiche, die wir in die Sockel der Leuchten integrieren. Mein Wunsch ist es, dass sich dort Leute hinsetzen und eigenständig über die Energiewende nachdenken.
Wieviel Design und Aktivismus stecken in deiner Arbeit?
Ich würde sagen, dass gerade ein extremer Umbruch zwischen den Generationen der Gestalter*innen stattfindet. Ich habe bei vielen Autorendesigner*innen wie Konstantin Grcic, Marc Braun und Steffen Kerle gelernt. Für die junge Generation ist das überhaupt kein Aktivismus, sondern „part of the daily business“. Transformation als größte Herausforderung unserer Zeit ist einfach regulärer Arbeitsalltag und Arbeitsauftrag.



„Design ist Bestandteil unseres Alltags: Unsere gesamte öffentliche Infrastruktur ist gestaltet. Und dadurch betrifft Gestaltung jede*n.“
Tobias Trübenbacher

Sowohl bei Papilio als auch bei Main-Light brennt das Licht nur, wenn jemand da ist. Müssen wir uns als Gesellschaft erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, um das Klima zu retten?
Bei Main-Light sind es mehrere Herausforderungen, auf die wir versuchen, bessere Antworten zu liefern. Das eine ist Lichtverschmutzung. Durch künstliches Licht wird der Rhythmus von sämtlichen natürlichen Organismen durcheinandergebracht. Pflanzen und Bäume fangen zum Beispiel früher an zu blühen. Auch Tiere sind betroffen: In nur einer einzigen Sommernacht sterben 1,2 Milliarden Insekten durch Straßenlaternen.
Wir haben verschiedene Stellschrauben, um Lichtverschmutzung und Energiebedarf zu verbessern. Zum einen haben wir ein insektenfreundliches Lichtspektrum ohne Blauanteile entwickelt, da diese auf Insekten und andere Lebewesen eine negative Auswirkung haben. Die bedarfsabhängige Lichtsteuerung regelt, dass das Licht nur dann angeht oder hochgedimmt wird, wenn auch Menschen in der Nähe sind. Das Dritte ist die Cut-Off-Technologie, das heißt, das Licht wird nur nach unten imitiert.
Deine Entwürfe sind radikal autark. Ist dieses „Off-Grid“-Prinzip für dich das ultimative Ziel für die Stadt der Zukunft?
Das ist Abwägungssache. Der Vorteil von autarker Lichttechnik ist natürlich, dass man auch abgelegene Orte schnell und effizient beleuchten kann. Damit kann man super schnell Projekte realisieren, ohne aufwendig Straßen aufreißen zu müssen und Kabel zu verlegen. Das ist das Teuerste bei Straßenbeleuchtung. Aber es gibt auch Nachteile: Ein Punkt ist die Akkutechnologie, für die es ja noch nicht wirklich Recycling-Kreisläufe gibt. Man muss je nach Ort und Kontext abwägen, welches System Sinn macht. Gerade bei den großen Kreuzungen, die nochmal viel, viel heller beleuchtet werden müssen, macht es keinen Sinn. Aber für kleineren Beleuchtungspunkte wie für Fußgängerwege oder Fahrradwege schon.
Über den German Design Award – Newcomer
Große Talente brauchen ein Forum! Der Newcomer Award des German Design Council fördert junge Designerinnen und Designer, die durch außergewöhnliche Leistungen und kreatives Talent auf sich aufmerksam machen. Zu den ehemaligen Preisträger*innen gehören zahlreiche heute namhafte Designer*innen wie Eva Marguerre, Marcel Besau, Sebastian Herkner und Christian Zanzotti.


