
No-Go oder Business-As-Usual?
So einfach und zugleich so komplex kann es sein: Eine Brotdose ist zunächst ein völlig harmloses Produkt. Sie ist funktional, gut zu benutzen und hält das, was drinnen ist, frisch. Ein Fürsorge-Produkt des Alltages, könnte man sagen. Doch ist sie das auch, wenn eine Soldatin die Brotdose mit in den Schützengraben nimmt? Wird diese dann militärisch, ethisch nicht vertretbar, böse? Dasselbe Objekt kann je nach Kontext moralisch völlig unterschiedlich bewertet werden. „Design ist immer kontextabhängig“, sagt ein Professor für Industriedesign und beschreibt anhand der unverdächtigen Brotdose das offensichtliche Dilemma der Designbranche. Die eigentliche Frage lautet also: Dürfen Designer*innen Produkte für die Verteidigung gestalten oder besteht womöglich sogar eine Art ethischer Pflicht, dies angesichts der Bedrohung freiheitlicher Demokratien zu tun?
Es müssen ja nicht immer Kampfpanzer oder Gewehre sein, wenn man an Design und Militär denkt. Es gibt noch viel mehr andere Güter, die keinen letalen Zweck haben, sondern eher das Gegenteil bezwecken sollen: die Nutzenden zu schützen, zu retten, zu versorgen, schlicht die Überlebensfähigkeit im sogenannten Feld zu steigern. Ein Med-Kit für die Erstversorgung von Verwundeten – ist das problematisch? Das autonome Rettungsfahrzeug, das theoretisch übermorgen zum Waffenträger umgebaut werden kann? Was ist mit dem Arbeitsplatz des Richtschützen im Panzer Leopard 2? Es ist offensichtlich, dass hier Menschen mit Designkompetenzen am Werk sind und ergonomische Optimierungen im Blick haben. „Kampfraum-Ergonomie“ nennt das der Designer Ralf Jakubowksi, der sich 2022 im Fachblatt „Europäische Sicherheit & Technik“ beachtenswert ausführlich äußert. Er ist die Ausnahme.


Das große Schweigen
Wir wollten hören, wie Rüstungsunternehmen in Sachen Design aufgestellt sind. Alle Anfragen blieben unbeantwortet, bis auf ein Unternehmen, das lapidar rückmeldete, dazu nichts zu sagen. Immerhin. Die Verteidigungsindustrie hat offenkundig kein Interesse daran, die Rolle von Design in ihrer Außenkommunikation zu thematisieren. Vielleicht weil Design dort als nachgeordnet gilt, vielleicht weil Geheimhaltungsanforderungen jedem offenen Austausch entgegenstehen. Oder beides.
Auch auf der anderen Seite, bei den Gestalterinnen und Gestaltern selbst, herrscht weitgehend Funkstille. Agenturen, die für Defense-Kunden arbeiten, reden nicht darüber, genauso wenig Büros, die solche Aufträge ablehnen. „Niemand will sich exponieren“, beschreibt es ein Designer unter vorgehaltener Hand. Wir sprachen auch mit anderen Gestalter*innen, immer inoffiziell, vertraulich. Dabei wurde klar, dass alles unklar ist. Es scheint drei Fraktionen zu geben: Jene Agenturen, die Defense-Jobs wie normale Aufträge abwickeln, jene, die das kategorisch ablehnen und jene, die sich nicht im Klaren sind. Und immer wieder ist zu hören: „Ich habe einst den Wehrdienst verweigert, dazu stehe ich. Andererseits haben sich die Realitäten verändert.”
Auch der VDID, der Berufsverband Deutscher Industrie Designer, hält sich bedeckt. Intern laufen Diskussionen, so hört man – eine offizielle Positionierung fehlt aber. Vielleicht wird es diese nie geben und vielleicht wäre das auch falsch. Momentan aber lässt sich das Schweigen des Verbands als institutionelles Spiegelbild des Schweigens der Branche werten.

It’s the Economy
Ein Faktor, der das Dilemma verstärkt, nennt sich Wirtschaftsflaute. Deutsche und europäische Unternehmen straucheln oder investieren in Inhouse-Kompetenzen, was weniger Jobs für Designagenturen bedeutet. Viele Agenturen versuchen sich, gesund zu schrumpfen oder verschwinden gar komplett. Leere Auftragsbücher wirken unmittelbar: „Jeder schaut auf den Verteidigungsbereich“, bringt es ein Designer, der mit uns vertraulich sprach, auf den Punkt. Denn das Geschäft mit Verteidigungsgütern boomt: Europa rüstet auf, Deutschland investiert, Sicherheitsinfrastruktur wird zur politischen Priorität. Die Designbranche sieht das. Sie reagiert derzeit noch leise, ohne strategischen Kompass. Wer den Ausweg in der Defense-Sparte sieht, dem sei gesagt: „Das Image von Designerinnen und Designern ist angespannt“, so berichtet ein Gestalter, der einst ein Logistik-Fahrzeug zu gestalten hatte. „Wir stehen generell unter Ästhetikverdacht, das ist vergleichbar mit dem Maschinenbau von vor 30 Jahren.“
Dual Use: Die bequeme Grauzone
Was die Frage zusätzlich so komplex macht, ist das Prinzip Dual Use. Technologien, die zivil wie militärisch einsetzbar sind, verwischen die Grenzlinie zwischen den moralischen Sphären. Drohnen, Kommunikationssysteme, Simulationssoftware, Schutzausrüstung, Sanitätsgeräte oder Roboterküchen – die Überlappungen zwischen eindeutig zivil und eindeutig militärisch werden immer größer.
„Dual Use führt zu einer Vermischung der Branchen, es wird schwerer, sich abzugrenzen. Wir können auch nicht verhindern, dass das von uns gestaltete medizinische Produkt übermorgen in Olivgrün hergestellt wird“, beschreibt ein Designer dieses Problem. Ein anderer, der mit aufgeblasenen Blechelementen arbeitet, erlebt, dass seine Ideen heute eine andere Bedeutung bekommen. Vor 15 Jahren rein zivil als Stadtmöblierung gedacht, tauchen die Strukturen heute als Option für Schutzräume wieder auf. Designerinnen und Designer zeichnet aus, immer ein Stück weiter zu denken, also Erkenntnisse, Prozesse und Konzepte von einem in einen anderen Kontext zu transferieren – doch gerade hier soll das nicht gelten. Da ist er wieder, der Kontext.



Start-ups ticken anders
„Es gibt schon coole Start-ups, die wir uns natürlich genau anschauen“, bekennt ein weiterer Designer. Cool im Sinne der Innovationskraft und der Unternehmensstrategie. Gerade im Bereich unbemannter Systeme zu Lande, zu Wasser und in der Luft tut sich derzeit enorm viel. Während etablierte Unternehmen immer auf die Lastenhefte der Bundeswehr-Bürokratie warteten, dann jahrelang entwickelten, dann produzierten und nach dem Ender der Nutzungszeit wieder von vorne anfingen, also nur Bestellungen abarbeiteten, gehen junge Unternehmen wie Quantum Systems, ARX Robotics oder AVILUS anders vor. Sie entwickeln vorab, sind enorm technologiegetrieben und bieten ihre Produkte dann am Markt an. Das heißt aber, sie stehen im Wettbewerb. Und damit bekommt das Design eine neue Aufgabe, nämlich die der Differenzierung des Unternehmens, seiner Produkte, Services und Marke. Die neuen Akteure im Defense-Bereich folgen einer anderen Marktlogik und müssen Investoren überzeugen – dafür braucht es Differenzierung, also Design. Erstmals wird Design im Verteidigungssektor nicht als nachgeordnetes Styling verstanden, sondern als strategisches Instrument. Neue Unternehmen aus dem Defense-Bereich investieren in Erscheinungsbild, in User Experience, in Produktästhetik. Für Designbüros, die den Zugang in diese Welt suchen, ist der Weg allerdings nicht einfach. „Es braucht entsprechende Kontakte“, heißt es lapidar. Die Branche ist abgeschottet, funktioniert über Netzwerke und Vertrauen, über Geheimhaltungsvereinbarungen und Compliance.
Und die Hochschulen?
Während die Praxis schweigt, suchen die Hochschulen eine eigene Sprache für das Thema – und finden sie, bezeichnenderweise, über den Begriff der Resilienz. An der HfG Schwäbisch Gmünd taucht Verteidigung im Curriculum nicht direkt auf, aber es entstehen studentische Projekte zu urbanen Schutzsystemen, zur Krisenvorsorge, zu dezentralem Katastrophenschutz, zu mobilen Unterkünften für Einsatzkräfte. Es sind Arbeiten, die sowohl zivile wie auch militärische Relevanz haben können. „Die Studierenden sind skeptisch gegenüber der Militarisierung des Designs“, so der Professor im Gespräch, der die Brotdose als Veranschaulichung mitbrachte.
Das eigentliche Problem ist das Schweigen
Eine Branche im Umbruch, die über den Umbruch nicht spricht – das ist das eigentliche Dilemma. Die Frage, ob man für den Defense-Sektor arbeiten soll, ist legitim, komplex und nur individuell zu beantworten. Das Problem ist eher, dass diese Frage nicht öffentlich verhandelt wird. Jeder entscheidet für sich, im Stillen, ohne gemeinsamen Referenzrahmen. Dabei geht die Möglichkeit, Bedingungen zu formulieren, verloren. Wer nicht redet, wer sich nicht aktiv positioniert, wird von Dritten positioniert. Die Bandbreite zwischen Erste-Hilfe-Ausrüstung und Waffensystem ist weit. Aber gerade deshalb braucht es Orientierung. Nicht nur bei der Brotdose.
Hinweis in eigener Sache
„Design for Defense“ berührt ein sensibles und vielschichtiges Themenfeld, das unterschiedliche Perspektiven und auch kontroverse Positionen hervorruft. Mit diesem Beitrag möchten wir einen ersten Zugang schaffen und eine Diskussion anstoßen – nicht abschließen.
Wir freuen uns über Rückmeldungen, Erfahrungen und Einschätzungen aus der Praxis, ausdrücklich auch über kritische oder konträre Sichtweisen an design-perspectives@gdc.de
Das Thema wird uns weiter beschäftigen. Wir verstehen diesen Beitrag als Auftakt zu einem Austausch, den wir gemeinsam mit der Design-Community weiterführen möchten.





