
Zwischen Material, Zeit und der Sehnsucht nach dem Realen
Zur 64. Ausgabe des Salone del Mobile steht die Branche unter Druck: steigende Material- und Energiekosten, fragile Lieferketten, geschrumpfte Budgets. Viele Hersteller kuratieren ihre Auftritte sichtlich selektiver oder bleiben der Messe gänzlich fern. Parallel verschiebt sich die Aufmerksamkeit immer weiter in die Stadt. Längst ist der Fuorisalone der eigentliche Resonanzraum der Messe: ein verteiltes Geflecht aus Showrooms, temporären Installationen und historischen Palazzi. Design wird hier vielerorts nicht als Produktneuheit verhandelt, sondern als System aus Material, Raum und Zeit.



Fuorisalone als Zentrum
So inszeniert Gaggenau seine Präsenz 2026 im Rahmen der EuroCucina erneut nicht als klassische Produktshow, sondern als zen-artiges Entspannungserlebnis im Garten der Villa Necchi Campiglio. Unter dem Titel „Presence“ zeigt das Unternehmen eine Installation, die bewusst auf Reduktion und Konzentration setzt. Im architektonischen Setting eines Glaspavillon werden Küchengeräte nicht plakativ ausgestellt, sondern in eine Komposition aus Licht, Material und Proportion eingebettet. Statt des reinen Produkts steht ein Erlebnis im Zentrum: Kontemplation als Designprinzip. Damit folgt die Präsentation des Unternehmens der Tendenz, in der viele Hersteller nicht mehr nur über Objekte argumentierten, sondern über Räume, Atmosphäre und Emotion.

Einen weiteren Beitrag liefert Kaldewei gemeinsam mit dem Mailänder Design-Studio Parasite 2.0 im historischen Palazzo Crespi. Die Installation „Bubbles of Time“ zeigt am Beispiel des Architekten Piero Portaluppi das Badezimmer als Träger von Geschichte. Auch beim abendlichen Talk mit Franz Kaldewei und Werner Aisslinger wird deutlich: Kaldewei versteht seine Produkte als dauerhafte architektonische Elemente – gedacht für lange Nutzungszyklen statt kurzfristiger Erneuerung.
Auch der Büromöbelhersteller Wilkhahn greift die Auseinandersetzung mit Material und Zeit im Rahmen der Ausstellung „What the surface remembers“ in Brera auf. Im Mittelpunkt steht Stahl als Werkstoff, der Spuren von Nutzung, Herstellung und Veränderung sichtbar speichert und im Gebrauch eine Patina entwickelt. Präsentiert wird der zirkulär gestaltete Drehstuhl WiChair, der über einen hohen Stahlanteil verfügt, sowie künstlerische Arbeiten von Aya Sasakura und Fotografie von Frank Schinski.



Raritas und Re-Editionen
Mit Salone Raritas integriert der Salone erstmals Collectible Design in seine Präsentation. Kuratiert von Annalisa Rosso, präsentiert in einer Ausstellungsgestaltung von Formafantasma, zeigen Kunstgalerien, Design Studios und Hersteller mit dem Fokus auf Handwerk, Unikate, Kleinserien, Antiquitäten und kontextgebundene Objekte. Dass diese nun nicht mehr auf Nebenschauplätzen, sondern im Zentrum der Messe sichtbar werden, ist kein Zufall. Collectible Design entzieht sich der Logik von Skalierung und Vergleichbarkeit und setzt auf Kontext, Autorschaft und materielle Eigenwilligkeit. Das Einzelstück steht für Zeit und Entscheidung und damit für Werte, die in einer beschleunigten, standardisierten und digitalisierten Produktionswelt zunehmend verloren gehen. Je homogener Produkte, je automatisierter Prozesse werden, desto größer wird die Sehnsucht nach Differenz.
Für Hersteller jenseits der Raritas-Halle stellt diese Entwicklung eine Herausforderung dar. Ihr System basiert weiterhin auf Skalierung und globaler Distribution. Jener Logik, die zunehmend unter Druck gerät. Mit Re-Editionen ikonischer Entwürfe, limitierten Serien und wachsender Personalisierung suchen sie nach alternativen Strategien. Der italienische Möbelhersteller B&B Italia macht es vor: Direkt gegenüber dem neuen Format bespielt das Unternehmen – erstmals seit 25 Jahren wieder auf der Messe vertreten – alleine eine Fläche gleichen Ausmaßes. Anlässlich seines 60-jährigen Jubiläums rückt der Klappsessel Nena von Richard Sapper aus dem Jahr 1984 in den Fokus. Eine Halle weiter zeigt der Badhersteller Laufen die Neuauflage einer Kooperation mit Kartell aus dem Jahr 2013 – diesmal gefertigt aus dem neuen Vitreon-Stahl. Auf der Messe lassen sich zahlreiche ähnliche Beispiele beobachten.


Material, Handwerk und die Inszenierung des Menschgemachten
Bereits die Kampagne des Salone del Mobile macht Materialität als Motiv dieser Ausgabe sichtbar. Stein, Holz und biobasierte Stoffe dominieren die visuelle Sprache. Auch in den Hallen der Messe zeigen viele Hersteller eine eher reduzierte, materialgetriebene Präsentation. Im Umfeld von Alcova wird die Hinwendung zum Material besonders deutlich: verkohltes Holz, Lavagestein, Kork, Ton. Oberflächen bleiben roh, Strukturen werden sichtbar, Verarbeitung nachvollziehbar. Dazu der Fokus auf handwerkliche Prozesse wie Glasbläserei, Keramik, Holzarbeiten und textile Techniken.
Das Sichtbarmachen von Herstellungsspuren soll Authentizität und Echtheit vermitteln. Innerhalb einer zunehmend digitalisierten Welt kommt der Inszenierung des Menschgemachten eine besondere Bedeutung zu, etwa als Gegenpol oder als Strategie, physische Präsenz und Materialität wieder erfahrbar zu machen.
Rohe Räume bei Alcova
Mit der Villa Pestarini, einem von Franco Albini entworfenen rationalistischen Wohnhaus, und dem ehemaligen Militärkrankenhaus in Baggio bespielt die Designplattform Alcova zwei architektonisch radikal unterschiedliche Orte. In der Villa Pestarini, die erstmalig für die Öffentlichkeit geöffnet wird, kuratiert Patricia Urquiola mit „Albini in Present Tense“ eine Installation für Cassina und Haworth. Re-Editionen von Franco Albini, darunter ein bislang unveröffentlichter Entwurf von 1947, korresponieren mit der historischen Architektur.


In Baggio verschiebt sich der Maßstab: In großformatigen Installationen werden neue räumliche und soziale Szenarien gezeigt: Mit Threshold erzeugen Objects of Common Interest und die italienische Marke Dooor in einem industriellen Setting mit minimalen Eingriffen (Raumteilern aus orangefarbenem Plastik) einen hell ausgeleuchteten, fast sterilen Raum, der sich deutlich von seiner Umgebung absetzt. Das eigentliche Produkt tritt dabei zugunsten der räumlichen Situation in den Hintergrund.
Supaform zeigt mit Seat in Touch eine Reihe modularer Sitzobjekte, die sich zu flexiblen Landschaften kombinieren lassen. Im Zentrum steht die Frage, wie Gestaltung soziale Koexistenz im Raum organisieren kann.



Archive als strategische Ressource
Mit dem Format Common Archive richtet der Salone del Mobile 2026 den Blick auf die Grundlagen des Entwurfs. Für einen Abend wird erstmals ein stadtweites Netzwerk von Design- und Architekturarchiven geöffnet – darunter Institutionen wie die Triennale Milano und das Politecnico di Milano ebenso wie zahlreiche private Nachlässe und Werkarchive. Zeichnungen, Modelle und Materialen dokumentieren den Prozess und zeigen eine Seite von Design, die sonst im Hintergrund bleibt: den Weg vom ersten Entwurf bis zum fertigen Objekt. Im Fokus stehen damit erneut nicht nur Ergebnisse in Form von Produkten, sondern auch die handwerklichen und gedanklichen Prozesse dahinter.
Auch mit diesem Format wird deutlich: Zukunft entsteht nicht allein aus permanenter Neuerfindung, sondern aus der bewussten Weiterführung bestehender Ideen, Materialien und Prozesse. Archive fungieren dabei als Ressource. Und als Grundlage für neue Entwürfe.










