Das Magazin des German Design Council
Finanzmetropole und in diesem Jahr Welthauptstadt des Designs: In Frankfurt und Umland wird es in den kommenden zwölf Monaten knapp 2.000 Veranstaltungen unter dem Motto „Gestalten wir gemeinsam Frankfurt RheinMain“ geben Foto: Ben Kuhlmann
WDC Frankfurt RheinMain 2026

Alles ist Design

VeranstaltungDesign Week
Mit Frankfurt RheinMain erhält erstmals eine deutsche Stadtregion den Titel „World Design Capital“. Die Auszeichnung der World Design Organization (WDO) rückt Design als demokratische Gestaltungskraft ins Zentrum und macht die vielfältige Metropolregion zu einem Experimentierfeld für die Frage, wie Gestaltung Zukunft und gesellschaftlichen Zusammenhalt prägen kann.

Wer Frankfurt und sein Umland erklären will, kommt nicht umhin, Kommerz und Kultur in einem Atemzug zu nennen. Auch Weltgewandtheit und sympathische Bodenständigkeit liegen hier so nah beieinander wie nirgendwo sonst in Deutschland. Spätestens seit vergangener Woche kommt das Begriffspaar Demokratie und Design hinzu: Am Freitag feierte die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit einem „Grand Opening“ in der Centralstation Darmstadt den offiziellen Auftakt in das Programmjahr. Getreu dem Motto „Gestalten wir gemeinsam Frankfurt RheinMain“ wollen die Veranstalter*innen in den kommenden Monaten eine Bewegung in Gang setzen, die sich der Frage widmet, wie Design zu einer erlebenswerten, demokratischen und wirtschaftlich nachhaltigen Zukunft beiträgt.

Seit 2008 verleiht die nichtstaatliche World Design Organization (WDO) mit Sitz im kanadischen Montreal, zu deren Gründungsmitgliedern auch der German Design Council gehört, den Titel „World Design Capital“ (WDC). Alle zwei Jahre wird die Auszeichnung an eine Stadt vergeben, die sich in einem Bewerbungsverfahren verpflichtet, die besondere gesellschaftliche Bedeutung von Design in einem einjährigen Programm sichtbar zu machen. Mit Frankfurt RheinMain wird erstmals eine Region geehrt. Sie folgt auf die US-amerikanisch-mexikanischen Nachbarstädte San Diego und Tijuana (2024) sowie auf die spanische Metropole Valencia (2022).

Demokratie durch Design

Initiiert wurde die Frankfurter Bewerbung bereits 2014 von der Werkbundakademie Darmstadt. Mit der Berufung von Matthias Wagner K, Direktor des Frankfurter Museums Angewandte Kunst, zum Leiter des Projekts nahm das Vorhaben ab Ende 2020 inhaltlich Gestalt an. Der internationalen Konkurrenz stellte sich die Region Frankfurt RheinMain schließlich unter dem Titel „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ – eine bewusste Anspielung auf Frankfurt als Wiege der deutschen Demokratie. Welcher Designer*in war nicht schon von der Hoffnung getragen, dass sich die Welt mit all ihren natürlichen und gesellschaftlichen Unebenheiten durch Gestaltung demokratisieren und damit verbessern lässt? Was nur wenige bedenken: Wir alle sind Teil dessen, was mit dem oft diffus gebrauchten Begriff „Design“ gemeint ist. 

Diese Haltung bildete auch die Grundlage von Frankfurts WDC-Bewerbung: „Wir wollten ganz bewusst die Wurzeln des Designs mit den gesellschaftlichen, sozialen und demokratischen Prozessen in Frankfurt RheinMain verknüpfen. Das erschien uns ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen potentiellen Kandidaten und dies hatte zuvor keine andere WDC-Stadt ins Zentrum gerückt“, sagt Anna Scheuermann, Expertin für Architekturkommunikation und Co-Autorin der WDC-Bewerbung. „Die WDC-Tour, bei der wir im Herbst 2022 mit dem roten Werkstattwagen an über 20 Stationen in der Region Halt machten, war der wirklich spürbare und motivierende Auftakt der eigentlichen Bewerbung. Zusammen mit einer jungen Crew machten wir überall auf unser Vorhaben aufmerksam, sammelten erste Ideen ein und bauten darauf schließlich die Bewerbungsschrift als Vision für 2026, die Matthias Wagner K und ich gemeinsam verfassten.“

„Wir wollten ganz bewusst die Wurzeln des Designs mit den gesellschaftlichen, sozialen und demokratischen Prozessen in Frankfurt RheinMain verknüpfen. Das erschien uns ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen potentiellen Kandidaten und dies hatte zuvor keine andere WDC-Stadt ins Zentrum gerückt."
Anna Scheuermann, Co-Autorin der WDC-Bewerbung

Beim unabhängigen Auswahlkomitee der WDO, zu dem internationale Expert*innen aus Design, Politik, Akademik und Kultur gehören, konnte Frankfurt damit punkten. „Wenn wir uns die im Laufe der Zeit eingereichten Bewerbungen ansehen, erkennen wir oft wiederkehrende Stärken wie ausgeprägte Designbranchen, kulturelle Einrichtungen und ambitionierte Programme. Gleichzeitig spiegelt jeder Zyklus der World Design Capital seinen eigenen Moment wider“, verrät  WDO-Präsident Pradyumna Vyas und fügt hinzu:. „Die Bewerbung von Frankfurt RheinMain zeichnete sich dadurch aus, dass sie direkt auf den aktuellen sozialen und politischen Kontext einging. Der Fokus auf Design for democracy, atmospheres for a better life erschien zeitgemäß und notwendig, da er anerkennt, dass es beim Design heute nicht nur um Form, Stil oder Innovation geht, sondern auch um Partizipation, Engagement der Bürger*innen und kreative Lösungen für unsere aktuellen Herausforderungen.“
 

Das Programm

Dass die Menschen in Frankfurt gerne den kollaborativen Weg wählen, sich untereinander austauschen und unterstützen, spürt, wer dort mal einen Vormittag auf dem Wochenmarkt verbringt: Hier herrscht Redseligkeit auf Augenhöhe, ganz ungeachtet finanzieller und kultureller Hintergründe oder individueller Lebensmodelle. Genau diese Unvoreingenommenheit spiegelt sich auch im Jahresprogramm dieser Welthauptstadt des Designs, das sich in Frankfurt am Main, Darmstadt und Wiesbaden, Hanau, Offenbach sowie in weiteren Landkreisen und Kommunen abspielt. Neben Eigenformaten hatte das Team rund um die Programmdirektorin Barbara Lersch im Vorfeld einen Open Call ausgerufen und so knapp 2.000 Veranstaltungen auf die Beine gestellt, die Teil von insgesamt 450 Projekten sind.

Um dabei den Überblick zu gewährleisten, wird es fünf thematische Schwerpunkte geben, die sich jeweils auf bestimmte Monate konzentrieren und in Form von Ausstellungen, Festivals, Konferenzen, Workshops und konkreten Stadtprojekten erlebbar sind. So wird es im Themenkomplex „Lebensräume gemeinsam gestalten“ im Februar, März und Mai etwa um klimaangepasstes Bauen, modulare Wohnformen und zukunftsfähige Mobilität gehen. Im April und Juni widmet sich das Programm dem Titel „Lernen neu denken, Gestaltung erforschen“. Um „Kreisläufe der Zukunft: Design, Handwerk und Industrie“ geht es im Juni. Den August und September begeht das WDC-Jahr „Mit allen Sinnen“ und rückt damit demokratische Aspekte von Kultur, Medien, Digitalisierung und Sport in den Fokus.

Einen designtheoretischen Abschluss macht von November bis Dezember der Themenschwerpunkt „Design im Dialog – in Politik und Gesellschaft“. Dazu gehören die World Design Policy Days, zu denen die WDO Entscheidungsträger*innen, Designer*innen und Wissenschaftler*innen zusammenbringt, um konkrete Empfehlungen für designgetriebene Politik zu entwickeln. Im Austausch mit Initiativen wie dem New European Bauhaus, dem EU Policy Lab und dem BEDA – Bureau of European Design Associations soll auf dieser Konferenz der „Design Action Plan Frankfurt RheinMain“ mit Impulsen für eine zukunftsorientierte europäische Designpolitik entstehen.
 

Von Design Week bis Welterbe

Für auswärtige Besucher*innen dürfte es sich vor allem lohnen, die Programmhöhepunkte im fortgeschrittenen Jahr zu besuchen. Dazu zählt die Open – Design Week Frankfurt RheinMain (5. bis 14. Juni), das Module Festival (13. bis 16. August) vereint Musik, Gestaltung und gesellschaftliche Themen entlang der Leitidee „Design for Democracy“. Als Anlaufstelle für das gesamte WDC-Jahr dient ab 24. Januar das WDC-Hub mit Pop-up-Ausstellungen und Interventionen im Museum Angewandte Kunst Frankfurt. Ebendort findet sich auch der WDC-Campus (15. April bis 9. August), der Studierenden, Absolvent*innen und Start-ups eine Plattform bietet, um innovative Projekte und Visionen für eine nachhaltige Zukunft von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu präsentieren.

Im Laufe des Frühjahrs lassen sich grüne Installationen an den Fassaden von Frankfurter Wohnhäusern entdecken, wenn mit dem partizipativen Projekt „Schattengrün“ von OMC°C ein reversibles Beschattungsprinzip erprobt wird. Zwischen Mai und Oktober erhellen Tobias Trübenbacher und Andreas Lang die Uferpromenade unterhalb des ikonischen EZB-Turmes mit ihrem autarken Beleuchtungsprojekt „Main-Light“. Unbedingt besuchenswert ist ab 28. Mai die Ausstellung „A Step Ahead“ der Künstler*innenkolonie und UNESCO-Welterbestätte Mathildenhöhe Darmstadt anlässlich ihres 125-jährigen Jubiläums.
 

„Die Ernennung zur World Design Capital hatte je nach lokalen Prioritäten und Kontext unterschiedliche Auswirkungen, führte jedoch in vielen Fällen zu dauerhaften Veränderungen.“

Pradyumna Vyas, Präsident der World Design Organization

Welche Spuren das WDC-Jahr hinterlassen wird

Was wird von alledem bleiben, wenn die zwölf Monate vorüber sind? „Die Ernennung zur World Design Capital hatte je nach lokalen Prioritäten und Kontext unterschiedliche Auswirkungen, führte jedoch in vielen Fällen zu dauerhaften Veränderungen“, betont Pradyumna Vyas. „Das Jahr, in dem Helsinki World Design Capital war (2012), trug etwa dazu bei, die Einbindung von Design in die öffentliche Verwaltung, politische Entscheidungsfindung und Dienstleistungen neu zu gestalten. Design Thinking wurde zu einem Instrument für die Bürger*innenbeteiligung und für die Neugestaltung öffentlicher Leistungen. Heute steuern ein Chief Design Officer und das Team von Design Helsinki die effektive Umsetzung von Design und Design Thinking auf allen Ebenen der Stadtverwaltung.“

Auch die mit dem Titel verbundenen wirtschaftlichen Hoffnungen dürften groß sein. Finanziert wird dieses Jahr von drei Hauptförderern, dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt am Main und dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, sowie von weiteren Städten und Gemeinden der Region – was ein gemeinsames öffentliches Budget von 14,3 Millionen Euro zusammenbringt. Weitere 1,7 Millionen Euro bringen verschiedene Institutionen, Unternehmen und Stiftungen über Co-Finanzierung, Sachleistungen und Spenden ein. Das ergibt 16 Millionen Euro, die sich bestenfalls als langfristige Investition in den Kreativstandort Frankfurt RheinMain lohnen. In Valencia (WDC 2022)  ist die Langzeitwirkung definitiv spürbar. So hat die Stadtverwaltung das Thema Design seither in Form eines Rates für Design in der Regierung verankert, berichtet Pradyumna Vyas. „Das Programm erzielte auch messbare wirtschaftliche Auswirkungen: Jeder in das WDC-Programm investierte Euro brachte rund 1,80 Euro an öffentlichen Einnahmen und 5,70 Euro an Einkommen, indem es über 350.000 Besucher*innen anzog und die Wirtschaft der Stadt sowie die Sichtbarkeit des Designsektors ankurbelte.“

Für Frankfurt RheinMain erhofft man sich nun ähnliches: „Die World Design Capital 2026 ist für Frankfurt RheinMain ein wirtschaftsstrategisches Zukunftsprojekt. Design ist heute ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Es treibt Innovation, stärkt Unternehmen und erhöht die Attraktivität unseres Standorts für Fachkräfte und Investitionen“, sagt die Wirtschaftsdezernentin der Stadt Frankfurt Stephanie Wüst. Idealerweise trägt dieses Jahr also dazu bei, dass Design als gesamtgesellschaftliches Instrument das demokratische Miteinander fördert und obendrein ein ökonomisches Plus beschert, statt wie so oft als ästhetisches Beiwerk missverstanden zu werden – seiner Tragweite wird diese Haltung schon zu lange nicht gerecht.

 
German Design Council x WDC 2026

Moving Business by Design

Wir begleiten die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 mit verschiedenen Angeboten. Auftakt macht die erste Veranstaltung unserer Talkreihe „Moving Business by Design" in Kooperation mit der IHK Frankfurt.

Alle Events des German Design Council anlässlich der WDC 2026 finden Sie hier

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