Das Magazin des German Design Council
Festspiel vor dem Ernst Ludwig-Haus zur Eröffnung der Ausstellung Ein Dokument Deutscher Kunst, 1901 © Institut Mathildenhöhe, Städtische Kunstsammlung Darmstadt
125 Jahre Mathildenhöhe

Experimentierbühne einer frühen Designwirtschaft

DesigngeschichteJubiläum
Die Darmstädter Mathildenhöhe feiert 125-jähriges Jubiläum und richtet mit „A Step Ahead" den Blick zugleich zurück und voraus. Die Ausstellung verbindet die Reformideen der Künstlerkolonie mit aktuellen Perspektiven auf Design, Architektur, Kunst und neue Technologien.

125 Jahre nach der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie richtet die Mathildenhöhe Darmstadt den Blick erneut nach vorn. Mit A Step Ahead – Einen Schritt voraus setzt sie im Rahmen der World Design Capital 2026 Frankfurt-Rhein Main aktuelle Akzente und knüpft zugleich an ihre eigene Geschichte als Ort des gestalterischen Aufbruchs an. Vom 7. Juni bis zum 31. Januar 2027 wird der Frage nachgegangen, wie Design, Architektur und Kunst gesellschaftliche Entwicklungen prägen – damals wie heute. Was ist aus dem 1901 progressiven Konzept zur Verbesserung des Alltagslebens durch Gestaltung geworden?

In vier Hallen werden die Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914 in den Blick genommen, um daraus Resonanzräume für zentrale Themen wie Weltentwürfe, Gemeinschaft und Individualität, Identität und Soziales sowie Introspektion und Aufbruch zu generieren. Historische Gestaltungsansätze der Künstlerkolonie werden mit aktuellen Fragestellungen verknüpft: neue Produktionsweisen, innovative Materialien, partizipative Prozesse und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eröffnen Perspektiven auf zukünftige Lebenswelten. Die von Dr. Philipp Gutbrod, dem Direktor des Instituts Mathildenhöhe, kuratierte Ausstellung wagt zudem ein Experiment: Mithilfe von KI-Technologien sollen die erste Ausstellung von 1901 und die Bauausstellung von 1914 in einer 3D-Visualisierung rekonstruiert werden.

Ein gebautes Versuchslabor der Moderne

Dass die Mathildenhöhe heute als Ort des gestalterischen Aufbruchs gilt, hat ihre Wurzeln in der Zeit um 1900. Was auf der Mathildenhöhe entstand, war nicht weniger als ein gebautes Versuchslabor der frühen Moderne, ein wirksames ästhetisches und soziales Experiment. Mochten die Schwerpunkte zwischen 1901 und 1914 auch wechseln, die vom Jugendstil und der Reformbewegung freigesetzten Energien sorgten für einen künstlerischen und ökonomischen Schub, der weiter wirkte, bis der Erste Weltkrieg der Künstlerkolonie ein jähes Ende setzte. Einer Arbeitsteilung und Fragmentierung vorantreibenden Industriegesellschaft wurde ein ganzheitliches, ästhetisch wirksames und langlebiges Programm eines innovationsfreundlichen Zusammenwirkens von Architektur, Raumkunst (Innenarchitektur) und Freiraumplanung (Landschafts- und Stadtplanung), Malerei und Skulptur, aber auch Theater und Tanz entgegengesetzt. Nicht ohne Grund haben Gropius und das Bauhaus später unter veränderten Bedingungen an die in Darmstadt realisierten Ideen angeknüpft. 2021 wurde die internationale Bedeutung der Mathildenhöhe als Ort des künstlerischen Aufbruchs durch die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe bestätigt.

Der Aufbruch unter Ernst Ludwig

Wer große Sprünge machen will, muss Anlauf nehmen. Ohne den kunstsinnigen Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein wäre das hoch gelegene Areal, das wegen seiner Lage jahrhundertelang als Weinberg genutzt wurde, geblieben, was es seit etwa 1800 gewesen war: ein auch der Öffentlichkeit zugänglicher Park. Dieser war 1833 anlässlich der Vermählung in den Besitz des Erbgroßherzogs Ludwig III. und seiner Gemahlin Mathilde übergegangen, nach der er später benannt wurde. Großherzog Ernst Ludwig – der Sohn Ludwig IV. und ein Enkel der britischen Königin Victoria – hatte sich bei Besuchen in Großbritannien für die Arts-and-Crafts-Bewegung begeistert, die als Gegenbewegung zur anonymen Produktion industrieller Massenware entstanden war. Aufgeschlossen für alles Neue, wie er war, ließ er sich 1897 – einzigartig in der deutschen höfischen Kultur – in seinem neuen Palais in Darmstadt ein Empfangszimmer und ein Esszimmer in dem fortschrittlichen Stil einrichten.

Die Ambitionen des Großherzogs reichten freilich weiter: Er wollte eine ästhetisch begründete, produktionstechnisch und ökonomisch wirksam werdende Reform des Kunstgewerbes anstoßen, die sämtliche Bereiche des Alltags durchdringen sollte. Überlegungen, wie sich das realisieren lasse, reiften im regen Austausch mit dem Verleger und Publizisten Alexander Koch. Dieser demonstrierte im Herbst 1898, was er sich konkret vorstellte: Auf einer Darmstädter Kunst- und Kunstgewerbeausstellung präsentierte Koch erstmals vollständig mit funktionalen Werken der angewandten Kunst ausgestattete Rauminszenierungen.

Die Künstlerkolonie entsteht

Nicht vergessen werden darf: Seit 1880 befand sich auf dem höchsten Punkt der Anhöhe das städtische Wasserreservoir. Auch konnte im Jahr 1899 die Russische Kapelle eingeweiht werden, die Nikolaus II., der letzte Zar Russlands, vom Petersburger Hofarchitekten Benois hatte errichten lassen – auf eigens herantransportierter russischer Erde. Der Zar hatte 1894 die Schwester Ernst Ludwigs geheiratet und benötigte für seine Besuche in der Geburtsstadt seiner Frau Alexandra ein orthodoxes Gotteshaus. Im selben Jahr berief Großherzog Ernst Ludwig sieben Künstler, darunter Hans Christiansen aus Paris, Joseph Maria Olbrich aus Wien und Peter Behrens aus München, um Darmstadt als Zentrum der Kunstgewerbereform zu etablieren.
Am 15. Mai 1901 um 11 Uhr wurde auf der Mathildenhöhe die erste Ausstellung der Künstlerkolonie unter dem Titel „Ein Dokument deutscher Kunst“ mit einem Weihespiel mit dem Titel „Das Zeichen“ – konzipiert von Peter Behrens mit Musik von Willem de Haan und Texten von Georg Fuchs – und unter Fanfarenklängen feierlich eröffnet. Die gesellschaftspolitische Vision war schon bei der Grundsteinlegung des Ernst-Ludwig-Hauses deutlich geworden: „Darin liegt das Neue, das Bedeutende, das Überzeugende dieser Ausstellung, die mit dem frostigen Jahrmarkts-Charakter bricht und eine Kunst darbieten wird, die aus dem Leben hervorgegangen ist und dem Leben dienen, das Leben verklären soll.“

Wirkung weit über Darmstadt hinaus

Mit der Schaffung der Künstlerkolonie und der Schau von 1901 gelang es Ernst Ludwig, die Hauptstadt seines Großherzogtums als eines der wichtigsten Zentren der Kunstgewerbereform um 1900 zu etablieren. Die Ausstellung fand weithin Interesse, endete aber mit einem finanziellen Desaster. Bereits 1903 hatten die ersten Künstler die Kolonie wieder verlassen. Insbesondere Peter Behrens, der sich gegen Olbrich nur schwer hatte durchsetzen können, gründete danach in Berlin sein eigenes Büro und wurde zum Ziehvater der späteren Protagonisten des Neuen Bauens Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier.

Die Wirkung der Schau von 1901 war gleichwohl enorm. Sie avancierte zum Prototyp einer internationalen Bauausstellung, die zahlreiche Nachahmer fand – und bis heute fortwirkt. Das Neue erschien greifbar: Innerhalb von zwei Jahren waren unter der Oberleitung Olbrichs neben einer Reihe provisorischer Bauten das Ernst-Ludwig-Haus im Zentrum sowie acht vollständig eingerichtete Wohnhäuser als Kernstücke der Anlage realisiert worden. Allein der Maler Peter Behrens, der zu diesem Zeitpunkt nur mit Grafiken und wenigen Einzelgegenständen hervorgetreten war, verantwortete – inspiriert von Symbolen aus Nietzsches „Zarathustra“ – Entwurf und Ausstattung seines Hauses allein.

1904, 1908 und 1914 folgten drei weitere, bescheidenere Ausstellungen, die zu aktuellen Fragen der Zeit Position bezogen – vom Arbeiterwohnhaus bis zum Reformmietshausbau. Anlässlich der Vermählung von Großherzog Ernst Ludwig mit Eleonore Solms-Hohensolms-Lich stifteten die Bürger der Stadt den 48 Meter hohen Hochzeitsturm, in dessen über Eck laufenden Fensterbändern Olbrich bereits 1908 Merkmale der späteren Bauhaus-Architektur vorweggenommen hatte. Damals entstand auf den Mauern des Wasserreservoirs auch das Ausstellungsgebäude. Nachdem Olbrich 1908 überraschend gestorben war, übernahm Albin Müller die künstlerische Leitung der vierten und letzten Ausstellung von 1914. Er entwarf das große Wasserbecken unterhalb der Russischen Kapelle; der Bildhauer Bernhard Hoetger gestaltete den Platanenhain und das Löwentor als Entrée. Der auf der Mathildenhöhe formulierte Anspruch, Gestaltung als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen, wirkt bis heute nach.

125 Jahre Mathildenhöhe

„Gestaltung bedeutet immer auch, Verantwortung zu tragen"

Dr. Philipp Gutbrod, Direktor des Institut Mathildenhöhe Darmstadt, im Interview über die Aktualität der Reformideen von 1900, die Mathildenhöhe als Ort des Aufbruchs und die gesellschaftliche Rolle von Gestaltung heute.

Zum Interview

Ausstellung

A Step Ahead (Einen Schritt voraus)

7. Juni 2026 – 31. Januar 2027
Institut Mathildenhöhe Darmstadt

zur Ausstellung

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