„Gestaltung bedeutet immer auch, Verantwortung zu tragen“

Was ist für Sie das Außergewöhnliche, das Herausragende an der Mathildenhöhe Darmstadt, das bis heute nachwirkt?
Dr. Philipp Gutbrod: Das Außergewöhnliche an der Mathildenhöhe Darmstadt liegt darin, dass hier eine radikale Offenheit zu sehen ist, mit der um 1900 neue Wege in der Architektur und im Design beschritten wurden. Mit künstlerischer Freiheit ausgestattet, konnten die Mitglieder der Künstlerkolonie Darmstadt hier vollständig eingerichtete Häuser, Skulpturen im öffentlichen Raum sowie gestaltete Freiflächen schaffen, die im Rahmen von vier großen Bauausstellungen auf der Mathildenhöhe präsentiert wurden. Das so entstandene Gesamtensemble gilt als wegweisender Ort der Frühmoderne und wurde 2021 auf die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben. Auch heute inspiriert die Mathildenhöhe mit ihrer Ausrichtung, durch Gestaltung gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitzuprägen und somit eine Verbesserung des täglichen Lebens zu erzielen. Im Jubiläumsjahr „125 Jahre Mathildenhöhe Darmstadt“ wird diese Idee punktuell in die Gegenwart übersetzt und neu befragt. Genau hier setzt auch die Ausstellung an.
Welchen Begriff von Gestaltung legen Sie der Schau „A Step Ahead“ zugrunde? Wo sehen Sie heute in der Gestaltung eine Ästhetik (im Sinne einer geschärften Wahrnehmung) am Werk, die integrativ und verantwortungsvoll zu wirken vermag?
In „A Step Ahead“ (Einen Schritt voraus), einer Ausstellung im Rahmen der World Design Capital 2026, wird Gestaltung nicht nur als formale Disziplin verstanden, sondern als ein aktiver, gemeinschaftlicher und verantwortungsvoller Prozess. Gestaltung bedeutet immer auch, Entscheidungen zu treffen und damit Verantwortung zu tragen, sei es im Umgang mit Materialien, Produktionsweisen oder in sozialen Zusammenhängen. Eine zeitgemäße Ästhetik zeigt sich erst dort, wo sie Zusammenhänge sichtbar macht und unterschiedliche Perspektiven integriert. Die Ausstellung versammelt historische und aktuelle Design-Positionen sowie interaktive Stationen, um Gestaltung als vernetztes System zu vermitteln und konkret aufzuzeigen, wie Gestaltung integrativ wirksam werden kann.
„Gestaltung bedeutet immer auch, Entscheidungen zu treffen und damit Verantwortung zu tragen, sei es im Umgang mit Materialien, Produktionsweisen oder in sozialen Zusammenhängen.“
Dr. Philipp Gutbrod
Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht das zeittypische Pathos des damaligen Aufbruchs? Sind Architektur und Design heute nicht längst in die Konsumgesellschaft integriert, können also nur schwer über diese hinausweisen? Welche heute aktuellen Ansätze sehen Sie, wenn sie zurück auf die Künstlerkolonie blicken?
Der Pathos des frühen 20. Jahrhunderts war Ausdruck eines echten Aufbruchs und eines tiefen Glaubens an die gestaltende Kraft von Kunst, Design und Architektur. Diese Überzeugung bündelte sich in der Idee des ‚Gesamtkunstwerks‘. Peter Behrens wurde von der Offenheit der Mathildenhöhe so sehr inspiriert, dass er hier als Autodidakt sein erstes Haus gebaut hat und im Innern alles selbst gestaltet hat. Auch konzipierte und realisierte er für die Eröffnung der ersten Ausstellung ein „Weihespiel“, eine Art Kunstperformance, die auf unserem Ausstellungsplakat zu sehen ist. Heutige Designende sind beeindruckt von der radikalen Kreativität, die auf der Mathildenhöhe geherrscht hat, und stellenweise sind entsprechende Anklänge im zeitgenössischen Design zu sehen. Der Designbegriff hat sich jedoch deutlich verändert und erweitert: Galten die Gestaltenden um 1900 als Einzelgenies, so arbeiten Designende heute oftmals im Kollektiv und in co-kreativen Prozessen. Anders als um 1900 stehen heute globale Faktoren im Fokus der Designenden sowie eine ausgeprägte Haltung zu den Herausforderungen unserer Zeit.
Bei Peter Behrens war das ganzheitliche Pathos ja durchaus auch von Elementen der Philosophie Nietzsches inspiriert. Steht die Frage nach einem „Übermenschen“ mit der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz plötzlich wieder auf der Agenda? Anders gefragt: Heute ist im Design viel von Ganzheitlichkeit die Rede. Mit der weltanschaulichen Perspektive des Gesamtkunstwerks hat das allerdings wenig zu tun. Wo sehen Sie Parallelen, wo Unterschiede?
Tatsächlich können mehrere Elemente an Behrens‘ erstem Haus als Hommage an Nietzsche gelesen werden, und der Gestalter hat während seiner Zeit in Darmstadt für „Also sprach Zarathustra“ einen vielbeachteten Prachteinband geschaffen. Der aufrührerische Zeitgeist um 1900 fand auch in der Hoffnung Anfang des 20. Jahrhunderts eine Entsprechung, dass aufgrund von wissenschaftlichen Entdeckungen, Fortschritten in der Medizin und internationaler Vernetzung das Jahrhundert besonders friedlich werden würde. Heute sind die Menschen weniger naiv, dass globale Probleme sich allein durch technische Neuerungen zum Guten lösen lassen. Nur eine ganzheitliche Betrachtung von den komplexen vernetzten Systemen der Welt und globaler Dialog können zu inklusiven Lösungsansätzen führen. In der Ausstellung wird diese Veränderung des Designbegriffs mit interaktiven Stationen auf spielerische Art sichtbar: Experimentelle Formate zeigen, wie Gestaltung weniger auf ein geschlossenes Ideal abzielt als auf offene Prozesse.
Einen Schritt voraus – wo sehen Sie diesen heute im Vergleich zu vor 125 Jahren, auch angesichts einer sich verschärfenden Klimakrise? Welche Rolle spielt eine auf den Alltag ausstrahlende Ästhetik in Zeiten virtueller Welten, in denen Objekte immer weniger eine Rolle spielen?
Vor 125 Jahren bedeutete „einen Schritt voraus“ vor allem, mit einer ganzheitlichen Gestaltung das tägliche Leben ästhetisch zu durchdringen und aufzuwerten. Neue Materialien und Konzepte sollten qualitatives Design erschwinglich machen und über Ausstellungen und Zeitschriften einer breiten Gesellschaftsschicht vermittelt werden. Kritische Fragen nach ausgrenzenden Faktoren, Umweltbelastung oder sozialverträglichen und ressourcenschonenden Produktionsweisen standen nicht im Vordergrund. Heute ist der Anspruch an eine Demokratisierung von Design eng mit Fragen der Nachhaltigkeit, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Teilhabe verknüpft.
Auch in unserer digitalen Zeit besteht weiterhin das Bedürfnis, unsere Umwelt mit allen Sinnen zu erleben. Wir brauchen physische Objekte in den unterschiedlichsten Formen, um überleben zu können. Design-Bildung – in der Schule, in Medien oder in Ausstellungen – kann uns einen bewussteren Umgang mit unserer Welt – physisch wie auch digital – vermitteln. In diesem Sinne stellt die Ausstellung digitale Rekonstruktionen sowie interaktive Angebote physischen Objekten gegenüber. In dieser Verbindung von physischem Raum und virtuellen Ebenen zeigt sich, dass Ästhetik weiterhin eine zentrale Rolle spielt und sich stetig wandelt. Sie verlagert sich zunehmend in Richtung Erfahrung, Interaktion und Wahrnehmung.

Experimentierbühne einer frühen Designwirtschaft
Die Darmstädter Mathildenhöhe feiert 125-jähriges Jubiläum und richtet mit „A Step Ahead" den Blick zugleich zurück und voraus. Die Ausstellung verbindet die Reformideen der Künstlerkolonie mit aktuellen Perspektiven auf Design, Architektur, Kunst und neue Technologien.

A Step Ahead (Einen Schritt voraus)
6. Juni 2026 – 31. Januar 2027
Mathildenhöhe Darmstadt








