
Better Together
Kollaborative DNA
Der Wandel zeigt sich bereits in den Namen vieler Designstudios. Nur noch selten heißen sie wie ihre Gründer*innen. Büros nennen sich heute oft mit Akronymen oder abstrakten Begriffen, die als Metapher ihres Designansatzes fungieren. So kann ein Studio unter demselben Namen wachsen, sich verändern oder neue Mitarbeitende integrieren, ohne an eine einzelne Person gebunden zu sein.
Hinter dem Namen Parasite 2.0 etwa steckt ein interdisziplinäres Designstudio mit Sitz in Mailand. Stefano Colombo, Eugenio Cosentino und Luca Marullo Viola gründeten es 2010 mit dem Anspruch, das Berufsbild für sich neu zu definieren. Statt ausschließlich Gebäude zu entwerfen, begannen sie, mit offenen Formaten und experimentellen Werkzeugen zu arbeiten, Daten über die Nutzung von Räumen zu analysieren und mögliche Zukunftsszenarien zu entwickeln. Schon während ihrer Zeit am Mailänder Politecnico waren sie daran gewöhnt, in Gruppen zu arbeiten: „Wir hielten die Idee, Einzelkarrieren zu verfolgen, schon damals für überholt.“ Ihre Vorbilder seien vor allem Architektenkollektive gewesen, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden, Team 10 etwa, und später Gruppen wie Archizoom, UFO und Archigram.



Zu Teamplayern ausgebildet
Designhochschulen sind von Natur aus Orte der Kollaboration. Viele Projekte wären allein weder organisatorisch noch fachlich zu bewältigen. Die Grenzen der Fakultäten werden hier schnell passiert und Kollisionswochen oder Angebote im Rahmen des Studium Generale begünstigen die Zusammenarbeit zwischen den Studiengängen. Nach dem Abschluss sehnen sich manche zwar erst recht nach der Freiheit und Unabhängigkeit der singulären Designkarriere, andere bauen weiter auf ihr kollaboratives Fundament und Netzwerk und gründen nicht selten gemeinsam mit anderen Studierenden.
Colombo, Cosentino und Marullo Viola starteten ihren Weg als Parasite 2.0 zu Unizeiten. Doch als das Studio in den vergangenen Jahren von einer flexiblen Dreierkonstellation zu einem Team von etwa zehn Personen heranwuchs, mussten die Arbeitsprozesse neu organisiert werden: „Wir tauschen uns nach wie vor viel aus, sitzen an einem großen Tisch und halten ausgiebige Brainstorming-Sitzungen ab, bei denen jeder seine Fähigkeiten und Meinungen zu jedem Auftrag einbringt“, erzählt Marullo Viola.
„Wir legen großen Wert darauf, von den Menschen zu lernen, die unsere Entwürfe physisch umsetzen und bauen.”
Nicola Brenna von Studio Wok
Mehr bewegen
Studio Wok (ausgezeichnet als „Interior Designers of the Year” bei den ICONIC Awards 2026) wurde 2012 von Marcello Bondavalli, Nicola Brenna und Carlo Alberto Tagliabue gegründet. Das heute zehnköpfige Team habe in den letzten Jahren zunehmend den Wunsch verspürt, Projekte gemeinsam mit Statiker*innen, Herstellern und Fachkräften umzusetzen, statt sie lediglich zu beauftragen. Auch, um den eigenen Wissensstand zu bereichern. „Wir legen großen Wert darauf, von den Menschen zu lernen, die unsere Entwürfe physisch umsetzen und bauen“, sagt Nicola Brenna. Das Mailänder Büro entwickelt präzise Entwürfe für Restaurants, Privathäuser und öffentliche Einrichtungen und versteht den Austausch bereits in der Entwurfsphase als Mehrwert: „Unsere tägliche Zusammenarbeit erstreckt sich auf ein breiteres Netzwerk externer Akteur*innen, die wie Satelliten um unser Büro kreisen.“
Die neue Generation hat verinnerlicht, dass sich mit derselben Kraft mehr bewegen lässt: „Viele von uns haben erkannt, dass die Pflege von Partnerschaften unserer gesamten Architektengeneration hilft, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, und unseren kommunikativen Einfluss auf internationaler Ebene erheblich verstärkt.“, sagt Nicola Brenna von Studio Wok.



Kernkompetenz? Kommunikation!
Auch die Gestalter*innen bei Ten interessiert, was möglich wird, wenn Design als kollektive Anstrengung verstanden wird: „Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Fachkenntnisse summieren sich nicht einfach; sie hinterfragen und verändern sich gegenseitig.“ Das führe oft zu Ergebnissen, zu denen keiner von ihnen allein gelangt wäre.
Ten (ausgezeichnet als „Creator of the Year” bei den ICONIC Awards 2026) wurde 2015 von einer Gruppe von Architekt*innen als Verein für Architektur, Entwurf und Forschung gegründet und umfasst heute zudem ein informelles Kollektiv und ein Architekturbüro mit Standorten in Zürich und Belgrad. Ihr Ziel ist es, Ideen zu konzipieren, zu erforschen und umzusetzen, die neue Praktiken im Bereich der gebauten Umwelt sowohl definieren als auch erweitern. „Der Schwerpunkt liegt auf der Schaffung von Architektur unter realen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen“, sagt Joel Zimmerli, der seit 2021 Teil von Ten ist. „Gemeinsam zu arbeiten, bedeutet auch, direkt und kontinuierlich voneinander zu lernen. Dazu müssen wir unsere Ideen klar formulieren, unsere Annahmen hinterfragen und offen für Kursänderungen bleiben.“
Kollaboration nimmt bei Ten unterschiedliche Formen an: „Projekte werden in der Regel von kleineren Teams entwickelt, doch wir schaffen aktiv Gelegenheiten, bei denen die Arbeit dem gesamten Kollektiv zugänglich gemacht wird.“ Das könne in Form von offenen Studio-Sessions oder gezielten Design-Sprints geschehen, bei denen Personen, die nicht direkt an einem Projekt beteiligt sind, neue Perspektiven einbringen. Diskussionen finden hier nicht hinter verschlossenen Türen statt. Öffentliche Discord-Kanäle machen Entscheidungen für das gesamte Kollektiv nachvollziehbar.


„Gemeinsam zu arbeiten, bedeutet auch, direkt und kontinuierlich voneinander zu lernen.”
Joel Zimmerli von TEN
Jenseits der eigenen Disziplinen
Die Berliner Designer Serdar Ayvaz und Coşan Karadeniz gründeten 2024 das Studio Yont, das an Interior- und Objektdesign mit Fokus auf Akustik und Materialexperimente arbeitet. Für sie fühlte sich Zusammenarbeit nie wie eine Strategie an, sondern wie die selbstverständlichste Art zu arbeiten. Eines ihrer ersten Interiorprojekte war ein Raum für das Berliner Musiklabel Seven, in dem akustische Überlegungen, Musikkultur und Setdesign zusammenkamen. Und zugleich ein Netzwerk aus Dienstleister*innen, Hersteller*innen, Künstler*innen und Fotograf*innen einbezogen wurde.
Kollaboratives Arbeiten schafft genau jene Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Praktiken und Branchen. „Es kommt vor, dass wir zunächst ein Regalsystem entwickeln und dann dazu übergehen, gemeinsam mit Lautsprecherentwickler*innen, Hersteller*innen und Künstler*innen ein skulpturales Klangobjekt aus Styropor zu entwerfen“, erzählt Ayvaz. Unterschiedliches Wissen und verschiedene Rahmenbedingungen führten dabei oft zu unerwarteten Lösungen, die innerhalb einer einzigen Disziplin nicht entstanden wären.
Für Ayvaz und Karadeniz sind Gemeinschaftsprojekte die logische Konsequenz ihres experimentellen Designverständnisses, das sich derzeit um Sound und Akustik dreht. Dass die Berliner Studioräume, an denen sie zuletzt arbeiteten, von einem rosa DJ-Pult bestimmt werden, liegt nicht zuletzt am gemeinschaftlichen Tüfteln. Auch die akustisch wirksamen Acosorb-Deckenelemente, die in diesem Projekt den teilweise sichtbaren Deckenbestand ergänzen und Nachhall reduzieren, sind gestalterische Resultate der interdisziplinären Zusammenarbeit.


Für einen privaten Auftraggeber forschte Parasite 2.0 zu möglichen Zukunftsszenarien in der Hotellerie. Die Zusammenarbeit ermöglichte es, sich einerseits stärker auf den Bereich Innenarchitektur zu konzentrieren und andererseits komplexe Daten zu wirtschaftlichen und administrativen Aspekten zu analysieren. Das verändert auch das eigene Rollenverständnis. Das Studio konnte sich in diesem Projekt stärker auf seine Kernkompetenz, das Interiordesign, konzentrieren und zugleich neue Felder wie Datenanalyse erschließen.
Dass alle vier Büros einen forschungsbasierten Ansatz verfolgen, ist dabei kein Zufall. Wissenschaftliches Arbeiten basiert auf interdisziplinärer Zusammenarbeit. Ten plädiert für offene Forschung und Gestaltung als Dialog, das Kollektiv hat seit 2025 einen kleinen Lehrauftrag an der ETH Zürich inne. „Forschung wird viel interessanter und wertvoller, wenn sie mit Freunden und geschätzten Kollegen geteilt wird“, merkt Studio Wok an. Auch Luca Marullo Viola von Parasite 2.0 geht seit sechs Jahren einem Lehrauftrag an der Design Academy Eindhoven nach.
Vielleicht beginnt die Zukunft der Architektur deshalb nicht im Atelier eines Genies, sondern an einem langen Tisch. Dort, wo diskutiert, verworfen, ergänzt und weitergedacht wird. Ein enger Draht zur Lehre fördert übrigens auch die Form der kreativen Zusammenarbeit, die zwischen den Generationen stattfindet. Sie baut Brücken zu den Ateliers, wo die Gestaltung von morgen vorbereitet wird. Ohne Einzelkämpfer-Epos, dafür mit Pluralität und diversen Ideen, die stets neu herausgefordert werden.
Über die ICONIC AWARDS

Mehr Sichtbarkeit, mehr Chancen – die neuen ICONIC AWARDS bieten eine Bühne für die Ideen und Projekte von morgen. Entfalten Netzwerk- und Business-Möglichkeiten und ebnen Wege zu neuen Märkten. Sie richten sich an Architekt*innen, Designer*innen und Unternehmen, die mit visionären Projekten, innovativen Produkten und nachhaltigen Konzepten die Zukunft mitgestalten.


