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Das belgische Designerduo Fien Muller und Hannes van Severen prägt seit 15 Jahren mit einer klaren, skulpturalen Designsprache das Interior Design. © Rosanne Van Severen
Muller van Severen

In guten Händen

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Das belgische Gestalterduo Muller van Severen feiert 15-jähriges Jubiläum. Mit heiteren, manchmal hintersinnigen Entwürfen und einer wiedererkennbaren Designsprache haben die beiden die Ästhetik des Interiors geprägt wie nur wenige.

Bei ihnen sind die Dinge in guten Händen. Wenn sich Fien Muller und Hannes van Severen Möbeln und Alltagsgegenständen annehmen, dann machen sie die Dinge einfacher, aber auch präziser, leichter, aber auch raffinierter, prägnanter, aber auch heiterer. Das belgische Designerduo blickt mit den Augen bildender Künstler*innen auf die Objekte, die uns umgeben, und erkennt ihre kleinen Schwächen. Und so verwandeln sie ein schweres, behäbiges Kastenmöbel wie eine Kommode oder einen Schrank in ein durchbrochenes Gehäuse, in dem sich das Licht fängt. Und das unvermeidliche Kabel, das in vielen Wohnungen zwischen Stromauslass und Lichtquelle baumelt, veredeln sie so, dass es zu einem Teil der Leuchte wird. Die beiden verrücken die Perspektive auf die Gegenstände, manchmal nur ein wenig, wie bei dem Spiegel, den ein Kranz von kleinen Bögen säumt wie eine Aura, manchmal sehr deutlich, wie bei dem Daybed, das zwei gebogene Liegeflächen über Eck verbindet.

„Wir haben eine klare Sprache,
das können wir gar nicht leugnen“
Fien Muller

Immer klar und wiedererkennbar in der Form, schaffen Muller van Severen Designs, die den Alltag ein wenig schöner und, ja, tatsächlich auch amüsanter machen. „Wir nehmen alles sehr ernst“, sagt Fien Muller. „Nur weil etwas klein ist, ist es für uns nicht weniger interessant. Ein Kerzenhalter muss dieselbe Qualität haben wie ein Möbelstück.“ Ihr Arbeits- und Lebenspartner Hannes van Severen ergänzt: „Wir wurden als Künstler ausgebildet und wir sind sehr visuell. Für uns muss jedes Objekt eine skulpturale Präsenz haben.“ 15 Jahre arbeiten Muller und van Severen jetzt als Gestalter zusammen. Zur Mailänder Designwoche feierten sie Geburtstag mit der Ausstellung „Silhouettes“ und dem Buch „A Lot of Work“, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Team vom Apartamento Magazine. Bei dieser Gelegenheit trafen wir Fien Muller und Hannes van Severen zum Gespräch.

Kultdesign mit Wiedererkennungswert

Dass die Dinge bei Muller van Severen in guten Händen sind, ist im Übrigen eine mehrheitsfähige Meinung, zumindest, wenn man den kommerziellen Erfolg als Maßstab nimmt. Ihre Entwürfe für Hay gehören zu den Bestsellern der dänischen Designmarke, darunter die „Arcs“-Kollektion mit Vasen, Leuchten, Spiegel und Servierwagen, außerdem Stauraummöbel, ein Outdoortisch mit Waschbetonfuß und Besteck. Ihr Durchbruch waren jedoch die Produkte, die sie mit der belgischen Marke Valerie Objects auf den Markt brachten. Die so einfachen wie farbenfrohen Stühle und die Leuchten aus gebogenem oder geknickten Rohr waren ein paar Jahre lange gefühlt überall zu sehen und gehören immer noch den zu heiß geliebten Designobjekten, die viele kennen.

„Nur weil etwas klein ist, ist es für uns nicht weniger interessant. Ein Kerzenhalter muss dieselbe Qualität haben wie ein Möbelstück.“
Fien Muller

Nicht zuletzt mit ihren selbstproduzierten Entwürfen haben sich Muller van Severen ein Platz im Kanon der zeitgenössischen Gestaltung erobert, darunter ihre erste gemeinsame Arbeit, ein quadratischer Tisch mit gebogener, schwenkbarer Leuchte als Verlängerung eines Tischbeins. „Das war ein sehr wichtiges Stück für uns“, sagt Fien Muller. Elemente, Typologien und Funktionen miteinander zu kreuzen, zieht sich seitdem als ein roter Faden durch ihre Arbeit. Wie bei dem über Eck verbundenen Daybed, den Regal-Tisch- oder den Regal-Sessel-Kombinationen. Oder das „Duo Seat and Lamp“, ein Stahlrohrensemble aus Sitz, Liege und Leuchte. Es sieht aus wie ein Freud’sches Therapie-Set-up aus der Hand eines Minimal-Künstlers.

Doch wie reduziert die Entwürfe von Muller van Severen auch wirken mögen, sie sind „nicht neutral“, wie Hannes van Severen betont. Deswegen sind sie in ihrer Einfachheit und Wiedererkennbarkeit auch nicht langweilig – es gibt immer einen kleinen Bruch, eine Irritation oder einen humorvollen Moment. „Wir haben eine klare Sprache, das können wir gar nicht leugnen“, so van Severen weiter. „Wir versuchen uns so gut wie möglich treu zu bleiben und etwas Ehrliches zu machen“, fügt Muller an. Hannes van Severen ist der Sohn des früh verstorben Designers Marten van Severen, dessen Möbelentwürfe bis heute von Vitra produziert werden. Sein Bruder Kersten van Severen ist ein erfolgreicher Architekt. Fien Muller kommt ebenfalls aus einer künstlerisch-kulturell geprägten Familie, ihr Vater handelte mit Antiquitäten.

„Wir versuchen uns so gut wie möglich treu zu bleiben
und etwas Ehrliches zu machen“
Fien Muller

Ursprünge einer gemeinsamen Sprache

Die Geburtstagsausstellung in Mailand kam beim Publikum allerdings eher gemischt an. Muller van Severen hatten 15 überdimensionale Kerzenhalter aus Aluminiumblech bauen lassen. In den Formen der Halter tauchten ihre Entwürfe auf. So zitierten sie etwa die scherenschnittartigen Volumen ihrer „Bridges“-Kommoden für BD Barcelona. Auf den bis zu zwei Meter hohen Kerzenhalter thronten ebenso überlebensgroße, echte Kerzen. Jeder Halter ist ein Einzelstück, die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit einer Kunstgalerie. Dem Designwochen-Publikum war dieses Best-of mitunter zu selbstreferentiell. Für das belgische Duo hingegen ist die Ausstellung Teil einer fast schon zyklischen Arbeitsweise: Von Zeit zu Zeit müssten sie „etwas Seltsames machen“, so Hannes van Severen, um mit einem anderen Blick auf Objekte zu schauen. „Es ist notwendig, mal einen Schritt zurückzutreten.“

Interessant ist auch das Konzept des Buches „A Lot of Work“, das entsprechend dem Titel viele ihrer Arbeiten wie ein Bilderbuch aneinanderreiht. Aber nicht nur Abbildungen der Designobjekte und Möbel – dazwischen gestreut sind auch Fotos von künstlerischen Arbeiten der beiden aus der Zeit, bevor sie zusammen zum Design wechselten. In der unkommentierten und nicht-hierarchischen Zusammenschau wird deutlich: Viele der Themen ihrer gestalterischen Arbeiten entwickelten sie schon damals als Künstler. Die kräftigen Farben und mutigen Farbkombinationen etwa probierte Fien Muller bereits in ihren inszenierten Stillleben-Fotografien aus. Auch girlandenartige Linien und scherenschnittartige Umrisse tauchen da auf. Und Hannes van Severen arbeitete als Bildhauer mit Möbeln und Architektur-Versatzstücken, deklinierte sie zu ganzen Familien durch, ähnlich wie in einigen ihrer gestalterischen Projekte. Ein einleitender Text von van Severen bestätigt diese Beobachtung, ihre jeweiligen künstlerischen Arbeiten wirkten im Rückblick fast wie Übungen für ihre gemeinsamen Entwürfe. „Muller Van Severen entstand nicht langsam oder verschüchtert. Es kam fast schon fertig ausgeformt an, als eine gemeinsame Sprache, die sich unmittelbar und unausweichlich anfühlte. Nicht ihre. Nicht meine. Sondern etwas, das uns von Anfang an gemeinsam gehörte.“

Monographie

A lot of work

Muller van Severen

Herausgegeben von Apartamento Publishing S.L.
Seiten: 224
Einband: Gebunden
ISBN: 978-84-09-83344-3

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