Das Magazin des German Design Council
„Crafted by hand” wird bei Mazda gelebt – von der ersten Skizze auf Papier über die Tonmodelle bis zum fertigen Fahrzeug Foto: Nathalie Zimmermann
Mazda Design Centre

Crafted by Hand: Mazda zelebriert das Handwerk

DesignMobilität
Im Research and Design Centre von Mazda in Oberursel gestalten Designer*innen und Ton-Modelleure gemeinsam die Zukunft des Automobils. Mit der Überzeugung, dass gutes Design nicht am Rechner entsteht, sondern durch Handarbeit mit Stift und Ton.

Hiroshimastraße 1 in Oberursel. Wer diesen Straßennamen das erste Mal liest, reibt sich die Augen. Hiroshima? Vor den Toren Frankfurts? Tatsächlich schlägt nur 15 Kilometer vom Stadtzentrum der Mainmetropole entfernt, dort wo der Taunus beginnt, Mazdas europäisches Herz. Auf dem weitläufigen Gelände einer ehemaligen Wachsfabrik – mit zwei alten Klinkertürmen als steinernen Zeitzeugen. Umgeben von einer Parkanlage mit viel Grün, drängt sich das Gebäude nicht auf: keine gläserne Konzernkathedrale, kein Architektur-Statement aus Beton. Der Backstein-Bau mit Flachdach erinnert eher an einen Bungalow aus den 1960er Jahren: große Fenster, weite Flure, Natursteinböden, Blick auf japanischen Ahorn.

Seit 1990 existiert das Research and Design Centre von Mazda am Standort Oberursel. Es ist Teil von Mazda Research Europe und neben Hiroshima in Japan und Irvine in Kalifornien eines der drei globalen Forschungs- und Entwicklungsstandorte des Unternehmens. Rund 90 Menschen sind in Oberursel tätig, 25 von ihnen kommen aus Japan. Jo Stenuit (Design Director Mazda Europe) kennt das Haus seit fast dreißig Jahren. Seit 2018 leitet er das europäische Designteam. Seine wahre Liebe aber gilt Japan und der Frage, wie sich japanische Lebensphilosophie in Formen übersetzen lässt. Die Antwort, die Mazda seit 2010 darauf gibt, heißt „Kodo”.

Kodo bedeutet Herzschlag

„Kodo“ – das japanische Wort für Herzschlag – bildet die Grundlage von Mazdas Designphilosophie „Soul of Motion“. Dahinter steht die Überzeugung, dass ein Fahrzeug Bewegung und Lebendigkeit ausdrücken soll, selbst, wenn es stillsteht. Volumen und Flächen werden so gestaltet, dass Licht nicht einfach reflektiert, sondern lebendig wird. „Fährt man an einem Mazda vorbei, tanzen die Reflexionen über die Oberfläche", schwärmt Andreas Feussner (Head of Clay Modelling, Mazda Europe). „Das passiert, weil die Flächen das Licht führen und in Bewegung halten.”

Im Interieur der Mazda-Fahrzeuge gilt das japanische Prinzip „Ma“ – die bewusste Konzentration auf das Wesentliche. Klare Strukturen, reduzierte Bedienelemente und großzügige Innenräume schaffen eine ruhige Atmosphäre. Ergänzt wird „Ma“ durch „Omotenashi“ – das japanische Prinzip, Bedürfnisse zu antizipieren, bevor sie ausgesprochen werden. Der Innenraum eines Fahrzeugs ist so gestaltet, dass sich jeder Handgriff selbstverständlich anfühlt. Dahinter steht Mazdas Verständnis von Human-Centred Design: Nicht die Technologie gibt hier den Takt vor, sondern die Frage, wie sich Mobilität im Alltag anfühlen soll.

The Hiroshima Way

Mazdas Designphilosophie wurzelt tief in Hiroshima. Dort wurde das Unternehmen 1920 als „Toyo Cork Kogyo” gegründet – als Produzent von Korkwaren, weil Kork nach dem Ersten Weltkrieg als Dichtmittel knapp und begehrt war. Firmenchef Jujiro Matsuda stellte die Produktion bald auf Maschinenbau um. 1931 rollte das erste Fahrzeug vom Hof. Was Hiroshima, die Stadt, die sich nach der Atombombe von 1945 neu erfand, seither geprägt hat, hat auch Mazda geformt: der Wille, Grenzen zu verschieben und Konventionen zu hinterfragen. Bahram Partaw (Lead Exterior Designer, Mazda Europe) nennt das „The Hiroshima Way”. Dieser Geist sitzt immer am Tisch, wenn hier entworfen wird. Und Kork hat inzwischen seinen Weg in die Fahrzeuge gefunden: als Interieur-Material für den MX-30. Nicht nur als Erinnerung an Mazdas Ursprung, sondern auch aus Gründen der Nachhaltigkeit: ein Teil des verwendeten Korks stammt von Resten aus der Weinproduktion.

Das Design Studio ist das Herz des Gebäudes: rund acht Meter Höhe, zwei Ebenen. An einer Wand ein großer Screen mit Kampagnen-Bildern: ruhige, atmosphärische Fotografien mit japanischer Anmutung. Sonst erinnert die Halle eher an ein Bildhauer-Atelier: Modelle in verschiedenen Reifegraden, Feilen, Schaber, Spachtel, Reste von Ton. Auf einem Tisch: skulpturale Objekte aus Bronze, Holz und Stein. Keine Designobjekte, sondern Materialforschung für Fahrzeugschlüssel. Wie fühlt sich Stein an? Wie liegt Bronze in der Hand, verglichen mit Holz? Was erzeugt Wertigkeit? Und welche der Formen lässt sich in ein Serienfahrzeug übersetzen? Die Antwort finden die Designer*innen im Greifen, im Vergleichen, im Befragen der eigenen Sinne.

Der CX-6e aus Oberursel

Im Zentrum des Design Studios steht der neue Mazda CX-6e. Das erste vollständig elektrische SUV der Marke für den europäischen Markt entstand genau hier: in Oberursel. Lead Exterior Designer Bahram Partaw hat das Fahrzeug maßgeblich geprägt. „Der CX-6e ist das futuristischste Fahrzeug, das Mazda je gebaut hat”, sagt Bahram Partaw. Sein Design folgt dem Prinzip „Soulful Futuristic Modern”, einer Weiterentwicklung der Kodo-Designsprache, die Skulpturalität und Elektromobilität zusammenbringt, ohne in kühle Funktionalität zu kippen. Für den Innenraum reiste eigens ein Kollege aus Japan nach Oberursel und arbeitete gemeinsam mit dem hiesigen Team. Die elektrische Plattform erlaubte es, den Innenraum von Grund auf neu zu denken: Reduktion auf das Wesentliche, klare Linienführung, nichts Überflüssiges. Dass der Prozess von der ersten Skizze bis zur Produktion nur zwei Jahre dauerte – bei Mazda normalerweise das Doppelte – macht die Leistung dieses interkulturellen Zusammenspiels noch eindrucksvoller.

Forschung zu Farbe und Material

Im benachbarten Colour, Material & Finish Studio arbeitet Alena Gersonde (Senior Colour & Material Designer, Mazda Europe) mit ihrem Team. Auf den Tischen drapiert liegen Materialproben, Stoffe, Farbmuster, Keramikfragmente. Washi-Papier aus Japan – fein und faserig wie getrocknete Haut. Und immer wieder Indigo, in Verläufen, Abdrücken, Mustern, die an Batik-Experimente erinnern. An „Aizome", das alte japanische Handwerk des Färbens, das Gersonde und ihr Team auf ihren Reisen durch Japan studierten. Colour, Material & Finish: Was ein bisschen nach Styling klingt, nach dem letzten Schliff am Fahrzeug, ist tatsächlich eine Disziplin, die eigenständig und mit eigener Logik forscht. Gersonde und ihre Kolleg*innen nähern sich Farbe und Material nicht nur vom Produkt her, sondern von der Welt. „Wir reisen nach Japan, nach Mailand, besuchen Design Weeks, Märkte und Museen. Dort beobachten wir, wo neue Materialien entstehen und sich ästhetische Strömungen ankündigen, bevor sie zum Trend werden.” Aus dieser Arbeit entstanden zuletzt zwei neue Farben.

„Navy Blue Mica” debütiert bald am CX-5, Mazdas meistverkauftem Modell weltweit.  Ein tiefes Dunkelblau, das je nach Licht eine andere Qualität annimmt. In einem Straßenbild voller Grau, Weiß und Schwarz ist das eine Ansage. Außerdem die Sonderfarbe „Nightfall Violet”. Im Schatten wirkt sie fast schwarz, eher tiefgründig und zurückgenommen. Trifft Licht darauf, wechselt sie ins Purpurne: glänzend, lebendig, schimmernd. „Als die Farbe intern zum ersten Mal gezeigt wurde, reagierten viele im Team skeptisch, ja sogar geschockt”, gibt Alena Gersonde zu. „Aber als sie ,Nightfall Violet' dann am fertigen CX-6e sahen, kippte die anfängliche Skepsis bei allen in Begeisterung.” Ab Sommer 2026 sind beide Farben auf Europas Straßen zu sehen.

Der Farbton „Soul Red Crystal“ gilt heute als die ikonische Signaturfarbe der Marke und ist weit mehr als eine Lackierung. Rot ist japanische Nationalfarbe, untrennbar verbunden mit der eigenen Flagge. Technisch entstand „Soul Red Crystal“ mit dem Takuminuri-Verfahren – einem mehrschichtigen Lackaufbau, der zwischen leuchtendem Rot und tiefem Dunkel wechselt. „Mit Farbe können wir die emotionale Bindung an ein Produkt stärken", sagt Gersonde.

„Der Designprozess ist zu wertvoll, um ihn an die KI abzugeben. Hier ist der Intellekt des Designers gefragt, sein ästhetisches Gespür, seine Fähigkeit, eine Emotion in Form zu übersetzen.“
Bahram Partaw, Lead Exterior Designer

Crafted by Hand With Japanese Soul

Bei Mazda beginnt jedes Fahrzeug mit der Hand: Papier, Stift, Skizze. Erst wenn der Entwurf überzeugt, wandert er in den Rechner, wird dreidimensional aufgebaut und geprüft. Dann kommt der Schritt, der Mazda von fast allen anderen Herstellern unterscheidet: Es wird wieder analog. „Crafted by hand” wird hier gelebt – von der ersten Skizze auf Papier bis zum fertigen Fahrzeug.

Der räumliche Grundkörper entsteht aus Styrodur – einem Hartschaum, den eine Fräse computergestützt in die grobe Fahrzeuggeometrie bringt. Auf diesem Unterbau kommt dann der eigentliche Protagonist ins Spiel: der Industrieton. Auf 60 Grad erwärmt, entstehen daraus Schicht für Schicht die Skulpturen, die Ausgangspunkte für alle Fahrzeugdesigns von Mazda sind. Denn was digital überzeugt, kann im Raum völlig anders wirken.

Den Titel „Takumi” trägt, wer das Handwerk auf höchstem Niveau beherrscht. Weltweit gibt es bei Mazda nur drei Takumi in der Tonmodellierung; sie arbeiten in Hiroshima. Die Clay Modelleure in Oberursel arbeiten im engen Austausch mit ihnen.

Lässt sich der Entwurf der Designer*innen im Ton nicht so umsetzen wie gezeichnet, schlägt der Modelleur etwas anderes vor. Denn das physische Modell zeigt, was kein Bildschirm zeigen kann: Wie ein Fahrzeug im Raum steht. Wie die Proportionen zum menschlichen Körper sind, wie eine Kante sich anfühlt, wenn die Hand drüber fährt. Wenn die Form steht, kommt echter Fahrzeuglack aufs Modell, der tatsächliche Serienlack. Erst jetzt sieht man, wie Licht auf einer Fläche bricht, wo eine Linie zu hart ist.

DIe Frage, ob das Team im Designprozess auch mit KI arbeitet, verneint Lead Exterior Designer Bahram Partaw. „Dieser Prozess ist zu wertvoll, um ihn an die KI abzugeben. Hier ist der Intellekt des Designers gefragt, sein ästhetisches Gespür, seine Fähigkeit, eine Emotion in Form zu übersetzen.” Man sieht und spürt es im wahrsten Sinne des Wortes förmlich, wenn ein Fahrzeug nur am Rechner entstanden ist – da sind sich im Research und Design Centre von Mazda in Oberursel alle einig: „Es fehlt etwas.”

Dieser Beitrag entstand nach einem Besuch im Mazda Research and Design Centre in Oberursel im Rahmen der „Mazda Craft Journeys”, Teil des Programms der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026.

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