
Kopenhagen nutzt den Moment
Unter dem Motto „Make This Moment Matter“ lud die 3daysofdesign vom 10. bis 12. Juni 2026 nach Kopenhagen ein. Was 2013 als Initiative von vier dänischen Marken in einem alten Lagerhaus im Kopenhagener Stadtteil Nordhavn begann, hat sich zu einem der international wichtigsten Designevents entwickelt. Die Veranstaltung setzt konsequent auf ein dezentrales Format: Showrooms, Galerien, Ateliers, Museen, Hotels und Stores in insgesamt acht „Design Districts“ werden zu temporären Ausstellungsräumen für Möbel, Leuchten, Wohnaccessoires, Materialien und Textilien.
„,Make This Moment Matter’ steht dafür, Bedeutung durch Verbindungen zu schaffen – zwischen Ideen, Kreativen, Räumen und Orten“, erklärt Signe Byrdal Terenziani, CEO & Managing Director der 3days. Während das Wetter mit Sonnenschein und kräftigen Regenschauern unbeständig war, präsentiert sich das Festival selbst beeindruckend stabil. Zwischen 2023 und 2026 ist die Zahl der teilnehmenden Marken von rund 290 auf über 460 gestiegen – ein Wachstum von etwa 59 Prozent. Damit zählt das Festival zu den am stärksten expandierenden Designveranstaltungen Europas. In einer Zeit, in der viele vergleichbare Formate ihre Relevanz neu justieren müssen.



„,Make This Moment Matter’ steht dafür, Bedeutung durch Verbindungen zu schaffen – zwischen Ideen, Kreativen, Räumen und Orten“
– Signe Byrdal Terenziani, CEO & Managing Director der 3daysfdesign
Erweiterter Stadtparcours
So kam etwa das Quartier Postbyen auf einem ehemaligen Postareal am Hauptbahnhof hinzu, das zum Festival eröffnet wurde. Das Areal mit seinen markanten Rundtürmen vereint Hotel, Gastronomie, Büroflächen und Galerien. Das Kopenhagener Studio Fanzi zeigte dort unter dem Titel „Welcome. Slow Down“ Arbeiten von rund 18 internationalen Nachwuchsdesigner*innen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenkanals wurde mit Islands Brygge ein weiterer Distrikt in das Festival integriert: In der Fabrikken for Kunst og Design präsentierte die Ausstellung Ukurant etwa prozessorientierte Arbeiten junger Talente und rückte bewusst den Entstehungsprozess statt des fertigen Objekts in den Fokus. Die Schau entwickelte sich schnell zum Geheimtipp der Nachwuchsszene.
Raum für Interpretation
Das übergeordnete Motto gab viel Raum für Interpretationen: Produktlaunches, -erweiterungen, Eröffnungen wurden ebenso integriert wie Jubiläen, etwa bei Muuto oder Ferm. Verpan feierte Verner Pantons 100. Geburtstag mit einer großen Schau im Design Museum Dänemark. Iittala zelebrierte das 90-jährige Jubiläum der Aalto-Vase mit einem sieben Meter hohen, begehbaren Pavillon aus recyceltem Aluminium von Hydro in Form der Vase. Das nachhaltige Bauwerk am Hafenkanal wurde zu einem architektonischen Statement.



Design als Katalysator für Verbindung
„In Dänemark verstehen wir uns als starke Verfechter eines demokratischen Designverständnisses. Als gemeinschaftlich finanziertes Festival verbindet uns zudem ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn. Die Rolle von 3daysofdesign entwickelt sich weiter – hin zu einer Plattform für tiefgehende, multisensorische Erfahrungen, in denen neue Design-Narrative gemeinschaftlich entstehen“, sagt Signe Byrdal Terenziani. Gruppenausstellungen gewinnen dabei an Bedeutung. Mit Deoron war erstmals auch in der dänischen Hauptstadt jene internationale Plattform für Designnachwuchs vertreten, die sich bereits in Mailand große Sichtbarkeit erarbeitet hat. Material Matters, eine britische Initiative für Materialinnovation, brachte Ausstellende aus verschiedensten Ländern im Ukraine House zusammen, darunter waren diesmal auch Start-ups aus Indien und Zypern. Das Format Framing präsentierte rund 40 nationale und internationale Marken im beeindruckenden Rokoko-Bau Odd Fellow Palæ. Und Design/Dialogue, die von Ark Journal kuratierte Ausstellung, bachte führende internationale Marken, Designer*innen und kreative Stimmen in einen kulturell geprägten Austausch. Zu den Teilnehmenden im Den Frie, einem unabhängigen Zentrum für zeitgenössische Kunst, zählten unter anderem Acerbis, cc-tapis, MDF Italia, Molteni und Moroso. Auch COR feierte hier sein Kopenhagen-Debüt. Die schwedischen Marken Baux, Blond und Hem kollaborierten im Distrikt Paper Island: Während Hem einen neuen skulpturalen Holzstuhl von Max Lamb vorstellte, der aus nur einem Stück gefertigt wird, zeigte Blond die Tischleuchte Solaris. Sie ist entworfen von der wohl jüngsten Designerin der 3daysofdesign, Sol Rybakken Kallin, der 12-jährigen Tochter von Designer Daniel Rybakken, und basiert auf zwei Lichtquellen und klaren Geometrien.
Realer Kontext
Viele Marken nutzten Hotel und Gastronomie, um ihre Neuheiten vorzustellen: Duni Lighting Solutions inszenierte seine neuen Hospitality-Kollektionen im Designhotel Herman K – unter anderem Leuchten auf Basis von Kaffee- und Weideresten. Bettenhersteller Dux feierte sein 100-jähriges Bestehen im Hotel D’Angleterre, dem ältesten und renommiertesten Grand Hotel Dänemarks. Die japanische Marke Kinto präsentierte neue Tableware und Textilien bei Studio X Kitchen, einem hybriden Raum zwischen Café und Showroom. „Wir laden die Besucher*innen dazu ein, Design dort zu erleben, wo es hingehört: an realen Orten, unter Menschen, in lebendigen Gemeinschaften“, erklärt Terenziani.


Internationale Gemeinschaft und Handwerk
Während die skandinavischen Marken weiterhin Schwerpunkt sind, nimmt mit der Expansion der 3daysofdesign die Internationalisierung deutlich zu. Auffällig war insbesondere der Anteil an asiatischen Marken und jungen Talenten, deren Materialbewusstsein, handwerkliche Präzision und schlichte Formensprache beeindruckte – eine ideale Ergänzung zur skandinavischen Designkultur. Besonders deutlich wurde die asiatische Perspektive in der von Gabriel Tan kuratierten Schau „The House of Making“: Mit Ariake, Ladies & Gentlemen Studio, Origin Made, Parachilna und Zimmer+Rohde brachte Tan fünf handwerklich orientierte Marken im historischen Asia House zusammen.
Überhaupt zog sich das Thema Handwerk wie ein roter Faden durch das Festival: Die Verbindung von Technologie, innovativen oder natürlichen Materialien und nachhaltigen Praktiken dient zunehmend dazu, handwerkliches Können im Produkt sichtbar zu machen. Ein gutes Beispiel dafür lieferte Makale, eine junge indisch-dänischen Marke, die auf traditionelle indische Fertigungstechniken zurückgreift und diese in zeitgenössische Möbel überführt. Ebenso das estnische Studio House of Pärnamets, das etwa Holzelemente eines Stuhls bewusst vernäht und trockenes wie frisches Holz kombiniert, um Stabilität ohne den Einsatz von Klebstoffen zu erzeugen. Die dritte Ausgabe von Værktøj (dt. „Werkzeug“) – ein Format, in dem Designer*innen jeweils mit einem spezifischen Werkzeug arbeiten – stellte das Nähen mit der Nähmaschine als Ausgangspunkt für neue Möbel- und Leuchtenentwürfe in den Mittelpunkt, unter anderem bei Erwan Bouroullec, Louis Campbell und Pearson Lloyd. Auch der Auktionsmarkt zeigt diesen Wandel: Bei Bruun Rasmussen etwa steht nicht mehr der große Name bei Produkten im Vordergrund, sondern die handwerkliche Qualität. Die „No-Names“ verkaufen sich in eklektisch komponierten Rauminszenierungen.



Rhythmus des Moments
Warum 3daysofdesign derzeit zu den dynamischsten Designveranstaltungen Europas zählt, liegt auf der Hand: Es verbindet internationale Reichweite mit einer konsequent kuratierten und stadträumlichen Erfahrung. Die diesjährige Ausgabe offenbarte zugleich eine spürbare Verschiebung – weg von der reinen Neuheitenschau, hin zum Fokus auf Handwerk, Materialqualität, nachhaltige Produktion, mehr kollaborativem Kontext und Content. „Die Herausforderungen unserer Zeit,ob ökologisch, gesellschaftlich oder technologisch,lassen sich nicht von Einzelnen im Alleingang lösen. Gespräche und gemeinschaftsorientierte Formate schaffen Räume für unterschiedliche kulturelle Perspektiven. Sie erinnern uns daran, dass Design letztlich immer von Menschen für Menschen gemacht wird“, so Signe Byrdal Terenziani. Spannend ist es nun zu beobachten, ob das Festival bei der steten Zunahme an neuen Formaten auch künftig den 3-Tage- Rhythmus und seine entspannte Atmosphäre beibehalten kann.








