
„Design ist immer politisch“
Wer sich dieses Jahr nach Frankfurt am Main aufmacht, der wird sicher auch früher oder später im WDC Hub im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main landen. Die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Museums bilden nämlich die Festivalzentrale der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und damit den Dreh- und Angelpunkt aller 2.000 verbundenen Veranstaltungen von rund 450 Projektpartner*innen. Hier schlägt das Herz der Weltdesignhauptstadt. Gestaltet hat es Studio Formagora aus Münster. Und das ist kein Zufall. Denn das Team der WDC 2026 und Studio Formagora haben eine ähnliche Sicht darauf, was Design bewirken kann: Transformation durch demokratische Teilhabe und Kreislaufwirtschaft. Das Miteinander steht im Zentrum der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 – und auch bei Studio Formagora. Das WDC Hub ist demzufolge als Raum für die Gemeinschaft gestaltet: Hier können Ausstellungen stattfinden, Veranstaltungen, Initiativen können sich präsentieren oder aber man kann ihn in den Zeiten dazwischen einfach nutzen, um zu lesen oder auch zu arbeiten – und das kostenfrei.

Dritte Orte als Geschäftsmodell
Die Gestaltung des WDC Hub ist ein klassischer Designauftrag für Studio Formagora, was eher ungewöhnlich ist. Denn das Quartett aus Finn Blankenberg, Esra Heuermann, Nick Potter und Nele Heise verbindet vor allem partizipatives Design mit Handwerk im öffentlichen Raum. Man kennt die Bilder: Studierende oder Bürgerinitiativen bauen zusammen in Reallaboren Pflanzkübel, Bänke oder Hocker aus Holz und verorten sie in der Stadt, um so genannte „dritte Orte“ zu schaffen. Orte, die jeder nutzen kann, kostenfrei und ohne Konsumzwang. Aber kann man so etwas als Geschäftsmodell betreiben? „Die Bücher sind voll“, gibt Nick Potter Auskunft. Auch wenn das Studio erst seit 2022 besteht und sie noch recht jung sind, können sie schon auf einige Projekte zurückblicken: Sie haben mit Vereinen wie Vamos e.V. und B-Side e.V. Räume und Möbel gestaltet, für Münster und Witten haben sie Stadtmöbel gezimmert oder Workshops durchgeführt – wie etwa beim UmBauLabor in Gelsenkirchen, initiiert von Baukultur NRW. Zu Beginn lief noch viel über Förderungen, heute sei der Auftragsanteil höher. „Mittlerweile interessieren sich auch Unternehmen für unsere Arbeit“, sagt Nele Heise. 2024 wurden sie mit dem German Design Award als Finalist in der Kategorie „Newcomer“ ausgezeichnet. Studio Formagora wertet das positiv, denn auch die Wirtschaft interessiere sich nun für Ansätze mit sozialer Wirkung: „Wir verstehen diese Auszeichnung von so hoher Instanz als Symbol für den Wandel.“



„Wir erzeugen Spaß, was eine große Qualität hat – aber Bespaßungsdesigner*innen möchten wir trotzdem nicht genannt werden.“
Nele Heise
Suffizienz statt Effizienz
„Einen Gestaltungsprozess mit gebrauchten Materialien oder Partizipation – das ist nichts, was man im Studium lernt“, erzählt Nick Potter. Nach dem Design-Studium an der Akademie für Gestaltung Münster seien die Vier deshalb „einfach losgelaufen“. Der ehrenamtliche Anteil war anfangs groß, heute professionalisieren sie sich, schaffen Strukturen. „Idealismus steckt in jedem unserer Projekte und Design ist unser Werkzeug dazu. Wir haben immer den Anspruch, möglichst nachhaltig mit Materialien umzugehen und sozial zu arbeiten“, sagt Nele Heise, die wie ihre Mitstreiter vor dem Studium eine Tischler-Lehre gemacht hat. Suffizienz stehe über der sonst so viel gepriesenen Effizienz bei ihren Designs: Braucht man diese Stühle überhaupt, auch wenn sie aus Reuse-Materialien hergestellt würden? Diese und ähnliche Fragen zu Beginn eines Projektes reduzieren auch schon mal das Auftragsvolumen. „Das ist für uns ein voller Erfolg“, so Heise.


„Wenn Menschen zusammenkommen und ein Ziel haben, ist das am Ende ein verdammt heilsamer, wunderschöner Prozess.“
Nick Potter
Resonanzbeziehungen für Demokratie
Der Prozess sei oft ähnlich: Zunächst werden in einem Workshop mit dem Auftraggeber die Bedürfnisse und Ziele der Teilnehmenden eruiert: Worum geht es hier? Was wird gebraucht , damit dieser Ort besser funktioniert, schöner wird? Dann geht es in die Abstimmungsschleifen über das Design, bei denen immer wieder neue Entwürfe vorgestellt und diskutiert werden. Im Anschluss folgt die gemeinsame Umsetzung. Das Co-Building stärke das Gefühl von Selbstwirksamkeit, baue Barrikaden ab und kreiere Resonanzbeziehungen. Studio Formagora ist davon überzeugt, dass bei Prozessen, bei denen sich Kinder, Geflüchtete, Nachbarn oder Vereinsmitglieder kennenlernen, auch mehr zusammenwachsen. Wenn Menschen mitbestimmen können, werde Demokratie erfahrbar. Da sind sich die Macher*innen von Studio Formagora sicher. „Bei unseren partizipativen Prozessen geht es darum, das Wissen anzuzapfen und eine Selbstorganisationsstruktur aufzubauen“, so Nele Heise. Wichtig sei das partizipative Verfahren, bei dem Menschen sich zwar beteiligen können, die Fäden des Gestaltungsprozesses immer in der Hand von Studio Formagora bleiben. Dass es den oder die Designer*in braucht und nicht alle alles machen können, sei dabei ein wichtiges Learning.
Papptheke für die B-Side
Das wird vor allem am Beispiel ihres bisher umfangreichsten Projektes deutlich: Mit dem B-Side-Kollektiv, das ein soziokulturelles Quartierszentrum in Münsteraner Hafen betreibt, hat Studio Formagora in einem partizipativen Verfahren den Gastronomie-Bereich, das Quartier-Wohnzimmer, die Dachterrasse sowie Möbel gestaltet. Der Prozess startete mit einem Arbeitskreis und lief über zwei Jahre. Die Gestaltung haben Finn, Esra, Nick und Nele immer weiter vorangetrieben und dabei so viel wie möglich das Kollektiv mitgestalten lassen. Da dieses rund 200 Mitglieder hat, fanden viele Iterationsschleifen im digitalen Raum statt. Bei den fünf analogen Events kamen Knete, Pappmodelle und das Emotional Mapping nach Christopher Alexander zum Einsatz. Am Ende eines Events stand eine Theke aus Pappe, an der Glühwein getrunken wurde. Nele und Nick geben zu bedenken: „Man muss das aber auch gut organisieren: Wir haben die Abstimmungsrunden vorher angekündigt. Es gab einen gewissen Zeitrahmen, in dem die Mitsprache möglich war.“ Besonders stolz sind sie auf das modulare Sofa, das zu 95 Prozent aus geretteten Materialien besteht und sich zu einem 18 Meter langen Möbelstück zusammenfügen lässt. „Das ist mega cool.“ Das Argument, dass partizipative Prozesse mehr Geld kosten und länger dauern, sehen Nick und Nele relativ, weil Aspekte wie Akzeptanz und Nutzungsdauer beziehungsweise -intensität nicht eingepreist würden.
Hands-on und Theorie
Aktivismus und Selbstausbeutung sind Themen, die Studio Formagora sehr beschäftige, die sie aber mittlerweile realistisch sehen. „Soziales und ökologisches Design bedeutet, dass man versucht, Care Work zu leisten, was unser Wirtschaftssystem nicht belohnt. Das heißt Pfade zu verlassen und eine Extrameile zu gehen, um gebrauchtes Material statt neuem zu nehmen“, so Nick Potter. „Das zehrt an unseren Kapazitäten und deswegen müssen wir das jedes Mal neu aushandeln – mit uns selbst und unseren Kund*innen.“ Obwohl viel Hands-on in der Ausrichtung des Studios steckt, ist auch der theoretische Unterbau beachtlich. Nick und Nele sprechen von Partizipationspyramiden, sind firm mit den soziologischen Wirkweisen ihrer Projekte und nennen Vorbilder wie Hartmut Rosa, Lucius Burckhardt, Jan Boelen oder Arno Brandlhuber und Raumlabor.



„Design ist immer politisch. Ich muss mich entscheiden, welche gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse ich mit meiner Gestaltung reproduzieren möchte.“
Nick Potter
Zwei eigene Projekte für die Weltdesignhauptstadt
Studio Formagora ist darüber hinaus auch mit zwei eigenen Projekten an der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 beteiligt, die sie beim Open Call eingereicht hatten: Die vier wollen die Ada-Kantine für einkommensschwache Menschen auf dem Kulturcampus in Frankfurt-Bockenheim mit allen Beteiligten umgestalten. Und das damit verbundene solidarische Hausprojekt „GündiWest“, das Obdachlosen eine Unterkunft bietet . Klar für die Macher*innen von Studio Formagora ist: Sie arbeiten nicht für jeden. Zum Beispiel würden sie nicht für Privatpersonen gestalten. Ihr Credo, formuliert von Nick Potter: „Design ist immer politisch. Ich muss mich entscheiden, welche gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse ich mit meiner Gestaltung reproduzieren möchte.“
Über den German Design Award – Newcomer
Große Talente brauchen ein Forum! Der Newcomer Award des German Design Council fördert junge Designerinnen und Designer, die durch außergewöhnliche Leistungen und kreatives Talent auf sich aufmerksam machen. Zu den ehemaligen Preisträger*innen gehören zahlreiche heute namhafte Designer*innen wie Eva Marguerre, Marcel Besau, Sebastian Herkner und Christian Zanzotti.


