
Designgeschichte im Bad
1. Selecta (1968)
Im Jahr 1968 war die Handbrause Selecta ein Produkt, auf das der Markt gewartet hatte. 30 Millionen Stück sollte das Unternehmen in den kommenden Jahrzehnten verkaufen. Selecta stand für ein neues Lebensgefühl: Das Bad war nicht mehr ausschließlich für die Körperreinigung reserviert – man durfte dort auch Spaß haben. Insofern war die Selecta eine typische Achtundsechzigerin. Optisch war sie zwar dem klassisch funktionalen Industriedesign in der Tradition von Werkbund und Bauhaus verpflichtet, das Plexiglas am Duschkopf war allerdings top-modern und brachte den Zeitgeist der späten 60er ins Bad. Mit einer Drehfunktion konnte man den Wasserstrahl hart oder weich einstellen. Selecta traf den Nerv einer ganzen Generation. Kaum ein neugebautes Einfamilienhaus in der Bundesrepublik entstand in den frühen 70er-Jahren , bei dem sich nicht eine Selecta-Handbrause im Bad befand.
2. TriBel (1974)
Was mit Selecta vorsichtig angefangen hatte, gelangte mit der TriBel zur vollen Entfaltung. TriBel – das hieß Wasserspaß im Bad für Groß und Klein. Die Handbrause, die in einem halben Dutzend poppiger Farben erhältlich war, ist eine Ikone des 70er-Designs. Der besondere Clou: Ihr kugelförmiger Kopf, der rundum drei unterschiedliche Wasseröffnungen hatte. Je nachdem, welche Öffnung nach unten gedreht war, wurde das Wasser als Massagestrahl, im Schwall oder als Schauer abgegeben. Gemeinsam mit den Technikern von Hansgrohe entworfen hat diesen kleinen Geniestreich das Büro Esslinger Design. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.


3. Allegroh (1981)
Gemeinsam mit Esslinger Design wagte Hansgrohe 1981 den nächsten großen Schritt in der Produktentwicklung: Mit Allegroh brachte das Unternehmen erstmals eine eigene Armaturenserie auf den Markt. Gestalterisch ist Allegroh bereits ein Kind der 80er-Jahre. Kühles Chrom statt bunter Farben, eine dynamisch-schräge Linienführung statt runder Formen. Doch einen raffinierten Dreh wie die TriBel bot auch Allegroh: Der Auslauf ließ sich um 360 Grad drehen. So konnte man den Wasserstrahl in alle Ecken des Waschbeckens lenken – oder auch problemlos aus dem Auslauf trinken. Noch mehr Schule machte allerdings ein anderes Detail der Allegroh: ihr Bügelgriff. Mit seiner Hilfe ließ sich die Armatur selbst mit dem kleinen Finger problemlos bedienen.
4. Uno (1985)
Die Gene der TriBel und der Allegroh gleichermaßen in sich trug die 1985 vorgestellte Duscharmatur und Handbrause Uno. Von Anfang sah der Entwurf von Frog Design, wie Esslinger Design seit 1982 heißt, die Gestaltung in bunten Farben vor. Leuchtendes Rot und knalliges Gelb traten neben zurückhaltendere Ausführungen in weiß und grau. Von der Allegroh erbte die Uno den praktischen Bügelgriff. Farbenfroh und kinderleicht einzustellen – Qualitäten, die für die Macher der Duscharmatur zählten. Denn Zielgruppen sollten neben jungen Familien auch Kindergärten und Schulen sein.



5. Duschtempel (1989)
Der 1989 von Hansgrohe vorgestellte Duschtempel war ein echter Gamechanger: Bei der neuartigen Kabine mit integriertem Duschsystem kam das Wasser nicht nur aus der Kopf- oder Handbrause. Wasserdüsen an den Wänden massierten und entspannten den Körper von oben bis unten. Der erste Duschtempel war, ganz zeitgemäß, eine postmoderne Miniarchitektur für das Badezimmer. Völlig freistehend bestand die Duschkabine aus vier Säulen, die die Seitendüsen aufnahmen. Dazwischen befanden sich gekurvte Glaswände. Eine Rohrkonstruktion bildete ein kleines offenes Dach, das die Kopfbrause trug.
6. Arco (1991)
Mit der Armaturenserie Arco schlug man bei Hansgrohe neue Wege ein. Für den Entwurf verantwortlich zeichnete ein junges Designbüro aus Stuttgart, Phoenix Design. Die Grundidee von Arco ist ebenso schlicht wie genial: Mischbatterie und Auslauf sind in einem Metallkörper untergebracht, der die Form eines bogenförmigen Rohres besitzt. In der Ausführung als Einhandmischer erfolgt die Bedienung der Armatur über einen Bügelgriff. Der Wasserauslass ist wie schon bei der Allegroh drehbar. Als innovative Lösung präsentierte Hansgrohe die Möglichkeit, eine Munddusche direkt an die Waschtischarmatur anzuschließen. Die Idee setzte sich nicht durch. Das Designkonzept der Arco dagegen wurde zum Klassiker, der bis heute zitiert und weiterentwickelt wird.


7. Joco (1993)
Hatte das Designbüro Phoenix bei Arco die Formen streng reduziert, so zeigten die Entwerfenden bei der Kinderhandbrause Joco ihre verspielte Seite. Speziell auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten, hat die vierfarbige Handbrause die Form eines Tierkopfes: eine gelbe Nase als Auslauf, ein roter Kopf mit eingesetzten Wackelaugen und grünem Hahnenkamm und ein blauer Hals als Griff. Aus der Nase kommt wahlweise ein fester oder sanfter Wasserstrahl. Das Design ist ein Dauerbrenner: Als „Jocolino“ findet sich der Entwurf bis heute mit geringen Veränderungen im Programm von Hansgrohe.

„Das Produkt ist speziell auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten. Eine tierähnliche Erscheinung mit einem Kamm auf dem Kopf zum Ertasten und faszinierende Wackelaugen machen die Kinderbrause lebendig und witzig. Die Kleinen sind heute noch begeistert.“
Tom Schönherr, Phoenix Design

8. AXOR Starck (1994)
Anfang der 90er-Jahre beschloss man bei Hansgrohe, eine neue Designmarke für das Luxussegment zu gründen. Für die erste AXOR-Armatur engagierte man niemand Geringeren als den Superstar des Designs, Philippe Starck. Die 1994 vorgestellte AXOR Starck war eine Sensation: Statt des bislang üblichen Hebels zur Bedienung der Mischbatterie hatte das Unternehmen eine völlig neuartige Joystick-Steuerung entwickelt. Der stehende Hebel regulierte sowohl die Wassermenge als auch die Temperatur. Gestaltet hat ihn der Designer als abstrakt-skulpturale Form, die an ein längliches Blatt erinnert. AXOR Starck ist bis heute eine feste Größe im Programm des Unternehmens und ist inzwischen auch in einer zweiten Variante mit stereometrisch geformtem Joystick erhältlich.
„Die Idee war, ein Design mit einem tiefen und strukturellen Respekt für das Wasser zu entwickeln. Es ist unser Leben. (…) Und so dachte ich an einen Bauernhof. Die Beziehung zum Wasser ist auf einem alten Bauernhof sehr einfach gestrickt. Das Wasser kommt aus einer Quelle. Es gibt ein Rohr. Man hat einen Eimer. Man hat eine Pumpe. Und das Wasser fließt in den Eimer. Die Idee war, etwas so einfach wie das zu gestalten.“
Philippe Starck
9. Raindance (2003)
Mit Raindance läuteten Hansgrohe und Phoenix Design im Jahr 2003 einen neuen Designtrend ein: Die Hand- und Kopfbrausen der Serie besaßen runde, flache Duschköpfe mit ungewohnt großem Durchmesser. Die Handbrausen hatten deutlich kürzere Griffe als bislang üblich. Das sollte zu einer ergonomischen Handhabung beitragen. Aber die Gestaltung war nicht das einzig Innovative an Raindance. Die Brausen erzeugten einen breiten, extrem weichen Wasserstrahl. Hier stand endgültig nicht mehr die Reinigung, sondern das Erlebnis im Mittelpunkt der Produktentwicklung. Raindance war ein enormer Erfolg und Vorbild für viele ähnliche Produkte, die bis heute den Markt prägen.

„Die Raindance-Handbrausen haben zum ersten Mal ein echtes Wellnessgefühl vermittelt. Bis dahin sahen Handbrausen ganz anders aus: kleine Strahlscheibe, dicker Kopf, viele unnötige Strahlarten. Mit der Raindance wollten wir den sinnlichen Umgang mit Wasser in den Vordergrund stellen (…). Das war im Design ein großer Schritt.“
Tom Schönherr, Phoenix Design
10. AXOR Starck V (2014)
20 Jahre nach AXOR Starck gelang es Philippe Starck, seinen Geniestreich zu wiederholen. Noch einmal stelle er hergebrachte Vorstellungen auf den Kopf: in Form einer gläsernen Armatur mit offenem Auslauf. Das Wasser wird bei AXOR Starck V im Glaskörper in eine Rotation versetzt und fließt dann wie aus einer geöffneten Hand in das Becken. So war Wasser im Bad zuvor noch nie inszeniert worden. Alle technischen Aspekte treten in den Hintergrund und lassen die Armatur zu einer kleinen Brunnenskulptur werden. Hier folgt die Form nicht der Funktion, sondern die technische Exzellenz verwandelt Wasserabgabe in ein luxuriöses Schauspiel.

„Zum ersten Mal überhaupt wird Wasser zur lebenden Realität. Wie? Für mich geht es nicht darum, wie Dinge aussehen, sondern um die Gefühle, die sie auslösen. Auf diese Weise ist AXOR Starck V die Essenz des Minimalismus. Die Armatur ist praktisch unsichtbar, visualisiert aber das Wunder der Natur.“
Philippe Starck


