
Die Hand als Kapital
September auf der Insel San Giorgio Maggiore: Die britische Künstlerin und Bühnenbildnerin Es Devlin hat die Räume und Gärten des ehemaligen Benediktinerklosters, heute Sitz der Fondazione Giorgio Cini, in einen sinnlichen Parcours aus Licht, Reflexion, Bewegung und Klang verwandelt. Unter dem Titel „An Island of Light“ lenkt sie in immersiven Szenerien und Live-Ateliers den Blick über die kunstfertigen Objekte hinaus – auf die Hände, Menschen und Prozesse dahinter.

„Heute, da Technologien Bilder erzeugen, Stimmen imitieren und Formen mit erstaunlicher Effizienz reproduzieren können, entdecken viele von uns ihre Sehnsucht nach Authentizität und tiefen menschlichen Werten wieder. Wir suchen weiterhin nach Spuren menschlicher Handarbeit – nach Zeichen von Individualität, Unvollkommenheit, Kunstfertigkeit und Absicht“, so Hanneli Rupert, Executive Vice-Chair der Michelangelo Foundation bei der Eröffnung der Schau der Superlative mit über 700 Objekten und 500 Kunsthandwerker*innen aus mehr als 70 Ländern.
Die Hand macht den Unterschied
Die Fertigkeiten der Akteur*innen und die Mannigfaltigkeit der Materialien ist beeindruckend, der Austausch auf der Biennale fühlbar und plastisch: Die belgische Glasmalerin Virginie Vandeputte übersetzt jahrhundertealte Techniken in zeitgenössische figurative Arbeiten, Borja Cáceres zeigt eine Skulptur aus geborgenem Hochgebirgs-Kiefernholz, dessen Struktur er durch langsame Handarbeit freigelegt hat. Und da ist da noch „Before the Storm“ – ein Beistelltisch aus Strohmarketerie, Aluminium und mundgeblasenem Glas, ein gemeinsames Werk des Londoner Möbeltischlers Kim Jordan und Nachwuchsgestalterin Sandra Pinto, entstanden während ihrer Homo Faber Fellowship.



Ein fördernder Gründungspartner der über zwanzig Partnerschaften ist die Schweizer Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre. Die institutionelle Nähe zur Luxusbranche ist kein Zufall: Gegründet wurde die Michelangelo Foundation von Johann Rupert, Chairman von Richemont, und dem früheren Richemont-Manager Franco Cologni. Unter Executive Director Alberto Cavalli kuratiert die Genfer Stiftung Homo Faber und vernetzt Kunsthandwerk international mit Kultur, Design und Unternehmen.
Auch Nicolas de la Barre d’Erquelinnes konnte sein Können mehrere Monate bei dem französischen Meisterhandwerker Antonin Martineau vertiefen. Während der Biennale leitet der belgische Holzbildhauer einen von Mazda präsentierten Hanko-Workshop, in dem Besucher*innen einen Siegelstempel mit Kanji-Zeichen schnitzen. Mazda engagiert sich zudem als Landessponsor für Japan und fördert die Papier- und Objektkünstlerin Kuniko Maeda, die ihre Arbeit während der Biennale in mehrtägigen Live-Demonstrationen zeigt.
Längst investieren Luxuskonzerne, die von der Verfügbarkeit hochqualifizierter Kunsthandwerker abhängen, in eigene Ateliers und Ausbildung.
Handwerk als strategisches Unterscheidungsmerkmal
Warum stellt ein industrieller Automobilhersteller bei Homo Faber japanische Handwerkskunst so stark ins Zentrum – noch dazu in einem Umfeld, das klassische Markenpräsenz bewusst zurücknimmt? Für Katarina Loksa, Head of Brand bei Mazda Motor Europe, ist gerade diese Zurückhaltung der Punkt: „Mit großformatigen Logos würden wir das untergraben, was diese Werke eigentlich ausmachen: Die stille, konzentrierte Arbeit der Künstlerinnen und Künstler. Es würde auch die Ehrlichkeit unseres Engagements untergraben. Der Wert einer solchen Partnerschaft liegt gerade in ihrer Glaubwürdigkeit“. Die handwerkliche Verankerung sei durchaus ein strategisches Unterscheidungsmerkmal – nicht als Marketinginstrument, sondern weil sie dem Selbstverständnis von Mazda entspreche: Einer Designphilosophie, die auf dem Können der Takumi, ihrem Materialgefühl und ihrer Präzision beruht.
Wie stark die Hinwendung zum Analogen inzwischen den Luxusmarkt prägt, offenbart ein Blick in den digitalen Auftritt von Hermès: Der Instagram-Account featured junge Illustrator*innen, Handgemaltes animiert die Homepage. Darin reflektiert sich auch die Veränderung der Wertelogik in der Branche: McKinsey diagnostiziert einen beträchtlichen Vertrauensverlust nach Jahren deutlicher Preiserhöhungen, denen Qualität und Kreativität nicht im selben Maß folgten. Verknappung allein reicht nicht mehr. Craftsmanship soll den Wert wieder stärker im Produkt verankern: Durch sichtbare Qualität, schwer reproduzierbares Können, Individualität und transparente Fertigung. Gerade was die Handarbeit begrenzt – Zeitaufwand, geringe Stückzahlen und die Abhängigkeit von Spezialist*innen – erzeugt im Premium- und Luxussegment den Mehrwert.
Wenn Können knapp wird
Hinter der Rhetorik von Heritage und Einzigartigkeit steht für viele Luxusunternehmen ein sehr konkretes Produktionsproblem: Ohne Menschen, die seltene Techniken beherrschen, lassen sich viele ihrer Produkte schlicht nicht herstellen. Schon längst investieren die großen Konzerne die von der Verfügbarkeit hochqualifizierter Kunsthandwerker abhängen, in eigene Ateliers und Ausbildung. Einen Beispiel ist das Institut des Métiers d’Excellence von LVMH. Chanel hat seit den 1980er-Jahren spezialisierte Ateliers integriert und bündelt heute im Pariser le19M elf Maisons d’art mit rund 700 Spezialist*innen; Hermès betreibt neben der eigenen École Hermès des savoir-faire starke vertikale Integration mit Ledermanufakturen.
Ein wichtiger Aspekt ist auch die Weitergabe von Reparaturwissen. Faktoren wie (generationsübergreifende) Lebensdauer und Sammlerwert sorgen für Kundenbindung und schärfen merklich das Nachhaltigkeitsprofil und die Corporate Social Responsibility eines Unternehmens.
„Das wachsende Interesse an Handwerk verändert tatsächlich die Wahrnehmung von Luxus.“
Christian Selmoni, Legacy and Style Director von Vacheron Constantin


Einzigartigkeit durch Entschleunigung
Die Verschiebung hin zu einer kulturell bewussteren, wertebasierten Strategie auf Unternehmerseite spiegelt den wachsenden gesellschaftlichen Wunsch nach ästhetischer Individualität und Originalität wider. „Das wachsende Interesse an Handwerk verändert tatsächlich die Wahrnehmung von Luxus. Kundinnen und Kunden schätzen zunehmend nicht nur das fertige Objekt, sondern auch die Zeit, Seltenheit, das spezialisierte Wissen und die menschliche Kunstfertigkeit, die darin zum Ausdruck kommen“, bestätigt Christian Selmoni, Legacy and Style Director von Vacheron Constantin. In Venedig präsentiert die Manufaktur sechs Konzeptuhren aus ihrem „One of Not Many Crafts Programme“. Das Programm versteht Vacheron Constantin als Inkubator, der neue Ansätze und Handwerkstechniken in die Uhrmacherkunst einführen soll.
Als Gesamtkunstwerke verstehen sich auch die Zeitmesser von A. Lange & Söhne. Die Manufaktur aus Glashütte, ebenso Unternehmenspartner von Homo Faber, produziert nur wenige tausend Uhren pro Jahr. Der besondere Wert der Handarbeit liegt für CEO Wilhelm Schmid gerade darin, dass sie sich nicht vollständig standardisieren lässt: „Nicht einmal unsere besten Uhrmacher und Finisseure sind in der Lage, eine Sache zweimal auf exakt dieselbe Weise zu bearbeiten.“ Was zunächst wie ein Nachteil gegenüber maschineller Präzision erscheint, wird so zum Unterscheidungsmerkmal – wie der handgravierte Unruhkloben: „Dafür erreichen wir aber eine Einzigartigkeit, die mit einer Maschine nicht möglich wäre. Wahre Schönheit entsteht oft erst durch kleine Unvollkommenheiten“.
Unternehmen profitieren erheblich von der Zusammenarbeit mit Kunsthandwerkerinnen und Spezialistinnen.
Wem gehört das Können?
Authentizität und Differenzierung, Preislegitimation und Innovationsschub: Unternehmen profitieren erheblich von der Zusammenarbeit mit Kunsthandwerker*innen und Spezialist*innen. Im Gegenzug bekommen diese Sichtbarkeit, Reputation, wirtschaftliche Stabilität wie auch Ressourcen und Infrastruktur. Aber es eröffnet auch Fragen nach Autorschaft, Aneignung und Entscheidungshoheit. Homo Faber kann hier eine wichtige Rolle spielen.
Die Zusammenarbeit mit Mazda habe ihre Arbeitsweise nicht verändert, wohl aber den Blick auf das Verhältnis des Autobauers zu Technologie, sagt Kuniko Maeda. „Mazdas Designansatz hat mir gezeigt, wie Technologie das Handwerk unterstützen und seine Möglichkeiten erweitern kann, ohne das menschliche Element zu ersetzen“. Mit dieser Erfahrung öffnet die japanische Künstlerin den Blick auf eine Entwicklung, die Deloitte als zentrale Transformationskraft der kommenden Jahre beschreibt: Die Verschmelzung von Technologie und traditionellem Handwerk.

Homo Faber Biennale 2026
„An Island of Light“
Fondazione Giorgio Cini, Insel San Giorgio Maggiore, Venedig
Bis 30. September 2026
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