
„Berlins Potenzial ist seine Design-Dichte“

Jasmin Jouhar kennt die Design-Szene wie kaum jemand sonst. Als freie Journalistin schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Schöner Wohnen und Design Perspectives – sie porträtiert Designer*innen, analysiert Messen und moderiert Branchenevents. Jetzt hat sie die Seite gewechselt: Gemeinsam mit der Kulturjounalistin Laura Ewert hat sie Currents. Design in Berlin ins Leben gerufen – ein neues, dezentrales Design-Event, das vom 10. bis 12. September 2026 erstmals in der Hauptstadt stattfindet.
Jasmin, du stellst normalerweise die Fragen. Heute sitzt du auf der anderen Seite. Wie seid ihr auf den Namen „Currents” gekommen?
Jasmin Jouhar: Viele Design-Events bezeichnen mit ihrem Namen das Format – die „3daysofdesign” in Kopenhagen, die „Vienna Design Week” in Wien. Da weiß man ungefähr, was man bekommt. Das passte für Berlin so nicht. Also haben wir frei assoziiert. Berlin ist geologisch ein Urstromtal. Wer schon länger hier lebt, weiß, dass es in vielen Kellern sehr nass sein kann und dass das Grundwasser schnell in der Baugrube steht. Es gibt auch ein schönes Buch von Kirsty Bell, „The Undercurrents”, das sich mit der Berliner Geschichte aus der Perspektive der Unterströmungen beschäftigt. Das hatten Laura und ich zufälligerweise beide unabhängig voneinander gelesen. Und dann ist „Current" natürlich auch ein anderes Wort für Trend und gleichzeitig für die Bewegung, die man in dieser Stadt empfindet, die stetige Veränderung: Immer wieder kommen neue Leute, neue Brands werden gegründet.
Berlin trägt seit 2006 den Titel „UNESCO City of Design”, als erste europäische Stadt überhaupt. Es hat schon mehrere Anläufe gegeben, hier ein Design-Event zu etablieren: DesignMai, DMY International Design Festival, Berlin Design Week. Warum habt ihr euch dennoch entschieden, selbst eines auf die Beine zu stellen?
Das hat viel mit unserer Rolle als Journalistinnen zu tun. Wir gucken in ganz verschiedene Szenen rein, lernen Leute kennen, die sich vielleicht gegenseitig gar nicht kennen. Der Wunsch zu netzwerken, die Szenen miteinander zu verbinden, wurde oft an uns herangetragen. Wir hatten das Gefühl: Es passiert wahnsinnig viel in Berlin, aber es wird nicht richtig gesehen, nicht miteinander vernetzt. Irgendwann haben wir gesagt: Wir machen das jetzt, weil es sonst keiner macht.
„Wir hatten das Gefühl: Es passiert wahnsinnig viel in Berlin, aber es wird nicht richtig gesehen, nicht miteinander vernetzt. Irgendwann haben wir gesagt: Wir machen das jetzt, weil es sonst keiner macht.”
Jasmin Jouhar
Ihr schreibt auf eurer Website, Berlin stehe als kreativer Standort unter Druck. Was meint ihr damit?
Der Druck kommt von verschiedenen Seiten. Die Designausbildung steht wegen der Kürzungen im Wissenschaftsetat massiv unter Druck, ganze Professuren fallen weg. Das werden wir auch in unserem Talk-Programm thematisieren. Dazu das Thema Räume: Berlin war immer attraktiv, weil sie leichter zugänglich waren. Auch das stimmt so nicht mehr. Und allgemein ist alles teurer geworden: Mieten, Lebenshaltungskosten … Das, was früher für Berlin gesprochen hat, gleicht sich an.
Trotzdem hat Berlin noch etwas, was andere deutsche Städte nicht haben?
Ja. Und zwar die wahrscheinlich größte Dichte an Akteur*innen im Designbereich: Studios, Einzelpersonen, Hochschulen. Viele junge Brands haben sich hier angesiedelt, zum Beispiel Objekte unserer Tage, Lyk Carpet und Moonarij. Und mittlerweile öffnen auch internationale Brands ihre Showrooms: Tylko, Bolon – beide sind auch bei Currents dabei. Es gibt einfach eine größere Zahl von Menschen und Orten als anderswo in Deutschland.
Euer Fokus liegt mit Interior und Produktdesign nah an Kopenhagen. War das eine bewusste Entscheidung, den Designbegriff so eng zu fassen?
Ja. Anfangs haben wir überlegt, Architektur zu integrieren, uns dann aber bewusst dagegen entschieden. Das wäre eine ganz andere Disziplin mit anderen Akteuren und Institutionen, das würde zu groß. Wobei wir Architekt*innen nicht grundsätzlich ausschließen: Gonzalez Haase oder Bruzkus Greenberg sind dabei. Grafikdesign ist noch mal eine eigene Szene. Auch das Digital Design hat seine eigenen Plattformen. Unser Format ist stark an Orte und Objekte gebunden.
Eine Auswahl bislang bestätigter Designer*innen, Brands, Galerien und Studios:
Nach welchen Kriterien habt ihr die Teilnehmer*innen ausgewählt?
Wir verstehen uns nicht als Kuratorinnen, sondern als Ermöglicherinnen und Netzwerkerinnen. Wir haben keinen Open Call gemacht, kein thematisches Raster angelegt. Wir haben unsere Kontakte aktiviert, und dann sind auch Leute auf uns zugekommen.
Currents findet zeitlich parallel zur Berlin Art Week statt. Habt ihr diese Überschneidung bewusst gewählt?
Die Berliner*innen sind im September zur Art Week unglaublich neugierig und unternehmungslustig. Wenn sie dann noch bei zwei, drei Sachen von uns vorbeikommen, ist das gut. Außerdem bringen mehrere Currents-Projekte Design und Kunst zusammen: Gisbert Pöppler zum Beispiel zeigt seine Möbel in der Galerie Nothelfer, wo sie auf Werke von Künstler*innen des abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit treffen. Fabian Freytag macht in der Pan Am Lounge eine Installation mit einer Kuratorin, die mit den Freunden der Neuen Nationalgalerie zusammenarbeitet …

Du hast jetzt schon einige angeteasert. Was sind andere Highlights in eurem Programm?
Die Hochschulprojekte freuen mich sehr: Studierende der UdK stellen gemeinsam mit der HfG Karlsruhe und der HfbK Saar aus, Mono macht ein Projekt mit der UdK, das Weißensee Green Lab zeigt zirkuläre Ansätze am ehemaligen Flughafen Tegel, ein Textilprojekt namens „Soft Commons” ist in Dahlem zu sehen. Das Einzige, was wir selbst organisieren, ist die „Currents Bar”, die jeden Abend ab 19 Uhr im Eternithaus im Hansaviertel ihre Türen öffnet, einem Denkmal von 1957. Berlin ist so groß, da verläuft sich alles, wenn es keinen gemeinsamen Treffpunkt gibt. In dem leicht eingesenkten Ausstellungsraum mit den Glasbausteinfenstern findet täglich auch die „Currents Agenda” statt, unser Talkprogramm mit The Thing Magazine, Justus Hilfenhaus und weiteren Partner*innen.
Wie finanziert sich Currents?
Wir orientieren uns an der Struktur der 3daysofdesign: Alle Aktivitäten werden von den Teilnehmer*innen getragen. Inzwischen haben wir auch etwas Sponsoring eingeworben. Aber die Teilnahmegebühren gehen direkt an unsere Dienstleister: Grafik, Fotografie, Programmierung. Das kostet alles eine Menge Geld, und wir wollen vernünftig bezahlen.
Du analysierst als Journalistin seit vielen Jahren Messen und Design-Events, auch deren Schwächen. Jetzt organisierst du selbst eines. Wie fühlt es sich an, jetzt auf dem Prüfstand zu stehen?
Ich analysiere natürlich trotzdem die ganze Zeit (lacht). Es wird aber auch Kritik an uns herangetragen: Warum gibt es keine Fläche für kleines Geld? Warum erhebt ihr überhaupt eine Teilnahmegebühr? Wobei diese für Institutionen, Initiativen und einzelne Studios vergleichsweise niedrig ist. Die Leute hier denken mit. Das ist gar nicht so unähnlich zu dem, was ich sonst tue. Außer dass ich jetzt selbst kritisiert werde. Aber die Fragen sind eigentlich dieselben, die ich mir bei anderen Events stelle.
Denkt ihr Currents schon als wiederkehrendes Format?
Auf jeden Fall. Dass das, was wir jetzt tun, nicht ab dem 12. September verpufft, ist uns wichtig. Wir machen das für die Stadt, für die Szene, für die Community. Da kann es nicht darum gehen, einmal eine Rakete abzufeuern und dann ist Schluss. Wir sind sehr entschieden, das zu einer dauerhaften Veranstaltung zu machen.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Medienpartnerschaft von Design Perspectives und Currents.









