Das Magazin des German Design Council
Christian Dell, Entwurfszeichnung „Typ DK 136“, Bleistift auf Transparentpapier, gestempelt und signiert, 1934. BHA. Als Modell Nr. 6554 erscheint die Tischleuchte 1936/37 bei Gebr. Kaiser & Co., BHA
Christian Dell

Christian Dell: Phantom der Designgeschichte

AusstellungDesigngeschichte
Selbstzeugnisse von Christian Dell gibt es kaum. Der versierte Kunsthandwerker arbeitete etwa ein Jahrzehnt an der Schwelle zum Industriedesign. Mit der NS-Machtübernahme endete seine Karriere. Ein Sammelband und eine Ausstellung am Wiesbadener Marktplatz wollen den Silberschmied und Designpionier greifbarer machen.

Für die Geschichte des Industriedesigns im 20. Jahrhundert bleibe Christian Dell (1893–1974) noch zu entdecken, schrieb 1992 Klaus Weber vom Bauhaus-Archiv als Resümee einer ersten biographischen Studie. Auch Jahrzehnte später trifft das zu. Mit einem 280 Seiten starken, großformatigen und reich illustrierten Buch wird nun ein neuer Anlauf gestartet, Christian Dell und sein Werk bekannter zu machen. Der vorliegende Band richtet sich an alle, die sich für Kunsthandwerk oder die frühe Designgeschichte interessieren – eigentlich unvereinbare Welten, die  Dell aber beide verkörperte. Die Werkbiografie des Gestalters, der am Übergang zwischen Handwerk und Design arbeitete, wird in 21 Beiträgen von 13 Autorinnen und Autoren vorgestellt. Das ist viel Lesestoff, der oftmals in sehr spezifische Fachwelten entführt. Insidern ist Dell bekannt durch seine handwerklich gestalteten Objekte aus Silber und Neusilber. Seine späteren Entwürfe, meist nach 1926 in Frankfurt am Main  entstanden, sind Geschirre aus farbigem Kunststoff und sowie Schreibtisch- und Arbeitsleuchten aus Metall.

Ein Werkmeister am Bauhaus

Nur wenige Jahre, von 1922 bis 1925 war Dell am Bauhaus in Weimar als Technischer Meister oder „Werkmeister“ in der Metallwerkstatt tätig. Besonders fruchtbar war die Zeit, in der er an der Seite von Laszlo Moholy-Nagy wirkte, der als „Formmeister“ die Richtung vorgab. Gemeinsam bildeten sie eine Reihe von Gestaltenden aus, die noch heute bekannt sind, darunter Marianne Brandt, Wilhelm Wagenfeld und Gyula Pap. Dell habe die Werkstatt „aus kleinen Anfängen zur Blüte gebracht“, schrieb Walter Gropius in sein Zeugnis. Dell zu motivieren, mit nach Dessau zu kommen, gelang ihm aber nicht. Auch als Gropius Dell Mitte der 1930er-Jahre vorschlug, ihm ins Ausland zu folgen, hatte er keinen Erfolg. 

Leuchten mit seinem Namen

Zunächst ging Dell nach Frankfurt, wo er die Metallwerkstatt der Kunstschule leitete, ebenso wie das Bauhaus eine Reformschule, die Kunstgewerbe und Kunst vereinen wollte, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen. Nun brachte Dell seinen Namen mit neuen Produktlinien in Verbindung, die er entwarf. Ab 1927 waren es seine Leuchten Rondella und Rondella Polo, in deren Bezeichnung er sich verewigte, später die Grundentwürfe des Leuchten-Baukastens Kaiser Idell, der ab 1935 in Gestalt vieler jeweils auf einen Zweck optimierter Einzelprodukte auf den Markt kam. Wirtschaftlich unabhängig und über Fachkreise hinaus bekannt gemacht, hat ihn beides nicht. Hinzu kommt, dass Christian Dell kein Mann des Wortes war. Von ihm überliefert sind hauptsächlich Aussagen in Akten. Nur ein einziger monografischer Beitrag ist zu Lebzeiten Christian Dells erschienen, bereits 1926 in der Zeitschrift „Die Schaulade“. Autor Wilhelm Necker würdigt darin Dells Fähigkeit, seinen Arbeiten jene „leichte, schöne Form“ zu geben, die „überall gefällt, wo überhaupt Sinn für schöne Arbeit vorhanden ist.“ Dell lernte sein Handwerk noch vor dem Ersten Weltkrieg, zunächst in Hanau in einer Antiksilberwarenfabrik sowie in privaten Stunden an der Zeichenakademie. Seine Lehrer waren unter anderen August Bock und Hugo Leven. In Dresden arbeitete Dell als Geselle. Für ein paar Monate war er 1913 in Weimar bei Henry van de Velde, der die dortige Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule nicht nur entwarf, sondern bis 1914 als Direktor auch leitete. Nach Militär- und Kriegsdienst zog es Dell nach München, seine Mitarbeit bei Emil Lettré 1920 blieb Episode – wohl auch wegen der politischen Instabilität der Hauptstadt. Über Hanau gelangte er zurück nach Weimar. 

Frankfurt: die produktivste Zeit

Die Kunstschule Frankfurt verfolgte unter der Leitung von Fritz Wichert ähnliche Reformziele wie das Bauhaus, wenn auch mit geringerer Ausstrahlung. Nun leitete Dell die Metallwerkstatt allein, für ihn begann eine extrem produktive und stabile Zeit. Der Entwurf einer vergleichsweise konventionellen Schreibtischleuchte für den Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann markiert Dells Einstieg ins Leuchtendesign. Ab 1928 produzierten regionale Hersteller seine Rondella-Modelle, die in der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ beworben sowie in deren Beilage „Frankfurter Register“ als exemplarisch vorgestellt wurden. Es folgten die Programme Rondella Polo und Polo Populär, letztere bereits beim überregional bekannten Frankfurter Hersteller Bünte & Remmler. All diese Leuchten haben eine delikate Eleganz, was mit der feinen Ausarbeitung ihrer Details zu tun hat. Charakteristisch ist der asymmetrische angeschnittene Reflektor, den Dell einführte und der sofort von vielen Produzenten für eigene Lösungen – bis hin zum Plagiat – adaptiert wurde. Zugleich sind sie beweglich wie kaum eine Zweck- oder Arbeitsleuchte zuvor, abgesehen von Curt Fischers Midgard-Modellen. Doch sind diese Verbindungen auch empfindlich, weshalb vergleichsweise wenige Exemplare außerhalb von Museen und privaten Sammlungen erhalten sind.   

Ganz anders bei der sehr viel robusteren Serie Kaiser-Idell, die Dell ab 1934, nach Ende seiner Tätigkeit als Kunstgewerbelehrer zeichnete. Wohl 1929 entwarf Dell eine Leuchte aus „Isolierstoff“ für den Hersteller Kontakt aus Frankfurt-Rödelheim, der bald mit der Firma Stotz aus Mannheim fusionierte und für das Gehäuse den Kunststoff der Firma Römmler aus dem brandenburgischen Spremberg nutzte. Stotz-Kontakt hielt ab 1930 das Patent für die „Sigma“-Leuchte, ohne dass Dells Name hier erschien. Wieder bedarf es mehrerer Vermutungen, um diese Leuchte Dell verlässlich zuzuschreiben.  

Metallwerkstatt Bauhaus Weimar mit Schüler-Arbeiten, Sommer 1923 aus den „Bauhaus-Alben 2“AdM Weimar
Gruppenbild in der Metallwerkstatt (v.l.n.r.): vorn Josef Knau, Wilhelm Wagenfeld, Otto Rittweger, hinten: Max Krajewski, Marianne Brandt, Christian Dell, Laszlo Moholy-Nagy, 1924/25BHA

Das Ende der Reformzeit

Mit der NS-Machtübernahme 1933 endete Dells innovativste und erfolgreichste Arbeitsphase abrupt. Die Reformschule wurde zerlegt, seine kleine Metallwerkstatt, die zuletzt nur noch einen Schüler hatte, war nicht mehr erwünscht. Details, die hier zu Tage kommen, beruhen auf Magistratsakten, auf Entnazifizierungs- und Entschädigungsverfahren, die frühere kunstgeschichtliche Darstellungen nicht umfassten.   

Asthma und Tuberkulose plagten Dell über Jahrzehnte. Er führte dies auf seinen Arbeitsort in Frankfurt zurück, einen feuchten Kellerraum, in dem die Metallwerkstatt der Frankfurt Kunstschule untergebracht war. Dell erreichte einen Vergleich, doch seine Lehr- und Entwurfstätigkeit endete. 

Kaiser Idell überdauert die Zeiten

Einmal durfte er noch etwas grundsätzlich Neues schaffen. Er zeichnete 1934 für die Firma Gebrüder Kaiser in Neheim-Hüsten ein Baukastensystem von Arbeitsleuchten. Eine Klemme am Metallschirm nimmt dabei ein Kugelgelenk auf, deutlich haltbarer als bei den feinen Rondella-Modellen zuvor. Unter der Bezeichnung „Kaiser Idell“ kommt die Serie auf den Markt. Mit Modifikationen wird sie jahrzehntelang gefertigt. Einige Modelle sind heute bei Fritz Hansen im Angebot. Bereits in der NS-Zeit reüssierte das Programm. Nach dem Krieg sorgte es ästhetisch für jene Kontinuität, die typisch für die junge Bundesrepublik war. Hat Dell gestalterische Änderungen vorgenommen? Wurde er dafür bezahlt? Auch Experte Johannes Bergmann sieht eine mögliche Teilhabe Dells nur unter Vorbehalt.  

Der Berliner Kunsthistoriker Frank Werner, der zum Team des Grassi-Museums Leipzig gehörte, das mit der Ausstellung „Formen der Anpassung“ über Kunst und Design im NS den Art-Kuratorenpreis erhielt, stellt Christan Dell als Leiter der Frankfurter Metallklasse vor, aber auch seinen Weg im Nationalsozialismus.   

Christian Dell, Kaffeeservice aus Silber mit Elfenbein-Griffen, Kunststoff-Teetasse mit Ebenholz-Griff, Silbermontierung und Glasteller, 1930/31Foto: Voigt, Frankfurt, BHA
Christian Dell, Ladengeschäft „Gerätekunst – Schmuck“, Wiesbaden, Goldgasse 12 mit handwerklichen Silberobjekten Dells im Schaufenster, 1948–1954Foto: Privatsammlung
Christian Dell, Walter Reuel (Mitwirkung?), Keramik-Service „Form Dell“, 1929/30Museum der Kunst- und Kulturgeschichte der Philipps-Universität, Marburg, Privatsammlung
Christian Dell, Teekann mit drei Beinen, Neusilber, versilbert und Ebenholz, 1924Galerie „Blaue Brücke“, Dresden, © Foto: Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, Esther Hoyer
Christian Dell, Stapelservice Wunderkanne aus Harnstoffharz „Resopal“, Hersteller H. Römmler AG für Plastica GmbH, um 1931. BHA© Bauhaus-Archiv Berlin

Neuanfang mit Gegenwind

Familie Dell versuchte nun, mit einem Pensionsneubau in Bad Wiessee, später in Hahnenklee bei Goslar Fuß zu fassen. Beide Projekte scheiterten an örtlichen Parteigrößen. So stellt es Dell in den Akten dar. Christian Dell sah sich als NS-Gegner, war seit 1933 Parteimitglied, wurde bei der Entnazifizierung als Mitläufer eingestuft. Er versucht, wegen seiner Entlassung im Jahr 1933 eine Entschädigung zu erhalten, was jedoch misslingt.   

Ab 1948 betrieb er mit seinem Sohn Sandro (1927–2003) für ein paar Jahre ein Silberschmiede- und Juweliergeschäft in Wiesbaden. Vera Klewitz erzählt diese Zeit im Schlusskapitel nach. In der Auslage, so zeigt es der Katalog, waren noch einmal seine frühen Silbergeräte, Kannen und Krüge ausgebreitet, im Schaufenster nebenan leuchteten seine „Kaiser Idell“-Scherenleuchten. „Come and see my display“ stand nun auf Dells Visitenkarte. Amerikanischen Soldaten verkaufte er Kuckucksuhren, deren Fertigung er organisierte. Im Telefonbuch war er als „Meister der Edelschmiedekunst“ eingetragen, Goldgasse 12 lautete die Adresse. 1974 starb Christian Dell in Wiesbaden. Bis in die 1990er-Jahre war er weitgehend vergessen.  

Das Buch „Christian Dell“ wurde von Silke Nalbach angenehm unprätentiös gestaltet, es bietet viele hilfreiche Querverweise von Bild zu Text und umgekehrt. Kurzbiographien von Personen, Firmen und Institutionen haben ebenso Platz wie ein Personen- und Firmenindex – keine Selbstverständlichkeit unter heutigen Bedingungen der Buchproduktion. Die Struktur könnte klarer, die Texte straffer sein, manche neuen Datierungen erstaunen, manche Fehler im Text und den Bildlegenden hätten sich im Lektorat vermeiden lassen.  

Nach Anfängen im Kaiserreich etablierte sich Dell als Moderner in der Weimarer Republik. Krank und gebrochen verbrachte er seine letzten Jahrzehnte. Sein Werk, das früh zur Meisterschaft gelangte, lässt sich auf vielen Ebenen neu entdecken. 

Ausstellung

Christian Dell: Von der Silberkanne zur Goldgasse

17. Juni – 15. November 2026

sam – Stadtmuseum am Markt
Wiesbaden, Deutschland

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Monografie

Christian Dell

Herausgeber: Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden / Sabine Philipp 
Verlag: Arnoldsche Art Publishers
ISBN: 978-3-89790-758-4
280 Seiten, Hardcover
48€

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