
Gent, wie es sein will: Das neue Designmuseum
Das Selbstbild der Stadt Gent und ihrer Bewohner*innen setzt sich aus ganz unterschiedlichen Facetten zusammen: Da ist die historische Kaufmannsstadt, die der Tuchhandel zu einer der reichsten Städte des Mittelalters machte und in der sich gleich mehrere UNESCO-Weltkulturerbestätten befinden. Gent ist aber auch die mit derzeit rund 65.000 Studierenden größte Hochschulstadt Belgiens und sieht sich selbst gern als eine Art flämisches Silicon Valley. Und schließlich ist die Stadt auch eine alte Hochburg der Linken und Sozialisten, die stolz die Errungenschaften der heimischen Arbeiterbewegung vorzeigt – die Volkshäuser „Ons Huis“ und „De Vooruit“ etwa oder das prachtvolle Art Déco-Gebäude der sozialistischen Tageszeitung „Dagblad Vooruit“.

„Neuanfang für die Stadt”
Alle diese Facetten Gents haben ihren Niederschlag in dem wahrscheinlich bedeutendsten Neubau gefunden, der im historischen Zentrum der Genter Altstadt in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist: dem des Designmuseums in direkter Nachbarschaft des Gravensteen, der Burg der Grafen von Flandern. Entworfen haben das Gebäude die Londoner Architekt*innen von Carmody Groarke sowie die Genter Büros ATAMA und RE-ST. Nichts weniger als „ein Neuanfang für die Stadt“ sei es, sagt Astrid De Bruycker, die für Kultur zuständige Genter Stadträtin. Das Gebäude verkörpere das, „was die Stadt sein will“.
Große Erwartungen an ein Bauprojekt mittlerer Größe – die Erweiterung eines vormaligen Kunstgewerbemuseums, das 1903 als Mustersammlung für Handwerk und Industrie ins Leben gerufen wurde. Nun, nach der Wiedereröffnung, zeigt das Designmuseum rund 500 Objekte, hauptsächlich aus dem 20. Jahrhundert, sortiert in fünf Themenbereiche, sowie zwei Wechselausstellungen. Den Auftakt machen eine Ausstellung zum Thema „Design und Demokratie“ und die frei zugängliche Präsentation „Connect“. Für letztere haben die acht wichtigsten Designinstitutionen Belgiens Designer*innen benannt, die dann Objekte für die Schau angefertigt haben. Die Wiedereröffnung des Museums begeht Gent mit einem großen Designfest, das sich über die gesamte Stadt erstreckt und an dem sich eine Vielzahl lokaler Designer*innen beteiligen. Es ist bereits die zweite Veranstaltung dieser Art: Die erste fand anlässlich der Schließung des Designmuseums vor vier Jahren statt.


Neubau verbindet Museumskomplex
Mit dem Neubau ist den drei Architekturbüros ein außergewöhnliches Kunststück gelungen: Sie haben in einem extrem sensiblen städtebaulichen Kontext ein starkes Zeichen gesetzt, ohne die Umgebung zu beeinträchtigen. Und sie haben es geschafft, einen Museumsbau zu errichten, der in puncto Nachhaltigkeit Maßstäbe setzt. Der Neubau ergänzt ein Ensemble, dessen Kern das spätbarocke Palais de Coninck bildet. Seit 1923 residiert hier die kunstgewerbliche Sammlung der Stadt. 1992 begann man mit einer groß angelegten Erweiterung, die aus Geldmangel aber nur halb fertiggestellt wurde. Es entstand ein Flügel mit zwei großen Ausstellungsräumen, der geplante zweite Flügel mit den Servicebereichen wurde aber nie gebaut. Dadurch fehlten dem Museum unter anderem die Toiletten für die Besucher*innen. Erst jetzt, mehr als 30 Jahre später, konnte dieser Mangel behoben werden.
Carmody Groarke, ATAMA und RE-ST haben die Bestandsbauten nun um einen turmartigen Neubau ergänzt, der zugleich eine neue Landmarke in der mittelalterlichen Altstadt setzt. Das Raumprogramm umfasst ein großes Foyer samt Museumsshop im Erdgeschoss, ein Auditorium im ersten und einen großen Bereich für die Museumspädagogik im zweiten Stock, einen Saal für Wechselausstellungen im dritten Stockwerk und das multifunktionelle „Loft“ im vierten. Im Untergeschoss entstanden unter anderem die lange vermissten Gästetoiletten. Daneben schafft der Neubau vor allen Dingen neue Zugänge: Er nimmt nicht nur den Haupteingang auf, er ermöglicht auch die barrierefreie Erschließung des gesamten Komplexes und er verbindet endlich alle Teile des Museums zu einem Rundgang.

Recyclingziegel aus Gent
Für die Ausstattung des neuen Anbaus vergab die Stadt Aufträge an verschiedene Designer*innen. Die auffälligste Arbeit stammt vom Antwerpener Designstudio Unfold: Sie schufen das vier mal vier Meter messende neue Eingangsportal zum Designmuseum. Es besteht aus einer in Falten gelegten Aluminiumfläche, ein „gefrorener Vorhang“, wie Unfold es bezeichnet. Das Portal wurde digital konstruiert und anschließend in vier Einzelteilen 3D-gedruckt. Möbel für den Neubau entwarfen Casimir und Bram Vanderbeke sowie Wendy Andreu, Chevalier-Masson gestalteten akustische Vorhänge. Der Landschaftsarchitekt Bas Smets schuf einen Pocket Garden in einem kleinen Innenhof, der sich zwischen dem Ausstellungsbau von 1992 und dem Anbau von 2026 befindet.



Wenn Stadträtin Astrid De Bruycker davon spricht, dass der Bau repräsentiert, was die Stadt sein möchte, meint sie damit vor allen Dingen zwei Aspekte: Nachhaltigkeit und Zugänglichkeit. Das neue Gebäude ist, sagen seine Architekt*innen, der größte öffentliche Holzbau Belgiens. Die eigentliche Sensation steckt jedoch in den weißen Ziegeln, mit denen das Gebäude verkleidet ist. Sie bestehen zu 70 Prozent aus Recyclingmaterial und sind gepresst, nicht gebrannt. „Gent Waste Brick“ nennt das Büro Carmody Groarke den Stein, den es mit finanzieller Unterstützung der Region Flandern entwickelt hat. Er besteht unter anderem aus recycletem Sanitärporzellan, Glas sowie Löschkalk. Alle zurückgewonnen Wertstoffe stammen aus Gent. Hergestellt wurde der Stein knapp 800 Meter vom Bauplatz entfernt im alten Arsenal der Stadt. Sein Format nimmt dasjenige der Ziegel vom Palais de Coninck auf. Die weiße Farbe soll an den Sandstein erinnern, aus dem die mittelalterlichen Türme der Stadt errichtet wurden. Das Herstellungsverfahren und die Zusammensetzung des „Gent Waste Brick“ sei eine Art „open source“, sagt Andy Groarke. Jeder Interessierte darf die Entwicklung nutzen. Es mache keinen Sinn, meint Groarke, den Stein in einer großen Ziegelei herstellen und ihn dann über weite Entfernung transportieren zu lassen. Die lokale Produktion sei ein wichtiger Teil des Nachhaltigkeitskonzepts.
Offene Räume für die Stadt
Bis der Recyclingziegel bei der Erweiterung des Designmuseums verbaut werden durfte, war es ein weiter Weg, berichtet Neil Michels, Associate Director bei Carmody Groarke. Nicht zuletzt musste in einem langwierigen juristischen Prozess geklärt werden, ob die Fassade aus dem nicht genormten Ziegel überhaupt genehmigungsfähig ist. Wenn man die Entwicklungskosten nicht mitrechne, sei der Stein trotzdem nicht teurer als ein herkömmlicher Qualitätsziegel, unterstreicht Michels. Auch die Mörtelmischung ist eine Eigenentwicklung des Büros. Sie sorgt dafür, dass Ziegel und Mörtel bei einem Rückbau wieder trennbar sind.
Museumsdirektorin Katrien Laporte hat die Entwicklung des „Gent Waste Brick“ vorangetrieben. Nachhaltigkeit und Zirkularität des Neubaus waren ihre zentralen Forderungen an die Architekt*innen. Außerdem, berichtet Andy Groarke, habe Laporte ihm bei ihrem ersten Treffen mit auf den Weg gegeben, dass er sich fragen solle, was das Museum für jede*n einzelne*n Bürger*in leisten könne. Das Ergebnis: Der Erweiterungsbau öffnet sich nicht nur mit einem gewaltigen Fenster zum Stadtraum, er ist auch komplett kostenfrei zugänglich – einschließlich des Lofts und der Dachterrasse. Nur die Ausstellungen in den bestehenden Museumsteilen kosten Eintritt. Laportes dritte Aufgabe an die Architekt*innen: Passant*innen in das Museum locken. Wer den Neubau heute besucht, ist sicher, dass dies gelingen wird.

Public Matter(s): Design and Democracy
03.10.2026—11.04.2027
Design Museum Gent
Gent, Belgium
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