„Gestaltung ist eine Form der Erkenntnisproduktion”
„Make It Make Sense” lautet der Titel der German Design Graduates-Ausstellung 2026, die ab dem 16. Oktober rund 70 ausgewählte Abschlussarbeiten aus etwa 30 deutschen Hochschulen präsentiert. Schauplatz in diesem Jahr: das Münchner Design-Museum „Die Neue Sammlung”. Der Titel der Schau bezieht sich auf die Aufforderung „Make It Make Sense“, die in der Netzkultur zirkuliert als knappe Reaktion auf Widersprüche und Überforderung. Häufig begleitet von überzeichneten Bildern oder ironischen Formaten, markiert der Ausdruck den Moment, in dem etwas nicht mehr aufgeht und nach Klärung verlangt.
Design Perspectives hat mit vier Expertinnen und Experten darüber gesprochen, welche Rolle Design dabei spielen kann, als überfordernd und widersprüchlich erlebte Situationen zu bewältigen und Komplexität zu durchdringen. Sie berichten von ihren Erfahrungen in Lehre und Museumsarbeit und beschreiben, welche Ansätze es gibt, aus dem passiven Erleben in aktives Gestalten und Handeln zu kommen und so Sinn zu schaffen.


Zane Berzina
Teilen Sie die Diagnose, dass wir in einer Zeit leben, die von großen Widersprüchen und schier undurchdringlicher Komplexität geprägt ist?
Zane Bernina: Wir erleben eine Gleichzeitigkeit tiefgreifender Transformationsprozesse – Klimawandel, Ressourcenknappheit, Digitalisierung, geopolitische Veränderungen und gesellschaftlichen Wandel –, die eng miteinander verflochten sind. Gleichzeitig werden viele Zusammenhänge zunehmend unsichtbar: Lieferketten, Materialströme oder Datenflüsse entziehen sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung. Gestaltung bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Sie kann Komplexität nicht auflösen, aber sie kann dazu beitragen, sie sichtbar, erfahrbar und damit verhandelbar zu machen. Gestaltung ist für mich eine Form der Erkenntnisproduktion. Sie schafft Zugänge zu komplexen Zusammenhängen über Materialien, Oberflächen, Prozesse und räumliche Erfahrungen.
Welche Rolle spielt dabei die zunehmende Digitalität vieler alltäglicher Abläufe und Routinen?
Zane Bernina: Die Beherrschung digitaler Werkzeuge ist für mich eine wesentliche Zukunftskompetenz. Entscheidend ist jedoch, wie wir digitale Technologien einsetzen und welche Fragen wir an sie richten. Gerade im Material- und Textildesign interessiert mich das Zusammenspiel von digitalen und materiellen Prozessen: Wie können digitale Werkzeuge dazu beitragen, Ressourcen bewusster einzusetzen oder Prozesse zu gestalten, Stoffkreisläufe transparenter zu machen oder neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen? Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass Digitalisierung immer an physische Infrastrukturen, Energie und Materialien gebunden ist. Sie ist also keineswegs immateriell. Ein reflektierter Umgang mit Digitalisierung bedeutet deshalb auch, ihre ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen mitzudenken.
Wie erleben Sie die Situation an der Hochschule? Beschäftigen sich die Studierenden mit Erfahrungen von Überforderung?
Zane Bernina: Viele Studierende erleben Informationsfülle, Beschleunigung und Unsicherheit als selbstverständlichen Teil ihres Alltags. Gleichzeitig beobachte ich ein großes Interesse daran, Hintergründe zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. Fragen nach Nachhaltigkeit, Materialkreisläufen, Künstlicher Intelligenz oder digitalen Technologien werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Studierenden suchen weniger nach einfachen Antworten als nach tragfähigen Haltungen. Sie möchten Gestaltung als Möglichkeit verstehen, aktiv an gesellschaftlichen Veränderungen mitzuwirken.
„Gestaltung ist für mich eine Form der Erkenntnisproduktion. Sie schafft Zugänge zu komplexen Zusammenhängen über Materialien, Oberflächen, Prozesse und räumliche Erfahrungen."
Zane Berzina, Professorin an der Kunsthochschule Weißensee Berlin

Christian Zöllner
Teilen Sie die Einschätzung, dass unsere Zeit von tiefgreifenden Widersprüchen und einer kaum zu durchdringenden Komplexität geprägt ist?
Christian Zöllner: Die Welt ist komplex. Das ist gut so. Wunderbar sogar. Sie zu vereinfachen, wäre falsch und führt uns ins Dunkle. Die Akzeptanz der Komplexität, das Helfen, sie zu sehen, zu begreifen, für Momente zu strukturieren und in ihr zu navigieren, das kann Design. Und dann fällt alles wieder in die Entropie... und es geht von vorn los. Ob es aber so anders ist als früher, weiß ich nicht. Vieles ist durch Social Media direkter, näher, (auf)drängender. Durch diese Gleichzeitigkeit entsteht Überforderung, die sich wie Komplexität anfühlt. Aber vielleicht keine ist.
Wie erleben Sie die Situation an der Hochschule? Beschäftigen sich die Studierenden mit Erfahrungen von Überforderung?
Christian Zöllner: Bei uns an der Hochschule entstehen regelmäßig Projekte, die umfassende sinnliche Erfahrungen ins Zentrum rücken. Auch Digital Detox wird thematisiert – mal deeper und mal oberflächlicher. Oft ist es aber ein Orientierungsversuch. Denn die digitalen Services und Tools sind durch ihre Gestaltung und Funktionalität oft übermächtig. Stichwort Dark Patterns, Nudging. 3D-Druck ist auch kein Innovationsthema mehr, sondern als Standardwerkzeug angekommen. Robotik und Cobots sind das nächste. AI wird ebenfalls intensiv genutzt, beispielsweise für Vibecoding.

Angelika Nollert
Glauben Sie, dass Gestaltung dabei helfen kann, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen?
Angelika Nollert: Unsere Zeit ist geprägt von großen politischen, sozialen und ökologischen Veränderungen und Krisen wie Klimawandel, Migration oder Kriegen sowie der Entwicklung neuer Technologien durch KI. Design beschäftigt sich grundsätzlich mit diesen Themen, um Lösungen anzubieten. Die Digitalität ist Bestandteil der aktuellen Industrie 4.0 und prägt dadurch unser Leben in allen Bereichen. Ein Leben ohne Digitalität ist kaum noch vorstellbar.
Wie gehen Sie als Museum mit digitalen Formaten um? Wie bewerten Sie Design-Leistungen im Digitalen und wie sammeln Sie digitale Produkte?
Angelika Nollert: Als Design-Museum, das sich programmatisch mit den zeitgenössischen Entwicklungen in Produkten auseinandersetzt, nutzen und realisieren wir neue digitale Medien: so werden wir im Herbst unseren Besucher*innen einen Avatar anbieten, stellen seit Jahren unter anderem einen digitalen Tasttisch zur Verfügung, haben gerade ein digitales Design-Spiel für Schulen realisiert und entwickeln mit der Universität Bayreuth Museumsanwendungen mit künstlicher Intelligenz. Zur Zeit arbeiten wir an einer Langzeitspeicher-Lösung für „digital born objects“. Erste Objekte wie digitale Plakate haben wir bereits in unsere Sammlung aufgenommen.
„Gestalter*innen sind in der Lage, das Einfache im Komplexen und das Komplexe im Einfachen zu durchdringen und lösungsorientiert neue Systeme dafür zu entwerfen."
Mark Braun, Designer, Professor und Mitgründer der German Design Graduates Initiative

Mark Braun
Teilen Sie die Diagnose, dass wir in einer Zeit leben, die von großen Widersprüchen und schier undurchdringlicher Komplexität geprägt ist?
Mark Braun: Ich teile diese Diagnose. Design kann hier jedoch eine wichtige Rolle als Schnittstellendisziplin spielen. Gestalter*innen sind in der Lage, das Einfache im Komplexen und das Komplexe im Einfachen zu durchdringen und lösungsorientiert neue Systeme dafür zu entwerfen. Digitalität ist omnipräsent und dominant – das hat nicht nur Vorteile und erfordert aus meiner Sicht immer auch eine kritische Überprüfung, ob es wirklich notwendig ist. Digitalität braucht das Analoge daher auch als Gegengewicht.
Wie erleben Sie die Situation an der Hochschule? Beschäftigen sich die Studierenden mit Erfahrungen von Überforderung?
Mark Braun: Die Studierenden begreifen Digitalität als Chance. Insbesondere, wenn sie niederschwellig ist oder gut vermittelt wird, hält sie Einzug in die Arbeitsabläufe und Entwurfsprozesse. Man sollte selbstbestimmte*r Akteur*in bleiben und die eigene Kompetenz hoch halten. Dann sind KI und Digitalität im besten Sinne ein Treiber für Innovation, den man kompetent steuert. Ich sehe aber auch, dass viele Studierende geradezu sehnsüchtig nach analoger Selbstwirksamkeit sind. Sprich, dass sie handwerkliche Prozesse und Werkstätten aktiv aufsuchen. Das ist eine gesunde und gute Balance.

Make it Make Sense
Jahresausstellung der German Design Graduates 2026
15.10. – 29.11.2026
Die Neue Sammlung – The Design Museum, München
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Über die German Design Graduates

German Design Graduates, gefördert von der Stiftung Rat für Formgebung – German Design Council, ist die einzige bundesweite Initiative mit dem Zweck der Nachwuchsförderung von Absolvent*innen aus Produkt- und Industriedesign sowie der Präsentation von renommierten deutschen Universitäten, Kunsthochschulen und Fachhochschulen.


