Das Magazin des German Design Council
Die Macher*innen von Alcova und Kurator*innen der Heimtextil Trend Arena, Joseph Grima und Valentina Ciuffi, 2023 Foto: Alejandro Chavarria
Heimtextil Trends by Alcova

„KI allein produziert nichts als Trash“

MaterialMesseTextildesign
„Craft is a verb“ lautet das Leitmotiv der Trend Arena auf der diesjährigen Heimtextil in Frankfurt am Main, kuratiert von den Alcova-Gründerinnen Joseph Grima und Valentina Ciuffi. Nach Ansicht der Designexpert*innen hängt die Zukunft der Textilien eher von Techno-Handwerker*innen als von künstlicher Intelligenz allein ab.

Alcova wurde 2018 gegründet und hat sich als eine der einflussreichsten unabhängigen Plattformen während der Mailänder Designwoche etabliert. Jedes Jahr aktivieren Ciuffi und Grima ungenutzte oder historisch bedeutsame Orte am Rande Mailands, darunter ehemalige Industriehallen, verlassene öffentliche Gebäude und historische Villen, und verwandeln sie in Ausstellungsräume für aufstrebende internationale Designer*innen. Ihr Ansatz verbindet kuratorisches Geschick, architektonischen Kontext und intensive Materialforschung. Ciuffi bringt langjährige Erfahrung aus der Mailänder Design-Szene mit, während Grima zuvor als Chefredakteur von Domus Italia und als Kreativdirektor der Design Academy Eindhoven tätig war. Auf der Heimtextil 2026 tritt das Alcova-Team zum zweiten Mal als Trendkurator in Erscheinung –  und erweitert seine Methodik auf die Textilindustrie.

Als Macher*innen von Alcova legen Sie großen Wert auf besondere und wechselnde Orte. Sie sagen: „Die Magie liegt im Ort“. Wie ist es, eine statische Messe wie die Heimtextil mit eher neutralen Hallen zu bespielen?


Valentina Ciuffi: Bei Alcova ist der Standort Teil des kuratorischen Rahmens. Der räumliche Charakter, die Größe und die Geschichte prägen die Art und Weise, wie Projekte wahrgenommen werden und wie sich die Besucher*innen durch sie bewegen. Auf derHeimtextil ist die Situation anders. Die Hallen sind bewusst neutral gestaltet, und der Auftrag erfordert einen anderen Ansatz. Dieser Unterschied schwächt unsere Position nicht. Die Arbeit verlagert sich von der Inszenierung eines Ortes hin zur Strukturierung einer Fragestellung.

Bei der Heimtextil konzentriert sich die Aufgabe auf die gezielte Erforschung eines Bereichs, nämlich Textilien, Prozesse, Werkzeuge und kulturelle Entwicklungen. Bei Alcova beherbergt die Plattform Forschungsarbeiten von mehr als hundert Designer*innen, die jeweils unterschiedliche Fragen verfolgen. Die Ansätze bleiben übertragbar. Kuratorisches Denken, narrative Konstruktion und die Fähigkeit, abstrakten Ideen Gestalt zu geben, hängen nicht allein vom architektonischen Charakter ab. In Frankfurt entsteht Bedeutung eher durch Inhalt, Abfolge, materielle Beispiele und Interpretation als durch den Ort selbst.


Joseph Grima: Alcova arbeitet in der Regel mit kleinen Studios und Herstellern zusammen, die limitierte Auflagen produzieren. Ihr kultureller Einfluss übersteigt oft ihre Marktreichweite. Die Heimtextil agiert auf einer anderen Ebene. Die Messe bringt uns in direkten Kontakt mit der industriellen Produktion, den Lieferketten und den Entscheidungsträger*innen, die auf den globalen Märkten tätig sind. Diese Nähe schafft eine direkte Rückkopplungsschleife mit der Industrie. Einige Formen des Experimentierens, Testens und Übersetzens sind nur in einem Rahmen wie der Heimtextil möglich.

In der Ankündigung zur Zusammenarbeit erklärte Heimtextil, dass eine gemeinsame Vision wichtiger sei als die Spezialisierung auf Textilien. Wie würden Sie diese Vision beschreiben?


Joseph Grima: Unsere Gespräche drehten sich um ein umfassendes Verständnis von Design als einer Disziplin, die heute fast jeden Sektor prägt. Früher wurde Design nur auf eine begrenzte Anzahl von Produkten angewendet. Heute beeinflusst es Systeme, Dienstleistungen, Technologien und Arbeitsformen in allen Branchen. Textilien nehmen in diesem erweiterten Feld eine besondere Stellung ein. Die Textilherstellung gehört zu den ältesten kreativen Tätigkeiten des Menschen. Die Untersuchung ihrer Geschichte bietet Einblicke in die gemeinsame Entwicklung von Werkzeugen, Arbeit, Kultur und Innovation. Diese Perspektive macht Textilien zu einem idealen Blickwinkel, um Fragen des zeitgenössischen Designs zu untersuchen.
 

„Wenn man KI sich selbst überlässt, wenn man versucht, menschliche Kreativität durch KI zu ersetzen, dann erhält man im Grunde genommen nur Trash.“
Joseph Grima

Künstliche Intelligenz ist ein zentrales Thema der Heimtextil 2026. In Ihrer Einleitung heißt es: „Craft is a verb.“ Sie argumentieren, dass KI das Handwerk stärkt, anstatt es zu verdrängen, und dass sinnvolle Ergebnisse von menschlichem Engagement abhängen. Spiegelt diese Position auch einen italienischen kulturellen Hintergrund wider, der in der Handwerkskunst verwurzelt ist?


Joseph Grima: Unsere Perspektive spiegelt den italienischen Kontext wider, da Italien über ein dichtes Netzwerk von Kleinstunternehmen verfügt, die sich auf hochspezialisierte Produktion konzentrieren. Handwerkliches Wissen spielt eine zentrale wirtschaftliche und kulturelle Rolle. Der jüngste technologische Wandel hat die Möglichkeiten eher erweitert als eingeschränkt. Designer*innen, die früher auf groß angelegte industrielle Produktion angewiesen waren, arbeiten heute mit Kleinserien und individualisierten Produkten. Digitale Werkzeuge unterstützen diesen Wandel.

KI befindet sich in diesem Prozess noch in einem frühen Stadium. Wenn KI die Urheberschaft oder Entscheidungsfindung ersetzt, mangelt es den Ergebnissen an Tiefe und Kohärenz. Wenn Designer*innen und Handwerker*innen computergestützte Systeme steuern, gewinnen die Ergebnisse an Präzision und Charakter. Das menschliche Urteilsvermögen mildert die Unpersönlichkeit automatisierter Systeme. Diese Interaktion erzeugt eine produktive Spannung. Das Risiko liegt in der Substitution. Die Chance liegt in der Integration. Integrierte Prozesse stärken die kreative Arbeit in allen Bereichen, einschließlich der industriell operierenden Sektoren wie der Textilbranche.
 

Alcova beschäftigt sich weitestgehend mit Collectible Design, das viele mit einem elitären Publikum assoziieren. Wie lässt sich nun Ihr Ansatz auf Großserienfertigung und das breitere Publikum der Heimtextil übertragen?


Valentina Ciuffi: Collectible Design sollte nicht nur als Luxusobjekte in Galerien verstanden werden. Dieser Bereich fungiert als Testfeld. Frühe Experimente finden in kleinem Maßstab statt, wo das Risiko überschaubar bleibt. Die Beobachtung avancierter Designer*innen gibt Einblicke in zukünftige Entwicklungen. Designer*innen wie Selma Alihodzic Asakura und Jonas Hejduk veranschaulichen diese Rolle und nehmen an der Trend Area der Heimtextil teil.

Groß angelegte Anwendungen demonstrieren diese Logik bereits. Unsere Publikation enthält das Beispiel eines Projekts der Bjarke Ingels Group für einen Flughafen in Bhutan. Ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften führte zu einem hybriden Prozess. KI führte die ersten Schnitzarbeiten an großen Holzplatten durch. Handwerker vollendeten die Arbeit von Hand. Das Prinzip bleibt über alle Maßstäbe hinweg konsistent. Designer*innen lenken die Technologie, anstatt sich ihr unterzuordnen. Fehlgeleitete Anwendungen zeigen deutlich die Grenzen auf, wie beispielsweise KI-generierte Neuinterpretationen des Hauses von Charles und Ray Eames, die als generische Luxusinterieurs dargestellt werden. Die gleiche Logik gilt für die Textilproduktion. Die Führung bestimmt das Ergebnis.
 

„Glitches und Unvollkommenheiten sind etwas, das wir oft hervorheben, wenn wir über die Schönheit des Handwerks sprechen und darüber, dass Unregelmäßigkeiten in der Regel auf etwas Realeres hindeuten.“
Valentina Ciuffi 
 

Ihr Trend-Framework führt sechs Motive ein, darunter „The uncanny valley“ und wiederkehrende Verweise auf „glitches“. Wie sollen die Leser*innen diese Begriffe verstehen?

Valentina Ciuffi: Ein „glitch“ ist ein digitaler Fehler. In der Handwerkskunst wird Unregelmäßigkeit als Zeichen menschlicher Präsenz geschätzt, und digitale „glitches“ spiegeln diesen Zustand in Computersystemen wider. Sie legen die Nähte automatisierter Prozesse offen. Designer*innen wie Jonas Hejduk arbeiten mit dieser Idee. Seine Teppiche und Hocker übersetzen visuelle Fehler in bewusste Ästhetik, und auf diese Weise reproduzieren handgefertigte Objekte das Erscheinungsbild einer Fehlfunktion des Computers.

Die für die Heimtextil vorgeschlagenen Farbpaletten weichen von den vorherrschenden Trends ab. Wie haben Sie sie entwickelt?

Valentina Ciuffi: Ich habe mich an der grafischen Palette für die Publikation orientiert. Der Fokus lag auf Kontrasten. Erdtöne stehen neben grellen digitalen Farben. Diese Paarung spiegelt einen umfassenderen Wandel wider. Warme Materialhintergründe unterstützen scharfe digitale Akzente. Glitches funktionieren sowohl chromatisch als auch konzeptionell

Worauf sollten Besucher*innen in der Heimtextil Trend Arena 2026 by Alcova besonders achten?

Valentina Ciuffi: Im letzten Jahr standen Größe und Vertikalität durch eine eher mechanische Atmosphäre im Vordergrund. Diese Ausgabe nähert sich eher dem häuslichen Raum. Die Installation stellt sich ein zukünftiges Zuhause vor, das durch techno-handwerkliche Praktiken geprägt ist. Materialproben spielen innerhalb dieser Erzählung eine Rolle. Der Raum bleibt durch Gespräche aktiv. Menschen beleben die Umgebung durch ihre Anwesenheit und den Austausch.
 

Messe

Heimtextil 2026

13. – 16. Januar 2026

Messe Frankfurt

Zum Programm

Booklet

“Craft is a verb”

Heimtextil Trends 26/27 von Alcova

 

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