Das Magazin des German Design Council
Zwei Generationen an der Spitze von Artemide: Carolina Gismondi de Bevilacqua (Vice President) und ihre Mutter Carlotta de Bevilacqua (President & CEO) Foto: Simon171
Artemide

„Von meiner Mutter habe ich gelernt, keine Angst vor großen Ideen zu haben”

DesignInterview
Carlotta de Bevilacqua, Präsidentin von Artemide, prägt das Unternehmen seit Jahrzehnten. Mit ihrer Tochter Carolina Gismondi de Bevilacqua steht die nächste Generation bereit. Zur Eröffnung des Frankfurter Flagship Stores sprechen beide mit uns über Zusammenarbeit im Familienunternehmen, Kooperationen mit Architekt*innen und die Zukunft des Lichts.

Die Eingangstüren stehen offen, letzte Vorbereitungen laufen. In wenigen Stunden wird hier Eröffnung gefeiert. Nur einige Meter vom vorigen Showroom entfernt, ist Artemide am Baseler Platz in eine großzügige Eckfläche gezogen. Zwei Stockwerke, doppelte Schaufensterfläche, deutlich mehr Raum als zuvor. Noch bevor die ersten Gäste eintreffen, begrüßen uns Carlotta de Bevilacqua und ihre Tochter Carolina Gismondi de Bevilacqua. Herzlich, aufmerksam, mit der Selbstverständlichkeit von Gastgeberinnen, die diesen Ort nicht nur zeigen, sondern erzählen wollen. 

Es folgt eine Führung durch das lichtdurchflutete Erdgeschoss. Carlotta de Bevilacqua bleibt immer wieder stehen, erklärt die Entstehung einzelner Leuchten, betont, wie viel Forschung in den scheinbar einfachen Formen steckt. Immer wieder fällt dabei auch der Name ihres Mannes: Ernesto Gismondi, der Mitgründer von Artemide, dessen technischer Blick und unermüdliche Neugier bis heute Teil der Unternehmens-DNA sind. Carolina Gismondi de Bevilacqua ergänzt ruhig und präzise – manchmal mit einem architektonischen Bezug zum Raum, manchmal mit einem Hinweis darauf, wie sich ein Projekt über Jahre entwickelt hat. Die Ausstellung im Frankfurter Showroom präsentiert sich wie eine Geschichte der Marke: von den bekannten Klassikern Eclisse, Tizio und Tolomeo über jüngere Entwürfe wie Empatia und Ixa bis zu den neuesten Entwicklungen, etwa der skulpturalen Leuchte Iperbole von BIG (Bjarke Ingels Group). Schon während dieser kurzen Führung wird deutlich, worum es in diesem Gespräch gehen wird: um Licht als Forschung, als Gestaltung, aber vor allem als Lebensgrundlage. Und um ein Unternehmen, in dem zwei Generationen gemeinsam an der nächsten Idee arbeiten.

 

„Für Artemide ist Licht nicht nur ein technisches Element. Es ist etwas Grundlegendes. Essentiell wichtig für unser Leben wie Wasser oder Luft.“
Carlotta de Bevilacqua

Wir sind hier in Ihrem neuen Frankfurter Flagship Store. Heute Abend findet die große Eröffnungsfeier statt. Welche Produkte stehen im Zentrum Ihrer Präsentation? Was verraten Sie heute über die aktuelle Ausrichtung von Artemide?

Carlotta de Bevilacqua: Fast alle Leuchten, die wir in unserem neuen Flagship Store präsentieren, zeigen deutlich, wofür Artemide steht: Forschung, optische Innovation und den Dialog mit der Architektur. Einige der Produkte wurden bereits im vergangenen Jahr vorgestellt und sind nun lieferbar, andere sind vollkommen neu.

Viele unserer Leuchten wirken auf den ersten Blick sehr einfach. Doch dahinter steckt fast immer eine enorme Forschungsleistung. Optische Systeme, neue Geometrien und patentierte Technologien ermöglichen es uns, extrem schlanke Lichtelemente zu entwickeln, die Räume auf nahezu immaterielle Weise formen. Uns interessiert dabei nicht nur die Gestaltung der Form. Es geht uns vielmehr darum, die Rolle von Licht in der Architektur zu erforschen. 

Sie verfolgen bei Artemide das Konzept des „The Human and Responsible Light”. Welche Rolle spielt Licht für das menschliche Wohlbefinden?

Carolina Gismondi de Bevilacqua: Die Idee des „The Human Light“ ist tatsächlich seit den 1990er-Jahren Teil unserer Forschung. Schon mein Vater hat intensiv untersucht, wie Licht das menschliche Wohlbefinden beeinflusst. Heute hat diese Forschung noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen: Mit neuen Technologien können wir Licht inzwischen viel präziser steuern. Zum Beispiel können wir den circadianen Rhythmus unterstützen, indem wir die Qualitäten des natürlichen Tageslichts in Innenräumen nachbilden. Licht kann Menschen beim Aufwachen helfen, die Konzentration fördern, Entspannung ermöglichen oder auf den Schlaf vorbereiten.

Carlotta de Bevilacqua: Licht wirkt auf uns sowohl psychologisch als auch physiologisch. Es beeinflusst unsere Wahrnehmung, unsere Emotionen und unsere Beziehung zum Raum. Für Artemide ist Licht nicht nur ein technisches Element. Es ist etwas Grundlegendes. Essentiell wichtig für unser Leben wie Wasser oder Luft.

„Architekt*innen fordern oft Dinge, die zunächst unmöglich erscheinen. Doch genau aus solchen Herausforderungen entstehen oft die wichtigsten Innovationen.“
Carlotta de Bevilacqua

Artemide arbeitet seit Jahrzehnten eng mit den renommiertesten und besten Architekt*innen und Designer*innen zusammen – von Gio Ponti und Vico Magistretti bis hin zu Norman Foster oder BIG (Bjarke Ingels Group). Welche Rolle spielen diese langfristigen Kooperationen für Ihre Forschung und Produktentwicklung?

Carlotta de Bevilacqua: Kooperationen sind tief in unserer Geschichte verankert. Seit der Gründung von Artemide hat mein Mann, Ernesto Gismondi, enge Beziehungen zu Architekt*innen aufgebaut – geprägt von Freundschaft, Dialog und gemeinsamer Neugier. Mit Studios wie BIG teilen wir bis heute gemeinsame Werte. Es geht dabei nie nur um die Gestaltung eines einzelnen Produkts, sondern um einen kontinuierlichen Austausch über Architektur, Raum und die Rolle des Lichts. Architekt*innen bringen oft anspruchsvolle Ideen ein, die Technologie und Produktion an ihre Grenzen führen. Sie fordern Dinge, die zunächst unmöglich erscheinen. Doch genau aus solchen Herausforderungen entstehen oft die wichtigsten Innovationen. 

Apropos Innovationen: LED-Technologie und digitale Steuerungssysteme haben die Möglichkeiten des Lichts enorm erweitert. Wie hat dieser technologische Wandel die Rolle von Designer*innen verändert?

Carlotta de Bevilacqua: LEDs, weiterentwickelte Optiken, Interaktion und digitale Steuerung erlauben es uns, Licht mit großer Präzision zu gestalten. Das grundlegende Designverständnis bleibt jedoch gleich: Es geht darum zu verstehen, wie Licht mit Menschen und Raum interagiert.

Hat sich für Sie die Bedeutung von „Neuheit“ verändert? Ist es heute manchmal wichtiger, die Lebensdauer eines Produkts zu verlängern, als etwas völlig Neues zu entwickeln?

Carlotta de Bevilacqua: Ja, absolut. Wir werfen unsere Geschichte nicht einfach weg. Viele Artemide-Entwürfe wurden als offene Systeme konzipiert, die sich weiterentwickeln können. Wir bewahren immer die ursprüngliche Designidee und aktualisieren gleichzeitig kontinuierlich die technologischen Komponenten, wie zum Beispiel bei Hera, einer Tischleuchte von Ettore Sottsass aus dem Jahr 1982. Oder der jetzt wieder aufgelegten Sintesi, die 1975 von meinem Mann Ernesto entworfen wurde. Innovation bedeutet also nicht nur, etwas völlig Neues zu schaffen, sondern auch bestehenden Ideen zu erlauben, sich weiterzuentwickeln.

Carlotta, Sie haben Artemide bereits viele Jahre lang als Designerin und Forscherin geprägt, bevor Sie nach dem Tod ihres Mannes Ernesto Gismondi im Jahr 2020 Präsidentin und CEO wurden. Wie hat dieser Wechsel in der Verantwortung Ihre heutige Herangehensweise an Innovation und Design beeinflusst? 

Carlotta de Bevilacqua: Der Übergang hat nicht so sehr meine Vision verändert, sondern vielmehr meine Verantwortung dafür erweitert. Schon bevor ich CEO wurde, war ich maßgeblich an der Gestaltung der forschungsorientierten Kultur von Artemide beteiligt, in der Design niemals ein isolierter Vorgang ist, sondern Teil eines umfassenderen Systems aus Wissen, Experimentieren und einem Denken, bei dem der Menschim Mittelpunkt steht. Innovation bedeutet für uns nicht nur neue Produkte, sondern die Schaffung sinnvoller Beziehungen zwischen Licht, Menschen und Raum. Dies erfordert eine langfristige Perspektive, bei der Design zu einem strategischen und ethischen Werkzeug wird.

Leiten Sie Artemide eher als Designerin, die ein Unternehmen führt, oder als CEO, die zufällig Designerin ist?

Carlotta de Bevilacqua: Ich betrachte diese Rollen nicht als voneinander getrennt. Design und Wirtschaft sind eng miteinander verflochten. Design bedeutet, eine Vision zu haben und in der Lage zu sein, Innovationsinstrumente, technologische Möglichkeiten und kulturelle Erkenntnisse zu interpretieren. Elemente, die sowohl zur Rolle eines Designers als auch zu der eines Unternehmers gehören, auch wenn sie sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Heute mehr denn je ist der zentrale Punkt, eine Vision zu haben: sich dafür einzusetzen, der Gegenwart und vor allem der Zukunft einen Sinn zu geben. In diesem Sinne leite ich Artemide als Designerin, die unternehmerische Verantwortung übernimmt: Ich arbeite daran, einen neuen Humanismus zu fördern, der in Bezug auf Technologie und Wissen zutiefst innovativ ist. Ich reagiere mit flexiblen, anpassungsfähigen und zugänglichen Lösungen auf die sich wandelnden Bedürfnisse einer Welt, die respektiert werden muss.

Artemide hat schon immer stark in die Forschung investiert. Wie wichtig ist es für den CEO, die Design- und Technologieprozesse hinter neuen Produkten persönlich zu verstehen?

Carlotta de Bevilacqua: Das ist grundlegend. Ohne Technologie und Innovation gäbe es Artemide nicht. Ernesto Gismondi hat das Unternehmen vor mehr als 60 Jahren mit dieser Idee gegründet. Er war Luft- und Raumfahrtingenieur und verband stets Wissen mit praktischer Expertise. Von Anfang an investierte er in Forschung – sowohl in Produktionsprozesse als auch in die innovativsten Materialien und Lichtquellen. Aber auch in kulturelle Forschung, mit einer starken Offenheit gegenüber führenden Architekt*innen, zunächst in Italien und dann weltweit, um verschiedene Lichtkulturen zu interpretieren. Ernesto hat mir beigebracht, dass das Verständnis von Design und technologischen Prozessen der Schlüssel ist, um Designkultur in Produkte umzusetzen, die weltweit vertrieben werden.

Carolina, Sie sind 2019 in das Unternehmen eingetreten. Wie würden Sie Ihre Rolle bei Artemide heute beschreiben?

Carolina Gismondi de Bevilacqua: Zunächst habe ich im Marketing und im Bereich Ausstellungsdesign gearbeitet, was gut zu meinem architektonischen Hintergrund passte. Mit der Zeit hat sich meine Rolle stärker in Richtung Produktentwicklung und Produktstrategie entwickelt. Heute fungiere ich häufig als Schnittstelle zwischen Marketing, Produktentwicklung und Vertrieb. Gleichzeitig arbeite ich eng mit Architekt*innen und Designer*innen zusammen und lerne weiterhin von dem enormen Erfahrungsschatz, den es in unserem Unternehmen gibt.

War für Sie immer klar, dass Sie eines Tages zu Artemide kommen würden?

Carolina Gismondi de Bevilacqua: Nein, überhaupt nicht. Ich habe Architektur in Mailand studiert und bin später nach London gezogen, wo ich acht Jahre gelebt habe. Und wahrscheinlich auch geblieben wäre … Doch mit dem Tod meines Vaters habe ich mich zunehmend stärker im Unternehmen engagiert. Es war keine vorab geplante Entscheidung, sondern eher eine Entwicklung.

Carlotta, wie haben Sie diesen Moment sowohl als Mutter als auch als Leiterin des Unternehmens erlebt?

Carlotta de Bevilacqua: Mein Mann und ich haben unseren Kindern immer gesagt, dass sie vollkommen frei sein sollen. Wir wollten nie, dass sie sich verpflichtet fühlen, in das Unternehmen einzutreten. Das Leben entscheidet manchmal anders. Als Ernesto krank wurde, kam Carolina aus London zurück und begann, sich Schritt für Schritt stärker einzubringen.

„Von meiner Mutter habe ich gelernt, keine Angst vor großen Ideen zu haben. Oft entstehen die interessantesten Projekte aus etwas, das zunächst unmöglich erscheint.“
Carolina Gismondi de Bevilacqua

Was bringt generationenübergreifende Führung einem Unternehmen wie Artemide?

Carlotta de Bevilacqua: Nicht nur Artemide profitiert davon: Die Welt braucht verschiedene Generationen, die zusammenarbeiten. Jede Generation bringt ihre eigene Energie, ihre Perspektiven und ihre Fragen ein. Entscheidend ist dabei eine klare ethische Haltung: Neugier, Verantwortung und der Anspruch, durch Design eine bessere Zukunft zu gestalten.

Was sollte die nächste Generation aus der Geschichte von Artemide unbedingt bewahren?

Carolina Gismondi de Bevilacqua: Forschung und Entwicklung. Artemide hat immer stark in Innovation investiert. Das ist die Grundlage für alles, was wir tun.

Carlotta de Bevilacqua: Und Neugier. Man sollte nie aufhören zu lernen und Fragen zu stellen. Oder, um es mit Steve Jobs zu sagen: Stay hungry, stay foolish.

Zum Schluss: Was haben Sie voneinander gelernt – als Designerinnen, Unternehmerinnen und als Mutter und Tochter?

Carolina Gismondi de Bevilacqua: Von meiner Mutter habe ich gelernt, keine Angst vor großen Ideen zu haben. Oft entstehen die interessantesten Projekte aus etwas, das zunächst unmöglich erscheint.

Carlotta de Bevilacqua: Und von Carolina sehe ich, wie wichtig kontinuierlicher Dialog und neue Perspektiven sind. Jede Generation trägt etwas anderes zur Geschichte eines Unternehmens bei.

 

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