
„Innovation ist meine Mission“

Die chinesische Architektin und Interior-Designerin Li Xiang hat für die Buchhandelskette Zhongshuge in der Millionenmetropole Tianjin ein spektakuläres Geschäftshaus entworfen, das bewusst auf die klassische europäische Architektur Bezug nimmt. Bei den ICONIC AWARDS 2025 wurde die „Kathedrale für das Buch“, wie die Jury das Projekt nennt, als „Best of Best“ ausgezeichnet. Ein Gespräch über ein Gebäude, das neue Maßstäbe für die Architektur und das Interior von Buchhandlungen setzt.
Das von Ihnen gegründete Architekturbüros X+Living wurde bei den ICONIC AWARDS 2025 für die Buchhandlung Zhongshuge in Tianjin in der Kategorie Retail-Architektur ausgezeichnet. Was bedeutet dieser Preis für Sie?
Li Xiang: Dieser Preis ist sehr bedeutsam für mich – insbesondere, weil ich für ein Architekturprojekt ausgezeichnet worden bin. In den letzten Jahren habe ich Preise für Innenarchitektur gewonnen, aber das ist mein erster Architekturpreis. Dabei habe ich eigentlich Architektur in Großbritannien an der Birmingham City University studiert und auch das Büro im Jahr 2011 als Architekturbüro gegründet. Durch Zufall hatte ich die Chance, an Innenarchitektur-Projekten mitzuarbeiten und bin dann schnell erfolgreich geworden. Heute hat mein Büro fast 200 Mitarbeiter und ich bin mindestens ebenso sehr Managerin wie Gestalterin. Wir machen nicht nur Innenarchitektur, sondern auch Produktdesign. Aber es hat mehr als zehn Jahre gedauert, bis ich wieder als Architektin arbeiten konnte. Deshalb freue ich mich besonders über die Ehrung der ICONIC AWARDS.



„Das Grundprinzip ist immer das gleiche: Jede Buchhandlung muss ein außergewöhnliches Erlebnis bieten.“
Li Xiang, chinesische Architektin und Interior-Designerin
Erzählen Sie uns mehr über das preisgekrönte Projekt!
Das Buchhandelsunternehmen Zhongshuge beauftragte mich mit meinem ersten Innenarchitekturprojekt. Inzwischen arbeiten wir seit 13 Jahren zusammen. Der Besitzer hat früh erkannt, dass das Internet die klassische Buchhandlung in ihrer Existenz bedrohen wird. In Europa hatte er Buchhandlungen gesehen, die mehr waren als reine Verkaufsstellen für Literatur. Er entwickelte den Wunsch, eine solche Buchhandlung in China zu schaffen. Durch einen glücklichen Zufall bekam ich die Gelegenheit, an der Gestaltung dieses Projekts mitzuwirken. Ich hatte keine Ahnung von Regeln oder Traditionen, ich wollte einfach einen schönen Raum entwerfen. Der Buchladen war ein großer Erfolg und inzwischen hat mein Büro noch über ein Dutzend weitere Zhongshuge-Buchhandlungen, etwa in Dujiangyan und Hangzhou, gestaltet. Das Geschäft in Tianjin ist das neueste. Das Grundprinzip ist aber immer das gleiche: Jede Buchhandlung muss ein außergewöhnliches Erlebnis bieten.


Das Gebäude bezieht sich deutlich auf klassische europäische Architektur. Welche Bedeutung kommt diesem Bezug zu?
Der Stadtbezirk von Tianjin, in dem die Buchhandlung liegt, ist das sogenannte italienische Viertel. In Tianjin gründeten im 19. Jahrhundert viele europäische Nationen Niederlassungen, um in China Handel zu treiben. Heute ist die Gegend eine beliebte Touristenattraktion. Auf dem Grundstück, auf dem jetzt die Buchhandlung steht, befand sich zuvor eine Grundschule. Das Gebäude war jedoch, anders als die Nachbarbebauung, nicht in italienisch-historistischen Formen errichtet worden. Deshalb haben wir dieses Gebäude, das nicht in die Umgebung passte, in eine moderne Buchhandlung umgestaltet, die sich trotzdem harmonisch in die architektonische Sprache des Viertels einfügt.
Was hat Sie daran gereizt, einen Bau in historisch inspirierten Formen zu entwerfen?
Die Baubehörde forderte, dass das neue Gebäude in Formensprache und Materialität mit den umliegenden Backsteinbauten harmonieren sollte, um die visuelle Einheit des Viertels zu bewahren. Die Gestaltung musste sich also an den historischen Nachbargebäuden orientieren. Für mich lag die entscheidende Frage darin, wie ich trotzdem mit einer innovativen, zeitgenössischen Architektursprache Dramatik und Spannung erzeugen kann. Obwohl das Gebäude diese europäische Anmutung hat, weichen seine Details bei genauerer Betrachtung von klassischen europäischen Bauwerken stark ab. Wir haben die Säulen, Fensterrahmen und Außenwände regelrecht dekonstruiert.
Wie reagieren die Menschen auf diese Form „europäischer“ Architektur?
Als das Gebäude fertiggestellt war, sorgte es für einiges Aufsehen. Die Leute fragen sich, warum es fast wie ein klassisches europäisches Gebäude aussieht, aber eben doch nicht so ganz. Diese Zweideutigkeit weckte immense Neugier und veranlasste viele, das Gebäude zu betreten und zu erkunden. So wurde es zu einer regelrechten Internet-Sensation.
Wie herausfordernd war es für Sie, ein Gebäude mit Anleihen an die klassische westliche Architektur zu entwerfen?
Während meines Studiums in Großbritannien bin ich natürlich ständig mit europäischer Architektur in Berührung gekommen. In meinen ersten Studienjahren haben wir die Prinzipien und Elemente der klassischen Architektur behandelt. Deshalb hatte ich aber keine Angst, als ich mit der Aufgabe betraut wurde, mich mit dem „italienischen Stil“ auseinanderzusetzen.
Sie haben Fassade und Dekorformen abstrahiert. Warum?
Das hat zwei Gründe: Zum einen haben die Handwerker in China nicht das Knowhow, diese Elemente nachzubilden. Zum anderen bin ich kein Fan von Imitation. Deshalb habe ich lange darüber nachgedacht, wie ich die Aufgabe angehen soll. Die Idee kam mir schließlich beim Blick auf meine Jalousien mit ihren horizontalen Lamellen. Wir fädelten also die Ziegel auf Bewehrungsstangen auf und konnten so zwischen den Ziegellagen einen Abstand entstehen lassen. Die Fassade wird in eine lineare Komposition zerlegt. Dadurch wird deutlich, dass es sich um ein zeitgenössisches Gebäude handelt. Gleichzeitig verleiht diese Fragmentierung der Fassade eine gewisse Leichtigkeit. Nicht zuletzt erinnern die Ziegellagen an übereinandergestapelte Bücher oder aufeinanderliegende Papierseiten. Die Fassade deutet so bereits die Funktion des Gebäudes an.


Sie haben aber nicht nur den Außenbau, sondern auch die Inneneinrichtung aus Backstein entworfen. Warum das?
Ich möchte immer den Konventionen trotzen und ein innovatives visuelles Erlebnis schaffen. Innovation ist meine Mission! Jeder meiner Entwürfe soll ein ganz eigenes Gefühl hervorrufen, das sich von allem bisher Dagewesenen unterscheidet. Zugegeben, die Verwendung von Mauerwerk für die Innenräume war mühsam, aber das Ergebnis ist völlig neuartig. Das hat für uns einen immensen Wert. Im digitalen Zeitalter reichen traditionelle Entwürfe nicht mehr aus. Wir müssen einzigartige räumliche Erlebnisse schaffen, die die Menschen zurück in den physischen Raum holen und ihm dadurch dauerhaft Lebendigkeit verleihen. Ein weiterer Grund: Ich wollte eine Einheit zwischen der Außen- und Innenarchitektur erreichen. Das gesamte Gebäude soll eine tiefgreifende Harmonie vermitteln.

Die Verkaufsräume der Buchhandlung sind um ein großes Atrium angeordnet, das nicht als Verkaufsfläche dient. Ist das nicht unwirtschaftlich?
Traditionell ist natürlich bei der Gestaltung von Gewerbeflächen das vorrangige Ziel, jeden Quadratmeter für die Präsentation von Waren optimal zu nutzen. Die gesellschaftlichen Dynamiken haben sich auf dem chinesischen Verbrauchermarkt jedoch verändert. Viele Käufer bevorzugen heute den Online-Kauf. Wenn physische Einzelhandelsflächen ausschließlich als Aufbewahrungsorte für Waren dienen, sinkt ihre Attraktivität erheblich. Vor diesem Hintergrund müssen Gewerbeflächen ein Erlebnis vermitteln. Nur dann werden die Verbraucher*innen geneigt sein, weiterhin physische Geschäfte zu besuchen.
Unsere Kernphilosophie ist es, die Buchhandlung in einen Raum zu verwandeln, der von künstlerischer Sensibilität durchdrungen ist – auch wenn wir keine Kunstwerke ausstellen. Nehmen sie zum Beispiel das große zentrale Atrium der Filiale in Tianjin. Wir haben uns diesen weitläufigen Raum so vorgestellt, dass er beim Betreten ein Gefühl der Ehrfurcht hervorruft. Das verkörpert meine Grundüberzeugung: Bücher besitzen eine inhärente Heiligkeit. Wir wünschen uns, dass jede*r Leser*in, die diesen Raum betritt, die Heiligkeit des Lesens und die Ehrfurcht, die es verdient, wiederentdeckt. Daher haben wir uns entschieden, diesen riesigen Raum nicht für Verkaufszwecke zu nutzen, sondern für ästhetische und künstlerische Erfahrungen.
„Ich möchte immer den Konventionen trotzen und ein innovatives visuelles Erlebnis schaffen. Innovation ist meine Mission! Jeder meiner Entwürfe soll ein ganz eigenes Gefühl hervorrufen, das sich von allem bisher Dagewesenen unterscheidet.“
Li Xiang, chinesische Architektin und Interieur-Designerin
Sie haben vorhin erwähnt, dass die Buchhandlung im Internet regelrecht viral ging. Spielt die „Instagramability“ Ihrer Projekte im Entwurfsprozess eine Rolle?
Als ich mit Innenarchitektur anfing, spielte das noch keine Rolle. Mein Hauptaugenmerk lag aber von Beginn an darauf, dass jedes meiner Projekte eine fotografische Qualität hat. Ich habe immer die Vorstellung, eine Kamera in der Hand zu halten und einen gerade von mir fertiggestellten Raum zu fotografieren. Dabei frage ich mich, ob ich ein außergewöhnlich schönes Foto machen kann. Dieses Streben nach fotografischer Wirkung entstand also aus ästhetischen Überlegungen. Im Internetzeitalter ist das Foto zu einem lebendigen Kommunikationsmedium geworden. Die „Fotogenität" wird zur Brücke zwischen meiner Architektur und dem breiten Publikum.




Bookverse: X+Living Architecture and Interior Design
Hongkong/Shenzhen/Philadelphia
Oscar Riera Ojeda Publishers 2025
ISBN:978-1-964490-98-4

Über Li Xiang
X+Living wurde 2011 von der chinesischen Designerin Li Xiang kurz nach Abschluss ihres Architekturstudiums gegründet. Von Anfang an überraschte sie mit erfrischend unkonventionellen Entwürfen, wofür sie sowohl von den Medien als auch von Kunden und Fans ihrer Arbeit viel Lob erhielt. 2015 gründete Li Xiang ihre eigene Möbelmarke. Und wieder traf sie mit ihrer Mischung aus Qualität, Nachhaltigkeit und einer Prise Humor den Zeitgeist. Seit inzwischen mehr als zehn Jahren macht das Studio mit fantastischen, geradezu surrealen Projekten von sich reden, wie zum Beispiel mit dem »Taiyuan FAB Cinema«, dem »Dujiangyan Zhongshuge Bookstore« und dem »Zhuyeqing Greentea Flagship Store«.
Über die ICONIC AWARDS

Mehr Sichtbarkeit, mehr Chancen – die neuen ICONIC AWARDS bieten eine Bühne für die Ideen und Projekte von morgen. Entfalten Netzwerk- und Business-Möglichkeiten und ebnen Wege zu neuen Märkten. Sie richten sich an Architekt*innen, Designer*innen und Unternehmen, die mit visionären Projekten, innovativen Produkten und nachhaltigen Konzepten die Zukunft mitgestalten.


