
Ist meine Firma noch zu retten?
Phase 1: Das Davor
Claus Fischer hörte es schon am Tonfall: „An der Art, wie er mich ansprach, merkte ich: Da ist etwas Ernstes.“ Fischer, damals alleiniger Gesellschafter einer Kreativagentur, die er vor 30 Jahren gegründet hatte, saß gerade in seinem Büro, als sein Geschäftsführer ihn zum Gespräch bat. Was Fischer zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Kurz vor Weihnachten würde seine Agentur beim zuständigen Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen.
Immer mehr Unternehmen in Deutschland melden Insolvenz an. Im Jahr 2025 registrierten die Amtsgerichte 24.064 Unternehmensinsolvenzen – 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bereits 2024 und 2023 war die Zahl jeweils um mehr als 20 Prozent gestiegen. Auch die Kreativbranche ist stark betroffen. Wie ein Unternehmer reagieren kann, wenn sein Lebenswerk wankt, zeigt der Fall Fischer.
„Die erste ist die Phase vor dem Insolvenzantrag. Die zweite ist das Insolvenzeröffnungsverfahrens. Und das dritte ist das Insolvenzverfahren selbst.“
Tjark Thies von der Kanzlei Reimer
Details zu seinem Insolvenzverfahren darf Claus Fischer, der seine Situation in einem Videocall schildert, nicht nennen. Im Besprechungsraum hat sein Geschäftsführer ihm die Situation aber „klar und deutlich aufgezeigt“. Kurz darauf, Ende Dezember 2025, habe er seine 20 Mitarbeitenden informiert: „Ich durfte aber nur den Ist-Zustand kommunizieren. Es wäre fatal gewesen, in diesem Moment Hoffnung zu schüren. Ich konnte mich nur hinsetzen und sagen: ‚Ich habe auch keine Erfahrung damit, ich weiß nicht, was hier passiert’.“
Dr. Tjark Thies von der Kanzlei Reimer, die mit 140 Mitarbeitenden auf Insolvenzverfahren spezialisiert ist, erklärt: „Die erste ist die Phase vor dem Insolvenzantrag. Die zweite ist das Insolvenzeröffnungsverfahren. Und die dritte ist das Insolvenzverfahren selbst. Die erste Phase ist die riskanteste für die Geschäftsführung, weil sie hier besonders viele Fehler machen und dafür später persönlich haftbar gemacht werden kann.“


Phase 2: Das Dazwischen
Fischer hat versucht, auf seine Weise Kontrolle in eine unkontrollierbare Situation zu bringen: „Ich habe die meisten unserer Kunden, Gläubiger und Lieferanten nacheinander persönlich angerufen und sie informiert.“ Am 22. Dezember 2025 beantragt die Agentur Voss+Fischer beim Amtsgericht Frankfurt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Im Januar 2026 tritt Fischer an die Öffentlichkeit, informiert mehrere Fachmagazine über seine Situation: „Das war auch ein Versuch, mit der Situation proaktiv umzugehen und die Deutungshoheit zu behalten.“
Zwischen Antrag und Eröffnung des Insolvenzverfahrens liegen höchstens drei Monate. Diese Zeit ist dazu da, um eine „Sanierung“ einzuleiten, wie es im Fachsprech heißt. Oder, einfacher gesagt: das Unternehmen zu retten. Insolvenzverwalter Thies nennt es „die interessanteste Phase, weil hier die Weichen gestellt werden“. Meist fährt er direkt nach dem Anruf des Gerichts zum Unternehmen, um „sich einen ersten wirtschaftlichen Überblick zu verschaffen und Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden beruhigend zu informieren.“ Claus Fischer hingegen beschreibt diese Zeit rückblickend als Rennen gegen die Zeit. Oder, bildlicher: „Das ist wie ein Ertrinkender, der versucht, an der Oberfläche zu bleiben, aber auch keinen Plan hat, wie er jetzt noch schnell schwimmen lernen kann.“
„Kreative Unternehmen wenden sich häufig erst in einer akuten Liquiditätskrise an mich“, sagt Ralf Strehlau, „also dann, wenn absehbar ist, dass Gehälter oder Sozialversicherungsbeiträge nicht mehr fristgerecht gezahlt werden können.“ Strehlau, studierter Betriebswirt, berät seit über 30 Jahren Unternehmen in, wie er sagt, „anspruchsvollen Veränderungsprozessen“. Dazu zählen etwa Firmen wie die Agentur Voss+Fischer. Doch warum suchen so viele Kreative erst Hilfe, wenn es fast zu spät ist? „Viele wollen die Lage nicht wahrhaben, hoffen bis zum Ende noch auf einen großen Auftrag“, erklärt Strehlau. Zudem fehlt in diesen Fällen oft betriebswirtschaftliches Wissen: „Es ist ein Grundproblem in der Kreativwirtschaft, dass die führenden Köpfe natürlich häufig Kreative sind, während die betriebswirtschaftliche Ausprägung in der Firma häufig unterrepräsentiert ist. Und die Steuerberatung hilft in solchen Fällen meist nicht weiter. “

Die gesamte Kreativbranche steht außerdem unter Druck. Selbst renommierte internationale Agenturen wie Kesselskramer aus Amsterdam meldeten dieses Jahr Insolvenz an. Strehlau und Insolvenzverwalter Thies sehen dabei die größte Bedrohung durch Künstliche Intelligenz: „Im Mittelstand nutzen mittlerweile viele KI, anstatt wie früher eine Agentur zu beauftragen“, sagt Strehlau. „Und dann gibt es natürlich noch die schwächelnde Wirtschaftskonjunktur. In vielen Fällen wird tatsächlich nicht mal das Insolvenzverfahren eröffnet. Das Unternehmen stellt seine Tätigkeit stattdessen sofort ein oder wird direkt abgewickelt.“ Thies wird noch deutlicher: „Die aktuelle Lage in der Kreativwirtschaft ist wirtschaftlich betrachtet wenig vielversprechend.“
„Die aktuelle Lage in der Kreativwirtschaft ist wirtschaftlich betrachtet wenig vielversprechend.“
Dr. Tjark Thies von der Kanzlei Reimer
Phase 3: Das Danach
Wenn Fischer sich heute an die Zeit des Insolvenzverfahrens erinnert, greift er oft zum anonymen „man“, statt „ich“ zu sagen. Fast so, als könne er immer noch nicht fassen, was ihm damals widerfuhr: „Man bewegt sich wie in einer Zentrifuge: Ununterbrochen passiert etwas Neues. Man hofft immer, dass sich irgendwo eine Tür öffnet – und kaum geht eine auf, schlägt die nächste wieder zu.“ Doch am Ende öffnete sich tatsächlich eine Tür. Über ein Insolvenzportal fand sich ein neuer Partner. „Ich bin im Mai 2026 mit einem Großteil des Teams zu einer anderen Agentur gewechselt. Das war ein unfassbares Glück.“ Was würde Fischer heute anderen Kreativen raten? „Aufs Bauchgefühl zu hören: Wenn du irgendwo Zweifel hast, hör’ darauf und schau’ genau hin. Und behaltet auch als Kreative die Zahlen im Blick.“
Was empfiehlt der Berater Strehlau Kreativen und Agenturinhabenden, damit es gar nicht erst so weit kommt? „Die Kreativbranche ist ein Asset-Light-Geschäft. Das heißt: Viele Studios und Agenturen bieten nur Dienstleistungen an und haben keine Warenbestände oder Ähnliches. Wenn ich aber nebenbei einen Onlineshop habe und Lizenzen – wie beispielsweise für Schriften – oder Waren vertreibe, ist das ein Geschäftsmodell, das krisenstabiler ist.“ Außerdem rät er Kreativen, sich zu vernetzen: „Man sagt ja immer, dass es gut ist, wenn man im Freundeskreis einen Rechtsanwalt und einen Arzt hat. Kreativen würde ich raten, diesen auch noch um einen BWLer zu erweitern.“


