
„Unser Design vermittelt zwischen Gegenwart und Zukunft”
Agile Robotspräsentierte jüngst seinen humanoiden Roboter, „Agile One” genannt. Im Gegensatz zu anderen Humanoiden ist sein Einsatz in industriellen Umgebungen geplant, in denen er mit Menschen und anderen Robotersystemen zusammenarbeiten soll. Dafür sorgte das Unternehmen für intuitive Kommunikation zwischen Mensch und Roboter, eine extrem präzise Roboterhand und ein KI-Modell, das auf realen Industriedaten trainiert wurde. So können die Roboter auch in unstrukturierten Umgebungen Material transportieren, Pick and Place-Vorgänge erledigen, Maschinen und Werkzeuge bedienen, oder präzise Manipulationsaufgaben ausführen.
Agile Robots ist eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Sitz in München. Produziert wird in einer neuen Produktionsstätte in Bayern. Das Design entsteht inhouse unter Leitung von Vincent Weckert.
Weckert hat an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert und in verschiedenen Agenturen gearbeitet, unter anderem bei frog, brains4design und Ideo. Seit Ende 2023 ist er in die Entwicklung bei Agile Robots involviert, zuvor war er als Designmanager bei Siemens in Nürnberg aktiv.
Herr Weckert, Sie gestalten Maschinen, die menschliche Physiognomien aufgreifen. Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?
Vincent Weckert: Es geht darum, die Balance zu finden zwischen der Gestaltung einer Hightech-Maschine und dem, was allein durch die Proportionen stark an uns Menschen erinnert. Ein humanoider Roboter ist nicht nur technologisch sehr komplex, sondern aufgrund der optischen Ähnlichkeit auch emotional herausfordernd für den Menschen. Unser Design zielt darauf ab, einerseits zugänglich und intuitiv zu sein, andererseits den technischen Aspekt zu transportieren.

Zu menschlich dürfen die Automaten vermutlich auch nicht werden, wie uns das Phänomen Uncanny Valley lehrt.
Damit haben wir uns natürlich intensiv beschäftigt und versuchen daher, eine abstrakte Menschlichkeit reinzubringen. Zum Beispiel durch das von uns etablierte ringförmige LED-Augenelement. Es erinnert an Augen und bietet einen optischen Anknüpfungspunkt, bleibt aber trotzdem sehr grafisch. Wir tappen also nicht in die Falle des Uncanny Valley. Der Kopf ist wahnsinnig emotional: Details verändern die Wahrnehmung relativ schnell. Deshalb haben wir uns auch bewusst gegen einen Mund entschieden und für eine weiße Fläche – eben weil eine Mundpartie schnell das Uncanny Valley provoziert. Im industriellen Kontext ist das Risiko vielleicht weniger ausgeprägt, aber im privaten Umfeld umso präsenter. In unserem Unternehmen haben wir all dies stark diskutiert und auch Feedbackschleifen gedreht, mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, um eine gewisse Diversität zu gewährleisten.
Wo beginnt man bei der Gestaltung eines Humanoiden?
Die technischen Komponenten bilden die zentralen Elemente: die Batterien, die Antriebe, die ich einbauen muss, um Leistung zu erzielen, und schließlich die Rechenleistung, damit die AI-Modelle auch lokal laufen können. Wir haben geschaut, wie wir diese Komponenten so arrangieren können, dass sich eine menschliche Silhouette herausbildet. Wir starten also relativ grob beim Gesamtprodukt und arbeiten uns dann in die Details vor. Ähnlich wie ein Bildhauer, der den anfänglichen Marmorblock immer weiter verfeinert.



„Unser Design vermittelt zwischen Gegenwart und Zukunft, daraus ergibt sich eine sehr spannende Beziehung.“
Vincent Weckert
Sie haben die technischen Vorgaben schon angesprochen. Wie stark begrenzen Ingenieurskunst und Physik Ihre Arbeit? Wo haben Sie überraschende Freiheiten?
Wir nehmen uns zunächst die Freiheit, alles zu denken, was wir wollen. Unsere Stärke ist, dass wir Dinge visualisieren können, die unter Umständen technologisch herausfordernd sind, dadurch aber Begehrlichkeiten wecken. Das vermittelt allen Beteiligten ein Bild dessen, wie das finale Produkt aussehen könnte. Wir tauchen teilweise tief in konstruktive Themen ein und versuchen, Engineering-Probleme auf eine andere Art und Weise zu lösen. Es gibt durchaus harte Diskussionen im Millimeterbereich – aber wenn es um die Sache geht, bringt uns das voran. Und am Ende muss ein umsetzbares Produkt stehen.
Humanoide Roboter sind Produkte ohne Vorbilder. Wo tanken Sie Inspiration?
Interessante Frage. Tatsächlich ist Science-Fiction eine Quelle unserer Inspiration. Wir diskutieren auch die extremen Techniken, die es da zu sehen gibt. Unser Design vermittelt zwischen Gegenwart und Zukunft, daraus ergibt sich eine sehr spannende Beziehung. Natürlich analysieren wir auch den Markt, schauen uns den Wettbewerb genau an.
Also geht es auch um Differenzierung?
Weil die Humanoiden relativ neu sind, sind die Marken und deren Designsprache noch gar nicht klar erkennbar – das werden wir erst in den nächsten Jahren sehen. Wenn unsere fünfte Generation auf den Markt kommt, wird man markentypische Unterschiede sehen.
Unser Hauptunterscheidungsmerkmal findet sich derzeit auf der funktionalen Ebene, denn wir sagen ganz bewusst, dass unser Einsatzgebiet die Industrie ist. Wir schielen nicht auf den privaten Bereich, sondern haben einen klaren industriellen Fokus, mit dem wir das Produkt optimieren.

Muss ein Roboter für das private Umfeld anders aussehen?
Das haben wir uns auch gefragt. Wir denken schon, dass er haptisch anders sein müsste. Jetzt ist das Produkt für den Einsatz in rauen Umgebungen konzipiert, mit harten, tauchbaren Plastikschalen. Für das private Umfeld könnte ich mir vorstellen, eher mit textilen Oberflächen zu arbeiten.
Und wie steht es um die Größe?
Wenn ein Roboter zu groß oder auch zu voluminös ist, wirkt er bedrohlich. Wir haben daher versucht, ein weltweit akzeptables Maß zu finden. Der Grundgedanke ist ja, dass der humanoide Roboter in die vom menschlichen Körper definierte Infrastruktur passt. Andererseits muss ein Humanoid im industriellen Umfeld auch eine gewisse Leistungsfähigkeit ausstrahlen. Er braucht eine gewisse Größe, eine gewisse Stabilität in den Proportionen, damit ich ihm zutraue, im Lager zu arbeiten. Das setzt eine gewisse Mindestgröße voraus. Außerdem: Soll die Maschine eine sinnvolle Betriebszeit erfüllen, muss ich eine gewisse Batteriegröße verbauen und erhalte ein entsprechendes Torsovolumen. In diesem Spannungsfeld zwischen Akzeptanz, industriellem Umfeld und technischen Anforderungen bewegen wir uns.


„Wenn ein Roboter zu groß oder zu voluminös ist, wirkt er bedrohlich.“
Vincent Weckert
Wie kommuniziert ein Roboter wie der „Agile One” mit seiner Umgebung?
Die Interaktion war und ist für uns ein zentrales Thema. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es eine multimodale Kommunikation geben muss. Gerade im industriellen Umfeld ist es akustisch oft schwierig, etwas zu vermitteln, also müssen die Informationen auch über andere Kanäle kommuniziert werden. Deshalb gibt es neben der verbalen Ein- und Ausgabe noch ein Display an der Schulter, sowie Lichtsignale, zum Beispiel per LED-Lichtband am Hinterkopf. So weiß ich als Mensch immer, ob ich schon in einem Gefahrenbereich bin, ob er mich erkannt hat, wenn ich mich dem Humanoiden von hinten nähere. Sind mehrere Humanoide im Einsatz, ist ein zentrales Steuerpult angedacht, das anzeigt, welcher Roboter gerade welche Aufgabe ausführt, wie der Batteriestatus ist und so weiter. Bei dem Brainstorming half uns eine UX/UI-Agentur, die Umsetzung fand bei uns inhouse statt. Ich glaube aber, bezüglich der Interaktion gibt es noch viel mehr zu erforschen …
Roboter werfen stets auch ethische Fragen auf. Wie gehen Sie damit um?
Wir sind uns der Verantwortung – die übrigens immer da ist, wenn man neue Technologien entwickelt – sehr bewusst. Es geht um Arbeitssicherheit, Datensicherheit und gesellschaftliche Auswirkungen. All das diskutieren wir intern. Und es gibt auch Grenzen: So hat das Topmanagement klar entschieden, dass wir keine militärisch motivierten Kooperationen eingehen oder unsere Produkte in diesem Bereich platzieren werden.
Wie reif ist das Design humanoider Roboter aktuell und wo sehen Sie noch Potenzial?
Wir bewegen uns in einem noch sehr frühen Stadium. Daher bin ich gespannt, wie sich das Design über die nächsten Roboter-Generationen verändern wird. Wenn unsere Akzeptanz ein anderes Level erreicht hat, könnten Humanoide beispielsweise deutlich technischer erscheinen oder andere Formfaktoren aufweisen, vier Arme zum Beispiel. Was das Thema Interaktion angeht, kann man, wie schon gesagt, noch viel mehr forschen. Hier sehe ich riesiges Potenzial und gleichzeitig die Verpflichtung, dies in Zukunft stärker zu adressieren.
Einen Humanoiden in dieser frühen Phase zu gestalten, ist schon eine ganz besondere Sache. Für unser Team ist das ein Once-in-a-Lifetime-Project. Einen Humanoiden in dieser frühen Phase zu gestalten, ist schon eine ganz besondere Sache. Und deswegen sind wir nach wie vor so begeistert von unserer Arbeit.

Über Vincent Weckert
Vincent Weckert hat an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studiert und in verschiedenen Agenturen gearbeitet, unter anderem bei frog, brains4design und Ideo. Seit Ende 2023 ist er in die Entwicklung bei Agile Robots involviert, zuvor war er als Designmanager bei Siemens in Nürnberg aktiv.


