Das Magazin des German Design Council
Giogia Lupi in ihrem New Yorker Büro, in dem aus Daten Geschichten entstehen. © Giorgia Lupi
Giorgia Lupi

Data Humanism

Giorgia Lupi gestaltet eindringliche visuelle Narrative, die in einer Welt algorithmischer Deutungshoheit Daten wieder mit dem verbinden, wofür sie stehen: Geschichten, Menschen, Ideen. Jetzt beleuchtet die Gallerie d’Italia in Vicenza in einer umfassenden Retrospektive ihren kreativen Prozess zwischen Forschung, Präzision und Poesie.

„Meine Besessenheit für Daten begann schon in der Kindheit, als ich die Inhalte des Schneidergeschäftes meiner Großmutter in Italien zählte und sortierte. Ich liebte es einfach, alles in diesem Laden zu organisieren – auch wenn die vagen Ordnungssysteme, mit denen ich Knöpfe und Bänder sortierte, nur in meinem Kopf existierten“, erzähltGiorgia Lupi. Wohl ein erstes Indiz für ihren strukturellen Blick auf die Welt, der während ihres Architekturstudiums am Politecnico di Milano in ihrer Leidenschaft für City Mapping resultierte. 2011 wurde sie Mitgründerin des Studio Accurat (Mailand/New York), das sich durch datenbasierte Designlösungen für namhafte Unternehmen auszeichnet. Seit 2019 ist die vielprämierte Informationsdesignerin Partnerin bei Pentagram New York.

Die Vermessung des Menschlichen

Im Zentrum von Giorgia Lupis Arbeit steht die einleuchtende wie radikale These: Daten sind nie neutral. Sie sind eine Abstraktion der Realität, erzeugt durch Auswahl, Perspektive und menschliche Entscheidungen. Wo technokratische Dashboard-Standards simplifizieren und pseudo-faktisch Autorität suggerieren, will Giorgia Lupi die Darstellung von Daten verdichten – um Kontext, Emotionen und Widerspruüche. Quantitative und qualitative Informationen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Der Prozess der analogen Visualisierung wird damit zu einer Form des kognitiven Durchdringens der Realität.

„Mit Daten zu arbeiten bedeutet, das Abstrakte und Unzählbare so zu gestalten, dass es sichtbar und greifbar wird und direkt wieder mit unserem Leben und Verhalten verbunden werden kann.“
Giorgia Lupi

Wegbereitend für ihr 2017 erstmals veröffentlichtes „Data Humanism Manifesto“ war das Projekt „Dear Data“, welches Lupi ein Jahr vorher gemeinsam mit Stefanie Posavec realisierte. Über 52 Wochen hinweg sammelten die beiden Designerinnen persoönliche Daten – etwa über Begegnungen, Gefühle oder Gewohnheiten – und interpretierten sie infografisch in handgezeichneten Postkarten, die sie sich gegenseitig zuschickten. Diese flossen später in die Sammlung des Museum of Modern Art ein.

Steht Lupis Vorgehensweise auch in einer Gestaltungstradition, die bis zu den kartografischen Experimenten eines Kevin Lynch zurückreicht – erweitert sie die kulturelle Praxis um eine persönliche und hochästhetische Dimension. Beispielhaft ist ihr frühes, mit der Musikerin Kaki King realisiertes Projekt „Bruises – The Data We Don’t See“. Medizinische Daten der Autoimmunerkrankung von Kings’ Tochter übersetzt sie in blütenähnliche Visualisierungen und verwischt somit die Grenzen zwischen Information und Empfindung. 
 

Autobiografische Kartographie

Ähnlich verarbeitete Giorgia Lupi auch ihre eigenen Erfahrungen: Als sie 2020 eine Long-COVID-Diagnose erhält, dokumentiert sie vier Jahre lang akribisch ihre Symptome – erfasst in vielfarbigen Pinselstrichen und Linienverläufen, symbolische Elemente markieren Arzttermine, Therapien, Tests. Diese Daten teilt sie sowohl mit Ärzten als auch mit ihrem Team. Entstanden ist ein schmerzliches wie lyrisches Protokoll, das 2023 mit dem Titel „1374 Days - My Journey with Long Covid“ als Visual Essay in der New York Times veröffentlicht wurde und vergangenes Jahr den Compasso d’Oro erhielt. Könnte Data Humanism neue Formen der Wissensproduktion möglich machen? Ja, so der Standpunkt von Lupi. Wiederum sollten Unternehmen, die Informationen von uns sammeln, diese ebenso mit uns teilen.

Auch das „Book of Life“ entfaltet sich als introspektive Handarbeit. Für das Projekt – eine Kooperation mit der Moleskine Foundation – zerlegte sie drei Notizbücher, vernähte sie zu einem Leporello und setzte für jeden einzelnen Tag (bis zu ihrem 40. Geburtstag) einen weißen Fadenstich. Einige der 14.496 Markierungen sind farbig überstickt und lassen sich als ein bedeutendes Ereignis auslesen.

„Daten können eine Linse, ein Filter sein, um die Geschichten einer Marke, einer Institution oder einer Community zu entschlüsseln – und zugleich ein Gestaltungsmaterial für Kommunikationsdesign-Projekte verschiedenster Art.“
Giorgia Lupi

Vom Datensatz zum Designobjekt

Wie kommen die drei Pionierinnen der Wissenschaften Ada Lovelace, Rachel Carson und Mae Jemison in der Kleidung des Modelabels & Other Stories zur Geltung? Anhand ihrer biografischen Daten, die Giorgia Lupi in Muster  und Applikationen verwandelt.

Das Potenzial sublimierter Datengrafik zeigt das Team um Lupi ebenso in der Kooperation mit der mallorquinischen Fliesenmanufaktur Huguet: die 24 Préludes von Chopin wurden hierbei in eine Fliesenkollektion transponiert.

Für den Teppichhersteller Well Woven tauchten sie in eine tiefe Recherche zu jahrtausendealten, verschollenen oder vom Aussterben bedrohten Textiltechniken ein. Unter dem Titel „Unraveling Stories“ entstand eine Serie von Teppichen, die 59 Traditionen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt widerspiegeln. Die aus den Datensätzen generierten grafischen Strukturen codieren Informationen über Material, Verfahren und Herkunft. Formal knüpft das Projekt an die modernistischen rasterbetonten Webarbeiten von Anni Albers aus den 1930er-Jahren an.

„Meine persönliche Überzeugung ist, dass Daten eine Sprache sind. Sie sind ein Lexikon, um Zugang zur gesamten Komplexität menschlicher Ideen, Geschichten und Verhaltensweisen zu erhalten. Es ist ein Vokabular, das jeder nutzen und verstehen kann. Wenn wir lernen, Daten wirklich zu ‚sprechen‘, können wir neue Bedeutungswelten über uns selbst, andere und alles um uns herum erschließen.“
Giorgia Lupi

Raum für Interaktion

Ein wichtiger Teil von Lupis Praxis sind kollektive und partizipatorische Formate von Datenerfassung und Visualisierung – analog wie digital. In „Telling My Story Through Data“ erfassten junge Menschen ihre Erfahrungen während ihres Besuchs im Cooper Hewitt Smithsonian Design Museum mit farbigen Bändern auf einem Tableau.

Ein 30 Meter langer handgearbeiteter Wandteppich zog sich durch „The Room of Change“ während der 22. Mailänder Triennale. Er zeigt, wie sich Umweltfaktoren über Jahrhunderte hinweg verändern und fordert den Betrachter auf, sich anhand eines Infodisplays 
hineinzuzoomen – im Sinne von „Slow Data“ bewusst zu rezipieren.
2025 realisierten Giorgia Lupi und Pentagram die visuelle Identität für die 24. Mailänder Ausstellung zum Thema soziale Ungleichheit. Das flexible auf Statistiken beruhende Designsystem für „Inequalities“ führt Besucher*innen durch die Triennale zu globalen Herausforderungen wie Bildung, Migration und Klimawandel. Mit letzterem setzte sich das Kreativteam auch im Rahmen von „Climate Tech Map“ auseinander. Die interaktive Plattform bündelt über zweitausend Klimaschutztechnologien. Das Konzept: Sie soll als Werkzeug Orientierung in einem schnell wachsenden Innovationsfeld schaffen und Fortschritt, Potenziale und Lücken der globalen Energiewende sichtbar machen.
 

Daten mit Zukunft

Die Relevanz von Giorgia Lupis Arbeit wird weniger durch die Erzeugung einer neuen Ästhetik sichtbar, sondern indem sie eine neue Verantwortung konturiert im Kontext einer Gesellschaft, in der Daten maßgeblich unser Handeln und unsere Kommunikation bestimmen. Wer sie gestaltet, gestaltet auch Realität. Eine Wirklichkeit, die mit präziser Analyse und intuitiver Gestaltung erfahrbar gemacht werden kann.

Vielleicht ist die bedeutendste Verschiebung, die Data Humanism bewirkt, die in der Ausstellung „Giorgie Lupi. L’umanesimo dei dati”  in den prächtigen Barocksälen des Palazzo Leoni Montanari deutlich wird: Daten werden nicht länger als Endpunkt verstanden. Sie sind  ein  Ansatzpunkt und somit etwas, das interpretiert, hinterfragt und weitergedacht werden muss.

Ausstellung

Giorgia Lupi. L'umanesimo dei dati

30. April – 2. August 2026

Intesa Sanpaolo Gallerie d’Italia – Vicenza
Palazzo Leoni Montanari

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Buch

Speak Data – Artists, Scientists, Thinkers, and Dreamers on How We Live Our Lives in Numbers

Giorgia Lupi, Phillip Cox
Chronicle Books
ISBN: 9781797230276

Ausgehend von Giorgia Lupis Arbeit sprechen 17 Persönlichkeiten, darunter John Maeda, Seth Godin und Paola Antonelli über die Bedeutung von Daten.

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