Das Magazin des German Design Council
In der Halle 6.1 der Orgatec zeigten sich die großen Büromöbelhersteller mit auffallend wohnlichen Ständen © Orgatec
Orgatec 2026

Mit Farbe gegen die Flaute

MesseNew Work
Nachdem sich die Dynamik im Office Design-Bereich verlangsamt hat, zeigten die Büromöbelhersteller auf der Orgatec in Köln, wie das Gegenmittel aussehen könnte: Mit einer Fülle an Farben und einem Gefühl von Geborgenheit mit weichen Formen, soften Textilien und Polstern.

Dass auf der Orgatec in Köln einiges los sein würde, ließen im Vorfeld bereits zahlreiche  Einladungen erahnen. Neben den Ausstellern mit ihren Neuheiten lockten Experten-Talks auf die Messe und in die Design Post. Auch auf der parallel stattfindenden idd cologne, dem Event in der Stadt, wurde zu Cocktails und Vernissagen geladen. Denn seit die imm cologne, ebenfalls von der Koelnmesse organisiert,  in der Krise steckt, setzt man vermehrt auf die Orgatec, die – so die Hoffnung – Teile der Möbelmesse auffangen soll, vor allem hochwertige Aussteller aus dem Wohnmöbelbereich. Soweit der Prolog.

Im Büro wie zuhause

Der Office-Bereich hat dynamische Zeiten hinter sich: Durch New Work und das pandemiebedingte hybriden Arbeiten mussten sich Arbeitgeber etwas überlegen, um die Arbeitnehmenden wieder ins Office zu locken. Viele taten das mit einem neuen Office-Design, das einerseits „wie daheim“ daherkommt,  andererseits flexibler bespielt werden kann, um neue, agile Arbeitsformen zu fördern. Mitarbeitende sollten sich nicht mehr wie im Office fühlen, sondern wie im angesagtesten Coffee Shop der Stadt. Diese Dynamik ist nun ins Stocken geraten, der Markt angesichts von Inflation,  Energiepreisen, Strafzöllen und düsteren Zukunftsaussichten mehr als angespannt.

Überschaubarer, aber stark

Dass die Messe kleiner als sonst ausfiel und Hersteller fernblieben, scheint da nur eine logische Konsequenz.  In Gesprächen wurde es dennoch oft dem Veranstalter angelastet. Es ist auch hier wie mit dem Wasserglas: Die einen sagen, es sei halbvoll, die anderen halb leer. Fest steht, dass durchaus große Hersteller auf der Orgatec präsent waren: die klassischen Büromöbler Bene, Brunner, NowyStil mit Kusch+Co, Interstuhl oder Sedus, dazu die Designmarken Muuto, Blå Station, Freifrau oder COR. Vermisst wurden fast immer die Gleichen: Assmann, König + Neurath, Vitra, Walter Knoll und Wilkhahn. König + Neurath begründete die Abstinenz im Vorfeld damit, mehr in Formate investieren zu wollen, „die einen besonders direkten Zugang zu definierten Ziel- und Entscheidergruppen ermöglichen“. 

Das Startup Studiotools hat sich für den „HighLowTable“ mit dem Kölner Designduo Kaschkasch zusammengetan© Studiotools
Konferenz- und Drehstuhl VEOH von Interstuhl© Interstuhl
Wilkhahn zeigte ein Update des „WiChair“ aus Polyproplyen-Rezyklat im machwerkhaus im Rahmen der idd cologne © Wilkhahn
GRAU zeigte neue Varianten der „Team“-Serie – hier als Klemmleuchte© GRAU
Produktfamilie B_WAVE von Bene© Bene GmbH
Pixel In Colour von Bene© Bene GmbH

Goodbye Design Post

Auch über die Design Post, gleich neben dem Messeeingang Ost, wurde viel diskutiert, denn das in der Community einst so beliebte Showroom-Konzept für Designmarken, das seit 20 Jahren in den ehemaligen Hallen des Paketpostamts residiert, fand zuletzt nur noch wenig Anklang. Ende 2026 ist die Design Post in dieser Form Geschichte und die Koelnmesse übernimmt den Standort – mit einem noch nicht näher bekannten Konzept. Zur Orgatec waren die meisten der angestammten Aussteller zwar nicht mehr vor Ort, dafür jede Menge neuer Brands, auch „aus der zweiten Reihe“, was dem Blick über den Tellerrand nicht unbedingt schadete. Wie auf der Messe herrschte auch hier geschäftiges Treiben.

Lifestyle Office-Partner

Ob in der Design Post oder auf der Orgatec: Schwarzweiße, kühle Büroästhetik suchte man vergeblich. Die Hersteller setzen durchweg auf Farbe, Design, Wohnlichkeit und kuschelige Materialien. Die namhaften Marken haben ihre Kollektionen überarbeitet und stellten sich nun als konzeptionelle Lifestyle Office-Partner vor. Passend dazu holen sich die klassischen Büromöbler immer mehr Designer*innen aus dem Wohnmöbelbereich an Bord – etwa Sebastian Herkner (Brunner, Buzzi Space) oder Doshi Levien (Arper, Brunner). Daran muss man sich gewöhnen, war man doch von ihnen eher Themen wie Ergonomie, Effizienz und Standards gewohnt. Doch allein mit Funktion ist im Office-Bereich nicht mehr viel zu holen. 

Farbe voraus

So zeigte Sedus ein Farbkonzept, das auf spezielle Arbeitsbereiche zugeschnitten ist – softes Rosé etwa für Focus & Retreat oder Mintgrün für Workshop & Meeting. Interstuhl überraschte nicht nur mit einem aufgefrischten Markenauftritt und überarbeiteten Farben, sondern auch mit dem neuen Stuhl VEOH aus der Feder von Phoenix Design, dessen sinnliche Gestaltung mit dem German Design Award 2027 ausgezeichnet wurde. Leo Lübke, CEO von COR und Präsident des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie, bestätigt den Trend zur Farbe: „Für den Objektbereich wird mehr Farbe nachgefragt als für Zuhause.“ 

„Für den Objektbereich wird mehr Farbe nachgefragt als fürs Zuhause.“ 
Leo Lübke, CEO von COR und Präsident des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie
 

Soft Seating weiter im Fokus

Die Nase vorn bei den Farbkonzepten dürften allerdings Hersteller aus Spanien, Italien und der Türkei haben – auf der Orgatec und in der Design Post etwa vertreten durch Actiu, Arper, Dieffebi, Mara oder Nurus. Die gezeigten Farbkompositionen fügen sich perfekt in die herbstliche Stimmung ein: softe Rot- und Gelbtöne, dazu Burgund, Salbeigrün oder Taubenblau, entweder tonal abgestuft oder in ausgesuchten Kontrasten. Das alles gerne weich gepolstert, die Arbeitswelt ist schließlich hart genug. Der Soft Seating-Bereich, also dort, wo informelles Arbeiten passiert, auf gemütlichen Lounge-Sesseln, Bänken und Highback-Sofas, ist weiterhin im Fokus. Und damit alles harmoniert, werden ganze Linien und Möbelfamilien präsentiert, die man gut kombinieren kann. Das singuläre Bürostuhldesign war gestern. 

 

Skulpturale Filzabsorber

Textilien sind ein großes Thema auf der Orgatec, nicht nur für Bezüge, sondern auch in Form von dringend benötigten Schallabsorbern. Bei den Produkten für Raumakustik sind der Fantasie offenbar keine Grenzen gesetzt. An den Ständen von Herstellern wie Buzzi Space, Feltouch, JAB Anstoetz, Hey Sign oder Slalom geriet man regelrecht in Staunen.  Skulpturale Lampenkörper, Decken- und Wandbehänge aus Filz, Paneele und Paravents jenseits starrer Langeweile. Das absolute Highlight in Sachen Akustikpaneelen dürfte die Neuauflage der Spiegel Panels von Verner Panton sein, die der schwedische Anbieter Offecct, Teil der Flokk Gruppe, aufgelegt hat – eine Reedition aus der ehemaligen SPEGEL-Kantine. 

 

Siegeszug der Pods

Akustik ist generell eines der treibenden Themen, denn in den Open Spaces der Büros herrscht spätestens seit Ende der Pandemie mit den zunehmenden Video Calls eine enorme Geräuschkulisse. Das Resultat: Man holt sich die Ruhe in Form von sogenannten „Pods“ ins Büro – eine Art Telefonbox, die akustisch von der Außenwelt abgeschirmt ist und mit viel Hightech aufwartet. Neben Unternehmen der ersten Stunde wie Framery aus Finnland gibt es mittlerweile eine ganze Reihe an spezialisierten Pod-Anbietern, etwa Silen aus Finnland, Berlin Acoustics aus Deutschland oder Hushoffice aus Polen. 

Zirkuläre Heimvorteile

Am Rande der Messe wurde noch etwas deutlich: Circular Design ist längst im Office-Bereich angekommen. So bieten COR („CORever“), Brunner („ReNew“) und Sedus („Sircle“) Rücknahme- und Aufbereitungsprogramme an – nicht nur für ihre eigenen Möbel, sondern auch für Fremdmarken. Mit CIRI, der Circular Interior Alliance, gibt es sogar eine Initiative, in der sich verschiedene Hersteller wie Ege, Kvadrat, Vepa und Vitra zusammengeschlossen haben, um von dem Netzwerk zu profitieren. Solche zirkulären Wertschöpfungssysteme funktionieren vor allem dann, wenn man vor Ort eine eigene Produktion hat – und das ist bei klassischen Büromöbel-Herstellern gar nicht so selten. So arbeiten bei Brunner rund 500 Menschen am Standort in Rheinau, bei der Sedus Stoll-Gruppe verteilen sich rund 1.000 Mitarbeiter auf deutschlandweit drei Werke (inklusive Klöber) und bei COR in Rheda-Wiedenbrück arbeiten rund 220 Personen. Für all jene, die dem Heimatstandort treu geblieben sind, scheint sich diese Strategie nun auszuzahlen.     

Built to Last

Wer nach der Messe noch Zeit hatte, der machte sich zum machwerkhaus auf, einem neuen Standort der idd cologne im Kölner Stadtteil Kalk. Dort entdeckte man in der vom KAP Forum kuratierten Ausstellung Built to Last etwa Nils Holger Moormann mit einer urigen Möbeltestmaschine wie aus dem vorherigen Jahrhundert oder Wilkhahn mit seinem formschönen WiChair.     

In Summe geht man heute mit gut gefüllten Katalogen, frischen Eindrücken und neuen Kontakten zurück ins Tagesgeschäft. Die Flaute bleibt vorerst, doch die Farbe ist zurück – und mit ihr die Lust auf das Büro  

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