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Louise Burgeois‘ Spinnenskulptur vor Peter Zumthors gerade eingeweihtem Erweiterungsbau der Fondation Beyeler. Der Baukörper steht etwas abseits des Hauptgebäudes inmitten des Parks © The Easton Foundation / 2026, ProLitteris, Zürich, Foto: Iwan Baan
Architektur als Haltung

Peter Zumthor baut auf Zeit

Architektur
Zwei neue Kunsthäuser in Riehen und Los Angeles, Wim Wenders’ 3D-Dokumentation „From Inside Out“: Peter Zumthor steht 2026 so sichtbar im Zentrum wie selten zuvor. Sein Werk zeigt, warum Material, Handwerk und die genaue Erfahrung eines Ortes auch im digitalen Zeitalter berühren.

Nun ist Peter Zumthor, 83, auch noch Filmstar. 14 Jahre hat Wim Wenders an seiner 3D-Dokumentation „From Inside Out“ über den Ausnahmearchitekten gearbeitet, die demnächst ins Kino kommt. Wenders enthüllt keine Geheimnisse, aber er öffnet den Blick auf einen Menschen, der trotz vieler Widerstände an seiner Art zu bauen festgehalten hat. Deutlicher denn je wird dabei die Rolle von Annalisa Zumthor-Cuorad (1947–2026) sichtbar, die als Architektin und Ehefrau, Schriftstellerin und ehemalige Direktorin der Therme Vals erste Ansprechpartnerin, Ratgeberin und Ruhepol des Stararchitekten wider Willen war. 

In der vielleicht eindrücklichsten Szene des Films dankt ihr Zumthor. Ihr, die seit 2014 wegen einer Autoimmunkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen war. Sie nickt nur und sagt mehrfach „Ja.“ Aber in dieser Antwort steckt alles – für Wim Wenders, wie er in einem Gespräch schildert, sogar jener Antrieb und Mut des Architekten, nur noch das zu bauen, was aus ihm selbst kam, also Vorbilder wie Louis Kahn und Oscar Niemeyer fahren zu lassen.

Vom Schutzhaus in Chur zur Therme Vals

Konsequent wurde das Frühwerk aus der Chronologie verbannt: Der Film setzt 1986 ein mit dem Schutzhaus für römische Bauten in Chur, einem einfachen Gebäude aus Holz. In schneller Folge kommen jene Ikonen, die Zumthor auf die Bühne der internationalen Architekturszene katapultieren, allen voran die Therme Vals (1996) und das Kunsthaus Bregenz (1997), während der Schweizer Pavillon der Weltausstellung Hannover (2000) seltsamerweise fehlt, ein Labyrinth aus Holz, das vollständig abgebaut und recycelt wurde. In ihm zeigt sich das, was der Kontrabassist und Jazzer direkt oder indirekt immer betonte: Architektur ist eine Form von Schwingung. Besucher*innen bewegten sich hier zwischen geschichteten Hölzern und folgten den Klängen der Live-Musik aus dem Inneren. „Klangkörper Schweiz“, obwohl nicht Teil des Films, könnte als Schlüssel zu Zumthors sensorischer Architektur gelten.
 

2026 kamen zwei Bauten hinzu, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Die introvertierte Erweiterung der Fondation Beyeler in Riehen und das gigantische, amöbenhafte LACMA mitten in Los Angeles. An der amerikanischen Westküste entwarf Zumthor nicht irgendein Museum. Mit seinen rund 155.000 Objekten ist das LACMA das größte Kunstmuseum im Westen der Vereinigten Staaten. Die im Sommer eröffneten neuen David Geffen Galleries at LACMA ersetzen vier Gebäude des East Campus (Ahmanson, Art of the Americas und Hammer Buildings, Leo S. Bing Center) und schließen 17 Jahre Arbeit ab. Er habe von Anfang an gewusst, dass Peter Zumthor zu den langsamsten Baumeistern der Welt zähle, sagte Museumsdirektor Michael Govan einmal über seine Wahl des Schweizers und klang durchaus erleichtert, dass das Projekt abgeschlossen wurde.

Warum Zumthor-Bauten Zeit brauchen

Warten gehört zu einem echten Zumthor-Bau, denn Zeit schreibt sich in seine Bauten anders ein. Während ein Großteil der Bauwelt auf schnelle Fertigung setzt und zunehmend modular arbeitet, denkt der Schweizer immer in Einzelstücken vor Ort, was nicht heißt, dass er gelungene Lösungen nicht für das nächste Gebäude übernimmt. So findet sich der Kolumba-Handlauf etwa in der Erweiterung der Fondation Beyeler in Riehen wieder. Auch das ist Weiterbauen.

Vor 17 Jahren, 2009, erhielt Zumthor den Pritzker-Preis, für viele eine Art Nobelpreis für Architektur. Zeitgleich gab er dem „Standard“ ein recht offenherziges Interview: Dienstleister sei er nicht und wolle das auch nie sein. „Ich bin eher eine Art Autor. Gern vergleiche ich mich auch mit einem Komponisten und Dirigenten. Ich liefere die Partitur, doch ohne meine 100 bis 500 Supersolisten komme ich nicht weit. Was ich damit sagen will: Schlussendlich ist das, was ich mache, eine baukünstlerische Arbeit.“ Dieser Ansatz – manche werden sagen: diese kompromisslose Härte – hat dem gelernten Tischler, der seine Ausbildung in der Werkstatt des Vaters in Basel absolvierte, nicht nur Freunde eingebracht (erwähnt sei nur die Kontroverse um das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“), sondern auch die höchsten Auszeichnungen, die es im Bereich Architektur zu erlangen gibt, darunter das Praemium Imperiale und die Royal Gold Medal des Royal Institute of British Architects.

Panoramascheiben erlauben kontemplative Ausblicke in den Park und fluten das Innere mit TageslichtFoto: Mark Niedermann
Installationsansicht „Constellations”. Das erweiterte Ensemble der Fondation Beyeler, Wyss Museum von Atelier Peter ZumthorFoto: Mark Niedermann
Installationsansicht „Constellations”. Das erweiterte Ensemble der Fondation Beyeler, Wyss Museum von Atelier Peter ZumthorFoto: Mark Niedermann
Installationsansicht „Constellations”. Das erweiterte Ensemble der Fondation Beyeler, Wyss Museum von Atelier Peter ZumthorFoto: Mark Niedermann

Warten gehört zu einem echten Zumthor-Bau,
denn Zeit schreibt sich in seine Bauten anders ein. 

Wenige Bauten, große Wirkung

Zumthor hat wenig gebaut, dafür aber intensiv. Und diese Konzentration auf das Wenige machte besondere Bauten möglich und bildete zugleich die Voraussetzung für seinen stetig steigenden Ruhm. Zumthors Selbstverständnis und Anspruch sind nicht weniger als Ort und Bauwerk in der Landschaft abschließend zu verbinden. Dabei hilft es zu wissen, dass Zumthor zunächst  als Denkmalpfleger des Schweizer Kantons Graubünden tätig war, bevor er 1978 sein Architekturbüro in Haldenstein gründete, den Blick also in den Schacht der Zeit richtete, bevor er eigene Perspektiven aufriss. Zumthor baut (auf) Zeit, aber nur indirekt innerhalb der Zeitläufe. 

Auch Wim Wenders’ filmische Dokumentation „From Inside Out“ entstand nicht über Nacht, sondern als langsame Annäherung an das Denken des Schweizers. „Ich kannte seine Texte, bevor ich ihn traf“, sagt Wenders. „Besonders ‚Atmosphären‘ war für mich ein legendäres kleines Stück. Was er über Architektur schreibt, hat wenig mit Architektur zu tun: Wie sich eine Türklinke anfühlt oder wie ein dunkler Gang, der in eine Küche führt, bereits Architektur ist.“

Ein Gegenentwurf zur digitalen Beschleunigung

Ganz ähnlich ist der Film angelegt, als atmosphärische Annäherung an Zumthors Art zu bauen. Der Architekt verleugnet seine Herkunft aus dem Handwerk nicht. Er baut auf Materialität, Masse und Maßstab. Zumthor kann darauf vertrauen, dass Dinge altern und schert sich keinen Augenblick darum, womöglich als antiquiert zu wirken. Im Gegenteil: Seine Art zu bauen ist durchaus anschlussfähig an die Diskurse unserer Zeit. Schließlich liefert er einen Gegenentwurf zu Beschleunigung und digitaler Allverfügbarkeit. Zumthor setzt auf einen konkreten Ort, auf bewährte Materialien und auf Handwerk. Er schichtet Zeit und macht sie sichtbar. Damit pflegt er etwas, was nicht gänzlich erklärt werden kann: Aura, Spiritualität, Transzendenz  … es gibt dafür viele Umschreibungen. Solche Bauten ziehen wiederum Menschen an, die  bereit sind, sich auf einen Ort einzulassen.

Diese altertümliche Form von Präsenz, die unmittelbar berührt, ist etwas, was im radikaldigitalen Zeitalter notwendigerweise zu kurz kommt: handwerkliche Meisterschaft, die Anwesenheit von Material und die Spuren menschlicher Arbeit. Abweichungen und scheinbare Unvollkommenheiten sind für Zumthor ein Geschenk. Ihm gehe es nicht darum, publiziert zu werden, meinte er einmal, sondern darum, dass seine Bauwerke berührten. Dahinter steht der Anspruch, Orte und Dinge zu schaffen, die über das Materielle hinausgehen, eine seltsame Koinzidenz im digitalen KI-Zeitalter, das genau das für sich beansprucht, aber zu gegensätzlichen Antworten gelangt. Was berührt uns, wo fühlen wir uns wohl? Peter Zumthor hat darauf seine Antwort gegeben.

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