
„Politiker*innen haben ein Design-Problem”

„Design for Democracy“: So lautet das Motto der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain, in deren Rahmen ihr auch die Ausstellung macht. Schwer verdauliches Thema …
Friedrich von Borries: Ich finde, das ist ein ganz zentrales, wichtiges Thema. Wenn man in die Geschichte der Gestaltung der Moderne geht, dann ging es immer darum, Lebensverhältnisse zu verbessern – häufig, um den Komfort zu erhöhen. Seit einigen Jahren sind wir zumindest hier im Westen an einem Punkt angekommen, an dem man den Komfort nicht mehr signifikant erhöhen kann. An dem Lebensqualität vielleicht woanders entsteht, zum Beispiel durch Teilhabe, die Sicherung der demokratischen Errungenschaften, et cetera. Aus dem Verständnis heraus, dass Design den Lebensalltag von Menschen verbessert, ist es total logisch, dass sich Design auch mit Demokratie befasst.
Die Ausstellung „Adler, Orden, Wahlurne. Redesigning Democratic Representation“, die am 27. August im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main eröffnet, ist Teil eines größeren Forschungsprojektes an der HFBK Hamburg, an der du als Professor lehrst. Wie seid ihr auf das Thema gekommen?
Das Verhältnis von Design und Politik beschäftigt mich schon lange. Durch Philipp Cartier, der auch in diesem Projekt mitarbeitet, habe ich Sven Siefken, Politikwissenschaftler an der Hochschule des Bundes für Verwaltung in Brühl, kennengelernt. Wir fanden uns sympathisch und haben gesagt, okay, lass mal schauen, ob wir nicht mal ein Forschungsprojekt zusammen machen können. Dann kam kurz darauf eine Ausschreibung von der Volkswagen-Stiftung, die nach Projekten suchte, die sich mit der Stabilisierung oder Sicherung der Demokratie auseinandersetzen. Jetzt sitzen wir seit zweieinhalb Jahren dran, mit Philipp Cartier und Juliane Baruck.
Dein Credo ist: Design ist immer politisch. In den meisten Fällen ist es aber einfach eine Dienstleistung. Haben Designer*innen wirklich Einfluss auf politische Mittel und Prozesse?
Design wird in politischen Prozessen auf ganz vielen Ebenen genutzt, ob das jetzt ein Wahlplakat ist oder was wir mit der Wahlurne verbinden. Oder die Dramaturgien der Inszenierung einer Machtübergabe. Bei uns ist das ja relativ pathosfrei, aber in den USA ist das eine riesige Show. Das ist natürlich gestaltet. Unsere Kompetenzen als Gestalter*innen werden in der Politik genutzt, gebraucht, verwendet. Mal nicht auf dem neuesten Stand, mal ein bisschen hilflos, mal sehr gezielt und gekonnt. Und darüber sollten wir als Gestalter*innen zumindest reflektieren. Und wenn man ein Wahlplakat als die gleiche Dienstleistung versteht, wie die Gestaltung einer Werbebroschüre, dann sind wir beim Kern des Problems. Wir verstehen nicht wie man politische Kommunikation gestalten sollte, damit sie gelingt. Teil der Politikverdrossenheit ist schließlich auch, dass viele Leute das Gefühl haben, ihnen wird ein Produkt verkauft.
„Es ist nur logisch, dass wir uns als Gestalter*innen mit Demokratie befassen müssen.”
Prof. Dr. Friedrich von Borries


Ihr greift in der Ausstellung Dinge wie die Wahlurne, den Bundesadler oder das Bundesverdienstkreuz auf …
Wir haben Beispiele ausgesucht, die sofort klarmachen: Demokratie kann man auch gestalten. Es sind Symbole der Demokratie wie die Wahlurne. In vielen Kommunen wirft man den Stimmzettel in eine umfunktionierte Mülltonne. Jeder Mensch, der danach das Gefühl hat, meine Stimme ist nichts wert, den kann man verstehen. In einem Wettbewerb haben wir deshalb die Frage gestellt, wie man die Wahlurne anders gestalten könnte. Das zweite Beispiel ist der Verdienstorden des Bundes, eine ganz tolle Errungenschaft. Umgangssprachlich heißt er Bundesverdienstkreuz. Ein christliches Symbol, das nicht mehr für alle passt und vor allem in seiner Geschichte eine militärische Ehrung ist. Und da kann man fragen: Ist das wirklich das Richtige? Und das dritte Beispiel ist unser Wappentier, der Adler, ein Raubvogel. Historisch auch instrumentalisiert. Man denke an die Symbolik des Adlers im Dritten Reich, der in seinen Krallen das Hakenkreuz hält. Er wurde dann ja umdesignt, in die sogenannte fette Henne, träger und pummeliger. Aber muss es überhaupt noch der Adler sein? Mit diesen Beispielen versuchen wir etwas anzustoßen: Nämlich, demokratische Repräsentation nutzt Design, vom Wahlkreisbüro, der alltäglichen Kleidung, über Inszenierung, Veranstaltungen, Flyer, Kugelschreiber, Stände bis hin zu Social Media. Darüber wollen wir ein Handbuch machen.
Ihr begleitet für „ReDeRe“ auch drei Bundestagsabgeordnete, um zu beobachten, wie sie Design nutzen …
Armand Zorn von der SPD, den wir begleiten, ist einer der wenigen Schwarzen Bundestagsabgeordneten. Sein Problem: Er vertritt seinen Wahlkreis Frankfurt am Main, ist aber Projektionsfläche für die ganze Black-Community in Deutschland. Ein anderes Beispiel, Hanna Steinmüller von den Grünen, ist die erste Bundestagsabgeordnete, die mit ihrem Baby im Bundestag eine Rede gehalten hat, was man eigentlich nicht darf, weil ja nur gewählte Abgeordnete in den Bundestag dürfen. Es gibt im Bundestag auch keine Wickelräume und so weiter. Dann haben wir den CDU-Politiker Sepp Müller aus Sachsen-Anhalt. Politiker wollen ja immer Volksnähe demonstrieren und machen deshalb auf ihren Veranstaltungen Selfies mit Menschen. Den Abgeordneten kennen alle, aber er selbst kann nicht immer wissen, mit wem er sich ablichtet und ob darunter nicht auch mal rechtsextreme Menschen sind, die mit solchen Fotos dann Geschichten erzählen. Sie haben alle Designprobleme.
Das Thema Design und Politik beschäftigt dich schon seit langem: mit „Updating Germany“ bei der Architekturbiennale, mit den Büchern „RLF. Das Richtige Leben im Falschen“ und „Weltentwerfen“. Dann mit der Ausstellung „Politics of Design, Design of Politics“ in der Neuen Sammlung. Du wechselst zwischen Formaten wie Buch, Fiktion, Lehre, Wissenschaft und Ausstellung. Was erhoffst du dir von „ReDeRe“, was die anderen Projekte nicht leisten konnten?
Alle Projekte haben unterschiedliche Wirkungen. Die Romane sprechen bestimmte Menschen an, die sich vielleicht sonst gar nicht mit Gestaltung beschäftigen. Dann kriegt man plötzlich E-Mails von Abiturient*innen, die in der Schule das Buch lesen, super. „Updating Germany“ war ein Diskurs mit einem Fachpublikum. „Weltentwerfen“ lesen viele Studierende. Das Spannende bei „ReDeRe“ ist, dass wir hier im und mit dem politischen System arbeiten. Und vielleicht erreichen wir, dass sich dadurch auch Politiker*innen mit Design befassen.



Fast zehn Jahre liegen zwischen deinem Buch „Weltentwerfen“ und „ReDeRe“. Hat sich deine Vorstellung von politischer Designtheorie seitdem verändert, oder ist „ReDeRe“ die konsequente praktische Fortsetzung?
Ich würde sagen, es ist eine Fortsetzung. Ich habe „Weltentwerfen“ geschrieben, um zu fassen, was ich als Design verstehe. In vielen Vorträgen und in der Lehre ist mir immer wieder begegnet: „Das ist doch nicht Design!“ Weil dieser Produktbegriff immer noch so stark etabliert war. Am Ende ging es immer um das physisch materielle Ding. Seit dem Erscheinen im Jahr 2016 hat sich viel geändert, der Designbegriff ist weiter und weicher geworden. Mit „ReDeRe“ gehen wir jetzt rein in den politischen Raum, kein erweiterter Designbegriff, sondern ganz konkrete Gestaltung, eben Wahlurne, Orden und Adler.
Was ist denn dein persönlicher Beweggrund, sich diesem Thema zu widmen?
Ich habe vor vielen, vielen Jahren Architektur studiert, weil mich die Vorstellung, dass man mit Gestaltung Gesellschaft verändern und verbessern kann, berührt hat. Als materiell denkender Mensch, der schöne Dinge mag, schöne Räume, fand ich es sinnvoller, Gestaltung in einen Kontext mit einem emanzipatorischen Anspruch zu setzen. In der Realität der 1990er-Jahre war Architektur aber etwas anderes als das, weshalb ich angefangen hatte zu studieren. Und daher habe ich mich dann in die Theorie bewegt, in die künstlerische Praxis und habe am Ende immer noch das Ideal, dass wir Gestalter*innen die Gesellschaft verbessern sollten.
Und was würdest du Besucher*innen sagen, die nach dem Ausstellungsbesuch denken: „Nett gestaltet, ändert aber nichts"?
Dann ändere du es doch!




„Adler, Orden, Wahlurne. Redesigning Democratic Representation.“
28. August 2026 – 21. Februar 2027
Eröffnung: Donnerstag, 27. August 2026, 19 Uhr
Museum Angewandte Kunst Frankfurt
„ReDeRe – Redesigning Democratic Representation"
Leitung: Friedrich von Borries (HFBK Hamburg) und Sven T. Siefken (Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung). Gefördert von der VolkswagenStiftung, in Kooperation mit dem Deutschen Design Club (DDC) und dem Verein Demokratie Innovation.







