
Von der Inneren Mongolei in die Welt
Vor welcher Aufgabenstellung oder vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Planung und beim Bau des West Wusutu Community Center?
Zhang Pengju: Das Projekt entstand aus dem Bedürfnis des Dorfes West Wusutu, einen Ort der Gemeinschaftzu schaffen. Vor einigen Jahrzehnten besaß das Dorf noch solche Versammlungsorte, doch sie verschwanden mit der Zeit. Daneben sollte das Zentrum auch Ausstellungsräume für die lokalen Künstler*innen aufnehmen. Schließlich umfasste das Raumprogramm auch noch Gewerbeflächen. Sie sind gedacht für junge Menschen, die in das Dorf zurückkehren wollen, um dort Unternehmen aufzubauen. Im Hinblick auf eine Wiederbelebung des Dorfes sind solche Angebote sehr wichtig. Aber das neue Gebäude sollte auch dynamisch konzipiert sein, um auf zukünftige Veränderungen reagieren zu können. All diese unterschiedlichen Anforderungen und Funktionen in einem relativ kleinen Bauwerk unterzubringen und sinnvoll miteinander zu verknüpfen – das war die größte Herausforderung.
Wie haben Sie diese Bauaufgabe und die Wünsche der Einwohner von West Wusutu in Architektur übersetzt?
Das Raumprogramm sah in erster Linie Innenräume vor, um die verschiedenen Funktionen abzudecken, die das Gemeinschaftszentrum erfüllen sollte. Mir waren jedoch die Außenräume mindestens ebenso wichtig wie die Innenräume. Deshalb haben wir so großes Augenmerk auf die Außenbereiche gelegt.


„Die Frage, wie Licht effektiv in Innenräume gebracht werden kann, war ein zentraler Aspekt beim Entwurf. Nebenbei spart man natürlich Strom- und Unterhaltskosten, wenn wenig Kunstlicht benötigt wird."
Zhang Pengju
Aber auch die Innenräume sind ausgesprochen raffiniert gestaltet. Warum war Ihnen insbesondere die Lichtführung so wichtig?
In unserer Region mit ihrem kalten Klima spielt Tageslicht eine entscheidende Rolle für den Komfort von Innenräumen, insbesondere im Winter. Die Frage, wie Licht effektiv in Innenräume gebracht werden kann, war deshalb ein zentraler Aspekt beim Entwurf. Nebenbei spart man natürlich Strom- und Unterhaltskosten, wenn wenig Kunstlicht benötigt wird. Die Ausstellungsräume erforderten dagegen eine andere Art der Belichtung. Sie besitzen kaum Fenster und werden stattdessen von Oberlichtern erhellt. Hier zeigt das Projekt sicherlich die komplexeste Lichtführung.
Das Gebäude ist größtenteils aus gebrauchten und wiederverwendeten Ziegeln errichtet. Was hat Sie zu dieser Materialwahl bewogen und welche anderen Baumaterialien haben Sie verwendet?
In West Wusutu wurden in den letzten Jahren viele alte Gebäude abgerissen. Dabei fiel eine enorme Menge an gebrauchten Ziegeln an. Die haben wir recycelt und damit das Gemeinschaftszentrum gebaut. Das hatte nicht nur Nachhaltigkeitsgründe. Zum einen sind die alten Ziegel Teil des kulturellen Gedächtnisses des Dorfs. Zum anderen konnten wir durch das Recycling auch die Baukosten senken. Auf diese Weise mussten wir nur wenig Zement und Beton kaufen. Andere Baumaterialien haben wir praktisch gar nicht verwendet.

Zentrales Element Ihres Baus ist der kreisrunde Innenhof. Wozu dient er? Ist die Form typisch für die Region?
Der Hof ist in meinen Augen das wichtigste Element des gesamten Entwurfs. Er dient als zentraler Anziehungspunkt für die unterschiedlichen Nutzer*innen des Gemeinschaftszentrums und fördert dadurch die Kommunikation untereinander. Gleichzeitig besitzt dieser kreisförmige Raum eine gewisse spirituelle Qualität. Der Platz, an dem sich heute der Hof befindet, war ursprünglich der Standort des Dorfschreins. Im Gedächtnis der Dorfbewohner ist dieser Ort deshalb eng mit spirituellen Erfahrungen verknüpft. Wir wollten diese Spiritualität durch einen archetypischen Raum zum Ausdruck bringen. Und noch eine Verbindung zur Tradition des Dorfes und seiner Bewohner wollten wir mit der Form des Hofes herstellen: Die meisten Einwohner von West Wusutu haben mongolische Wurzeln. Die Rundzelte der Mongolen, die Jurten, dienten ihnen sowohl als Wohn- als auch Versammlungsorte. Rundräume sind somit Teil des kollektiven Gedächtnisses der Volksgruppe. Auch darauf verweist der Hof mit seiner Form.
Können Sie uns ein wenig über die Architekturtraditionen der Inneren Mongolei erzählen?
Wie gesagt ist die Jurte die traditionelle Wohnstätte der nomadischen Mongolen. Diese Lebensform findet sich bis heute vor allen Dingen in den großen Grassteppen der Mongolei. Die sesshaften Bevölkerungsgruppen übernahmen dagegen traditionelle chinesische Bauweisen wie Hofhäuser, Höhlenwohnungen und Stampflehmbauten. Eine wichtige Rolle in der Architekturgeschichte der Inneren Mongolei spielen die buddhistischen Tempel. Der tibetische Buddhismus war in den mongolischen Reichen Staatsreligion. Deshalb gibt es in der Inneren Mongolei bedeutende Tempel- und Klosteranlagen, die teils an tibetanische Bautraditionen anknüpfen. Es gibt zudem bei uns auch Zeugnisse der islamischen Architektur.

Welche Faktoren bestimmen die Architektur in der Inneren Mongolei?
Ein wesentlicher Faktor, der das Bauen in der Inneren Mongolei prägt, ist das Klima. Das gilt sowohl für die traditionelle wie für die moderne Architektur. Es ist hier oft sehr kalt. Die Sommer können zwar heiß sein, sind aber nur kurz. Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Ökonomie. Die Region zählt zu den wenig entwickelten in China – abgesehen von einigen Wirtschafts- und Verwaltungszentren. Drittens spielen die Topografie und Demografie des Landes eine entscheidende Rolle: Große Teile der Inneren Mongolei sind Wüsten- oder Steppengebiete mit geringer Bevölkerungsdichte. Die riesigen Entfernungen verteuern den Materialtransport enorm. Deshalb ist es wichtig, lokal verfügbare Ressourcen zu nutzen.
Vor Kurzem ist in Europa Ihre Werkmonografie „Genuine Construction. Zhang Pengju’s New Regionalism in Inner Mongolia“ erschienen. Was verbirgt sich hinter dem Titel?
Ich habe diesen Begriff gewählt, um meine Gestaltungsphilosophie zu beschreiben. Mir geht es um authentisches und aufrichtiges Bauen. Das bedeutet für mich, die äußeren Bedingungen vollumfänglich zu berücksichtigen: Der lokale Kontext, der ökonomische Rahmen, die lokal verfügbaren Materialien, Ressourcen und Möglichkeiten – all das bestimmt die Art des Hauses, das wir bauen. In diesem Rahmen entwickeln wir die am besten geeignete Lösung. Es geht darum, Bedingungen und Bedürfnisse bestmöglich miteinander in Deckung zu bringen. Das Ergebnis ist zwangsläufig unprätentiös – ein aufrichtiges Haus.
Oftmals wird bei Ihnen die Architektur zum Teil der Landschaft. Welche Idee steckt dahinter?
Das machen die Menschen in der Inneren Mongolei seit jeher. Für mich ist die Integration von Architektur in die Natur ein Leitprinzip. Die Natur verschönert jede Architektur und gutes Bauen kann einen schönen Ort sogar noch aufwerten. Wir bemühen uns bei jedem Projekt, die Natur nicht zu beschädigen. Tatsächlich kommen wir manchmal zu dem Schluss, dass an bestimmten Orten eine Bebauung die Landschaft zu sehr beeinträchtigen würde. Dann überzeugen wir unsere Kunden davon, dort nicht zu bauen.
Sie lehren bereits seit vielen Jahren Architektur als Professor an der Universität. Gibt es eine Kernbotschaft, die Sie Ihren Studierenden vermitteln möchten?
Ich könnte stundenlang über meine Ideen zu den unterschiedlichsten Aspekten reden. Aber wenn ich es mit einem Satz beschreiben sollte, würde ich sagen: Architektur muss menschenorientiert und ortsspezifisch sein.
Sie wurden als Architekt bereits vielfach ausgezeichnet. Vor Kurzem sind Sie in die hochangesehene Chinesische Akademie der Ingenieurwissenschaften berufen worden. Läge es da nicht nahe, dass Sie auch in Peking, Shanghai oder im Ausland Projekte realisieren?
Wenn das meine Absicht wäre, ließe sich das gewiss verwirklichen. Und sicherlich wäre meine Arbeit dann sichtbarer als hier in der Inneren Mongolei. Aber ich habe nie daran gedacht, wegzugehen. Ich möchte in der Inneren Mongolei bleiben und hoffe, dass ich weiterhin an solchen Projekten arbeiten und an der Universität lehren kann wie bisher.




Genuine Construction.
Zhang Pengju’s New Regionalism in Inner Mongolia
Zhang Pengju (Hrsg.)
Park Books 2025
ISBN 978-3-03860-415-0
48 €
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