Das Magazin des German Design Council
Vom 30. Oktober 2026 bis zum 4. April 2027 widmet das Museum für Gestaltung Zürich der niederländischen Designerin Sabine Marcelis eine umfassende Einzelausstellung Foto: Titia Hahne
Sabine Marcelis in Zürich

„Ich gestalte die Beziehung zwischen
Material und Licht”

Interview: Andrea Eschbach
AusstellungDesign
Hinter der klaren Ästhetik von Sabine Marcelis steckt eine radikale Neugier auf Materialien und ihre Möglichkeiten. Ein Gespräch mit der niederländischen Designerin der Stunde über Licht, Farbe – und ihre erste Solo-Show im Museum für Gestaltung Zürich.

Deine Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich versammelt Arbeiten aus verschiedenen Phasen deiner bisherigen Praxis und ergänzt sie durch neue, ortsspezifische Arbeiten. Was passiert, wenn man sein eigenes Werk plötzlich als Ganzes betrachtet? Hast du dabei selbst Linien oder Konstanten entdeckt, die dir während der Entstehung der einzelnen Projekte vielleicht gar nicht so bewusst waren?

Sabine Marcelis: Ich fühle mich definitiv noch zu jung für eine Retrospektive. Deshalb habe ich mich der Ausstellung auch nicht unter diesem Gesichtspunkt genähert. Ich möchte vielmehr meine Arbeitsweise zeigen und vermitteln, wie sich Materialien durch den Einsatz von Licht und Farbe verändern und zu faszinierenden Objekten und Installationen verarbeiten lassen. Es fällt mir auch nicht leicht, zurückzublicken, weil ich so sehr damit beschäftigt bin, vorwärtszugehen. Umso schöner ist es, einmal innezuhalten und das bisher Erreichte zu betrachten. In den vergangenen Jahren haben mein großartiges Team und ich zahlreiche Projekte realisiert. Ich bin sehr stolz, dass einige davon hier gemeinsam präsentiert werden. Sie vermitteln einen Einblick in meine gestalterische Welt, die ich nun mit den Besucherinnen und Besuchern des Museums teilen darf. 

In deiner Arbeit scheint das Objekt oft nur der Ausgangspunkt für etwas Größeeres zu sein: für eine Wahrnehmung, eine Atmosphäre oder eine räumliche Erfahrung. Wo beginnt für dich ein Objekt – und wo hört es auf?

Am Anfang steht immer das Material. Ich bin keine Designerin, die ihre Entwürfe zunächst auf Papier skizziert. Inspiration finde ich in der Werkstatt, im unmittelbaren Kontakt mit dem Material und im Produktionsprozess. Ich möchte experimentieren und herausfinden, wie sich ein Material formen und beeinflussen lässt. Die konkrete Form ergibt sich daraus und wird so entwickelt, dass ein bestimmter Effekt möglichst stark zur Geltung kommt. Im Grunde gestalte ich die Beziehung zwischen Material und Licht. Diese verändert sich je nach Lichtverhältnissen, Raum und der Person, die vor dem Objekt steht. In gewisser Weise ist ein Objekt deshalb nie ganz abgeschlossen. Ich möchte Objekte und Installationen schaffen, die auf dynamische Weise erlebt werden, obwohl sie selbst vollkommen statisch sein können.
 

„Im Grunde gestalte ich die Beziehung zwischen Material und Licht.“
Sabine Marcelis

Du hast beschrieben, dass du bei Materialien nach Momenten suchst, die etwas Magisches haben. Gleichzeitig ist deine Arbeitsweise stark von Produktion, Technik und Experiment geprägt. Wie finden Intuition und Kontrolle in deinem Entwurfsprozess zusammen? Und an welchem Punkt wird dir klar: Jetzt sollte ich aufhören, weiter zu optimieren?

Die interessantesten Effekte entstehen oft durch Zufall. Anschließend versuche ich, den zugrunde liegenden Prozess zu verstehen und so weiterzuentwickeln, dass sich das Ergebnis reproduzieren lässt. Ich schaffe die Voraussetzungen, kann aber nicht alles kontrollieren. Zu wissen, wann man aufhören sollte, ist für mich eher eine Frage des Gefühls als der Logik. Wenn ich nichts mehr verändern möchte, ist das meistens ein Zeichen dafür, dass die Arbeit abgeschlossen ist. Meine Entscheidungen beruhen durchaus auf viel Wissen und Recherche. Gleichzeitig vertraue ich stark meinem Bauchgefühl. Intuition sollte man nicht unterschätzen. Sie macht uns einzigartig und verleiht Designer*innen und Künstler*innen ihre unverwechselbare Perspektive.

Deine Formen sind oft erstaunlich reduziert: ein Kreis, ein Block, eine Scheibe, eine klare geometrische Figur. Ist diese Reduktion für dich eine Möglichkeit, dem Material möglichst viel Raum zu geben? Oder ist die Form selbst ebenso präzise komponiert wie Farbe und Licht?

Ich denke beides. Ich möchte keine Ablenkungen oder dekorativen Elemente schaffen, die keinen eigentlichen Zweck erfüllen. Mich interessieren Formen, die nicht mit dem Materialeffekt konkurrieren, sondern ihn hervorheben. Gleichzeitig fühle ich mich von bestimmten Formen, etwa dem Torus oder dem Kreis, ganz unmittelbar angezogen und finde immer wieder neue Gründe, sie einzusetzen. Im Kern geht es mir darum, zum Wesentlichen vorzudringen. Das hat weniger mit Minimalismus zu tun, als vielmehr mit einer Art Reinheit – einer Klarheit, die die Eigenschaften des Materials zur Geltung bringt.
 

Farbe ist in deiner Arbeit selten bloß Oberfläche. Sie entsteht durch Transparenz, Tiefe, Reflexion oder dadurch, wie Licht durch ein Material fällt. Hast du so etwas wie eine eigene Farbtheorie – oder misstraust du  festen Systemen und Kategorien gerade deshalb?

Ich nehme Farbe je nach Material und Art ihrer Anwendung unterschiedlich wahr. Mich interessiert Farbe, die im Material selbst steckt. Bei Harz und Glas verändert sie sich abhängig von der Materialstärke, dem Volumen, der Oberflächenstruktur und davon, wie das Licht hindurchtritt. Dasselbe Objekt kann unter unterschiedlichen Bedingungen völlig anders wirken. Ich setze Farbe gezielt ein, um räumliche Tiefe und Emotionen zu erzeugen und das Licht zu filtern. Sie kann die Wahrnehmung eines Raumes entscheidend beeinflussen. Auch mein Umgang mit Farbe ist stark von Erfahrungen geprägt, aber ebenso von meiner Intuition. Ich arbeite gerne mit warmen Farbtönen und mit Kombinationen, die mitunter überraschend sind. Ich liebe Farbe und möchte mit meiner Arbeit und dieser Ausstellung zeigen, wieviel Freude es macht, sie als gestalterischen Impuls einzusetzen.

Harz hat deine Arbeit über viele Jahre stark geprägt. Gleichzeitig ist es ein Material, dessen ökologische Problematik heute kaum auszublenden ist. Du beschäftigst dich inzwischen auch mit alternativen und zirkulären Materialien. Wie verändert dieses Bewusstsein deine Beziehung zu einem Material, das so eng mit deiner gestalterischen Sprache verbunden ist? Gibt es einen Punkt, an dem man sich auch von einem geliebten Material verabschieden muss?

Harz und Glas sind meine liebsten Materialien, weil sie so viele unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten bieten. Ihre Transparenz ermöglicht ein faszinierendes Zusammenspiel von Licht und Farbe. Gleichzeitig erwarte ich von den Materialien, mit denen ich arbeite, immer mehr. Seit 2022 integrieren wir Solarzellen in unsere gläsernen Außenskulpturen. Dadurch sind sie energieautonom und können sich nachts selbstständig beleuchten. Generell gehe ich sehr bewusst und verantwortungsvoll mit Materialien um. Ich bin überzeugt, dass wir Designerinnen und Designer die Verantwortung haben, Materialien und Herstellungsverfahren einzusetzen, die zum Markt und zum jeweiligen Kontext passen. Harz verwende ich deshalb ausschließlich für Unikate und kleine Serien. Zudem fordern wir unsere Lieferanten kontinuierlich dazu auf, den biobasierten Anteil des Materials zu erhöhen. Kürzlich haben wir ein Harz erhalten, das zu 99 Prozent biobasiert ist und mit dem wir derzeit intensiv experimentieren. Es ist unglaublich spannend, solche Innovationen mitzuerleben. Ich möchte diese Entwicklung unbedingt weiter vorantreiben.

 

Deine Arbeit bewegt sich heute zwischen Sammlerobjekten, Produkten, großen Installationen, öffentlichen Räumen und Ausstellungsarchitekturen. Verändert sich deine Vorstellung von Gestaltung, wenn du nicht mehr für eine*n einzelne*n Betrachter*in oder Nutzer*in, sondern für Hunderte oder Tausende von Menschen entwirfst?

Ja und nein. Die Herangehensweise und das Ziel bleiben dieselben. Wenn ein Objekt für einen ganz bestimmten Ort entworfen wird, kann dieser Ort allerdings viele gestalterische Entscheidungen beeinflussen. Dann interessiert es mich besonders, etwas Ortspezifisches zu schaffen, das eine eigene Bedeutung für diesen Ort entwickelt. Bei Produkten, die in größeren Stückzahlen hergestellt werden, ist es mir hingegen wichtiger denn je, sie möglichst zeitlos zu gestalten. Ich reduziere sie auf das Wesentliche, damit sie in ganz unterschiedlichen Wohnsituationen ihren Platz finden und Menschen über längere Zeit begleiten können – auch wenn sie einmal umziehen. Entscheidend ist für mich die richtige Balance zwischen Zeitlosigkeit, einer gewissen Offenheit in der Interpretation und einer Gestaltung, die zugleich unverkennbar die Handschrift meines Studios trägt.

Du hast einmal gesagt, dass die Erfahrung selbst zur Funktion werden kann. In einer Zeit, in der Design häufig über Effizienz, Nachhaltigkeit oder Problemlösung definiert wird: Welche Bedeutung hat für dich heute noch das rein Sinnliche, das Staunen, die Irritation oder einfach der Wunsch, etwas länger anzuschauen?

Die emotionale Erfahrung, die ein Objekt oder eine Installation ermöglicht, kann ebenso sehr eine Funktion sein wie die physische Ergonomie. Davon bin ich überzeugt. Viele meiner Arbeiten geben beispielsweise nicht genügend Licht ab, um einen Raum so auszuleuchten, dass man darin unter optimalen Bedingungen lesen kann. Aber sie verändern, wie man sich in diesem Raum fühlt. Und das ist für mich Grund genug, dass sie existieren. Gutes Design lässt sich nicht allein dadurch rechtfertigen, dass es Probleme löst. Auch die sinnliche und emotionale Erfahrung ist wichtig.
 

Wenn du auf die kommenden Jahre blickst: Gibt es etwas, das du noch nicht beherrschst oder ein Material, eine Technik oder einen Maßstab, an dem du dich bewusst reiben möchten? Anders gefragt: Wo suchst du im Moment nach dem nächsten unbekannten Terrain?

Mich interessieren Technologien, die direkt in Materialien integriert werden, wie die Solarzellen, mit denen ich bei energieautonomen Arbeiten für den öffentlichen Raum experimentiere. Gleichzeitig möchte ich mit sehr alten Techniken auf zeitgenössische Weise arbeiten. Kürzlich habe ich ein Projekt mit japanischen Urushi-Meistern realisiert. Es gibt kaum etwas Inspirierenderes, als mit erfahrenen Handwerkerinnen und Handwerkern zusammenzuarbeiten und dabei traditionellen Techniken einen neuen Blickwinkel zu eröffnen.

Ausstellung

Sabine Marcelis – Light and Color

30. Oktober 2026 – 4. April 2027

Museum für Gestaltung Zürich
Zürich, Schweiz 

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