
Welche Gestaltung brauchen wir heute?
Mehr Funktionen, mehr Komfort, mehr Effizienz: Technischer Fortschritt hat das Produktdesign über Jahrzehnte geprägt. Doch die Maßstäbe verschieben sich. Ein innovatives Material ist nicht automatisch nachhaltig, eine intelligente Anwendung nicht unbedingt hilfreich. Auch die internationale Designausbildung reagiert darauf.
Die Finalist*innen des German Design Award Newcomer kommen von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, der Kunsthochschule Berlin Weißensee, der Fachhochschule Potsdam, der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, dem Umeå Institute of Design in Schweden und der Zürcher Hochschule der Künste. Was sie verbindet, ist also weniger eine gemeinsame gestalterische Schule als ein Designverständnis, das Materialforschung, Technologie und aktuelle gesellschaftliche Fragen zusammendenkt. Hinzu kommt die Fähigkeit, nicht nur überzeugende Lösungen zu entwickeln, sondern auch zu erkennen, welche Probleme überhaupt eine gestalterische Antwort verlangen.
Wenn aus Abfall ein Werkstoff wird
Friedrich Gerlach von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle sucht nach Antworten in der Materialforschung. Gemeinsam mit Julia Huhnholz entwickelte er den Biocement Chair, einen Stuhl aus mineralischen Reststoffen, die durch bakterielle Prozesse verfestigt werden. Ein energieintensiver Brennprozess entfällt. Auch das Lumo Sofa System untersucht alternative Produktionsweisen: Die Sitzschale entsteht im 3D-Druck aus Sägemehlresten und mineralischem Bindemittel, ein abnehmbarer Wollbezug erleichtert die Trennung der Materialien. Gerlachs Arbeit zeigt, wie nachhaltige Materialkreisläufe praktisch funktionieren können. Das Übersetzen von Forschungsergebnissen in industrielle Anwendungen sieht Gerlach als Aufgabe des Produktdesigns.
„Viele Technologien sind so neu, dass sie noch in der Forschung stecken, und der Transfer in die Industrie dauert sehr lange.”
Friedrich Gerlach
Die Schönheit des Unvollkommenen
Fumino Hasegawa von der Weißensee Kunsthochschule Berlin stellt dem Streben nach Langlebigkeit eine andere Perspektive gegenüber. Ihr Projekt Sugarid besteht aus einem filigranen Deckel aus Zucker, der sich über einer heißen Tasse langsam auflöst. Das Verschwinden ist Teil des Entwurfs. Inspiriert vom japanischen Konzept der Vergänglichkeit untersucht Hasegawa die emotionale Beziehung zwischen Menschen und Objekten. In The Space Between macht sie mit einem durch Wasserdampf bewegten Deckel aus Washi-Papier die Wartezeit beim Teetrinken zum bewussten Erlebnis. Und in ihrer Glasvasenserie Bubla werden Luftblasen, gewöhnlich ein unerwünschter Produktionsfehler, zum gestalterischen Merkmal.
„Mich interessiert an Fehlern und ungeplanten Ergebnissen, dass sie oft Möglichkeiten eröffnen.”
Fumino Hasegawa
Wenn Textilien eine Stimme bekommen
Je mehr Funktionen auf Bildschirme wandern, desto interessanter wird die Frage, was digitale Interfaces von körperlicher Erfahrung lernen können. Nicole Schönherr von der Weißensee Kunsthochschule Berlin untersucht mit ihrer Masterarbeit Talking Textiles eine wenig beachtete Eigenschaft von Textilien: ihren Klang. Eine Fußmatte, eine Decke und ein Kissen verbinden textile Strukturen mit leitfähigen Garnen und Sensoren. Durch Berührung entstehen unterschiedliche, von ASMR inspirierte Klänge. „Textilien können eine multisensorische Beziehung herstellen, die ein Bildschirm nicht vermag“, erklärt Schönherr. Sie erforscht das Potenzial solcher Anwendungen für Entspannung und emotionale Selbstregulation. Ob die angestrebte Wirkung tatsächlich eintritt, soll eine wissenschaftliche Untersuchung zeigen. Damit bewegt sie sich an der Schnittstelle von Textildesign, Mensch-Computer-Interaktion und Gesundheitsforschung.
„Die Verantwortung des Designs besteht darin, ehrlich mit seinen Grenzen umzugehen.”
Nicole Schönherr
Künstliche Intelligenz mit klaren Grenzen
Auch Benedikt Herzau, der nach seinem Studium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin heute am Umeå Institute of Design in Schweden studiert, interessiert sich dafür, digitale Technologie körperlich verständlich zu machen. Sein Ambient-Synthesizer NOISE nutzt Murmeln mit integrierten RFID-Chips, mit denen sich individuelle Klanglandschaften komponieren lassen. Die vertraute Bewegung ersetzt abstrakte Bedienmenüs. Im gemeinsam mit Clara Häggström Germann, Leon Burg und Pius Burkhardt entwickelten Projekt MOJI geht es um eine noch grundsätzlichere Frage: Welche Rolle soll künstliche Intelligenz im Kinderzimmer spielen? Das modulare Spielzeug entwickelt aus den Ideen von Kindern Geschichten, deren Verlauf sie selbst beeinflussen. Bewusst verzichtet das Konzept auf persönliche Dialoge oder eine künstliche Persönlichkeit. Die KI soll die Fantasie unterstützen, nicht menschliche Beziehungen imitieren.
„Vertrauenswürdig wird ein intelligentes Produkt, wenn es unterstützt, ohne der nutzenden Person das Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung zu nehmen.”
Benedikt Herzau
Abschied vom einsamen Genie
Katharina Brackemann von der Fachhochschule Potsdam hinterfragt bereits die Voraussetzungen des Entwerfens. Für ihre Bachelorarbeit Believing in Together besuchte sie 16 kreative Kollektive in Mexiko, Chile, Australien und Indonesien. Entstanden sind eine Publikation und ein Kurzfilm über gemeinschaftliche Arbeitsformen, in denen Wissen, Ressourcen und Verantwortung geteilt werden. Mit TOPYA, das sie gemeinsam mit Mia Mahn und Lisa Wesseler weiterentwickelt, überträgt sie diesen Ansatz in die Praxis. In offenen Workshops entstehen gemeinsam erdachte Zukunftsbilder, veröffentlicht als selbst gestaltete Hefte mit Texten, Zeichnungen und Collagen, sogenannte Zines. Im Mittelpunkt steht nicht das fertige Ergebnis, sondern die gemeinsame Ideenentwicklung. Für Brackemann bedeutet das auch, Machtverhältnisse und Autorenschaft kritisch zu hinterfragen. „Weg mit dem Mythos vom einsamen Genie!“, fordert sie.
„Wir müssen nicht auf eine Revolution warten, um die Gesellschaft zu verändern. Wir können heute anfangen, so zu leben, als wär sie längst passiert!”
Katharina Brackemann
Die fünf Finalist*innen vertreten keine einheitliche Vorstellung von gutem Design. Ihre Arbeiten reichen von experimenteller Materialforschung über interaktive Produktkonzepte bis zu kollektiven Gestaltungsprozessen. Gerade ihre Unterschiede zeigen, wie sehr sich die Anforderungen an die Disziplin erweitern. Neue Materialien müssen ihre ökologische Bilanz beweisen, intelligente Produkte ihre gesellschaftlichen Konsequenzen berücksichtigen und partizipative Ansätze ihren Anspruch auf Teilhabe einlösen. Gestalterische Exzellenz bemisst sich damit nicht allein an der Qualität eines Entwurfs, sondern auch an der Verantwortung für seine Wirkung.
Die interessanteste Frage lautet vielleicht nicht mehr, was Design alles möglich macht, sondern was davon tatsächlich sinnvoll ist. Wer als Newcomer of the Year 2027 ausgezeichnet wird, gibt der German Design Council am 29. Januar 2027 im Rahmen der Award Show des German Design Award in Frankfurt am Main bekannt.
Über den German Design Award – Newcomer
Große Talente brauchen ein Forum! Der Newcomer Award des German Design Council fördert junge Designerinnen und Designer, die durch außergewöhnliche Leistungen und kreatives Talent auf sich aufmerksam machen. Zu den ehemaligen Preisträger*innen gehören zahlreiche heute namhafte Designer*innen wie Eva Marguerre, Marcel Besau, Sebastian Herkner und Christian Zanzotti.













